ATP Finals

Sechs Punkte, die Federer heute beachten muss, wenn er Djokovic schlagen will

Zu oft musste Federer Djokovic in den letzten Jahren zum Sieg gratulieren.

Zu oft musste Federer Djokovic in den letzten Jahren zum Sieg gratulieren.

Heute Donnerstag trifft Roger Federer an den ATP Finals auf Novak Djokovic, um sich das Ticket fürs Halbfinale zu sichern. Keine leichte Aufgabe für den Maestro.

Das grosse Rechnen blieb gestern aus. Weil Dominik Thiem Novak Djokovic in einem der besten Tennis-Matches der Saison in drei Sätzen schlug, ist klar, dass Roger Federer ein Sieg im letzten Gruppenspiel gegen Djokovic (heute um 21 Uhr) reicht, um in den Halbfinal vorzustossen.

Doch Djokovic zu schlagen erwies sich für den 38-jährigen Baselbieter zuletzt als schwieriges Unterfangen. 22:26 liegt er im Head-to-Head zurück. Von den letzten elf Duellen gegen die serbische Weltnummer 2 hat Federer nur zwei gewonnen und der letzte Sieg liegt bereits vier Jahre zurück. Im Hinterkopf hat der «Maestro» sicher noch die ärgerliche Niederlage im Sommer im epischen Wimbledon-Final nach zwei vergebenen Matchbällen.

Falls Federer trotz seiner 22 Siege vergessen haben sollte, wie Djokovic zu schlagen ist, hat er gestern von Thiem Anschauungsunterricht erhalten. Wie Federer vor dem TV selbst gesehen hat, spielte der Österreicher aggressiv, druckvoll und furchtlos und stellte den «Djoker» so immer wieder vor unlösbare Probleme.

Die besten Punkte vom Match Thiem vs. Djokovic:

Aber Federer spielt nicht wie Thiem. Der 20-fache Grand-Slam-Sieger hat andere Stärken und Waffen, um den «Djoker» ins Wanken zu bringen. Das weiss er natürlich auch selbst.

Federer zum Djokovic-Match:

Das hoffen wir auch. Und falls sich Federer diese sechs Punkte zu Herzen nimmt, dann könnte es nach vier Jahren endlich wieder mit einem Sieg gegen Djokovic klappen.

1. Perfekter Aufschlag

Federers Aufschlag gehört zwar nicht zu den härtesten auf der Tour, doch dank hoher Variabilität und Präzision dennoch zu den besten überhaupt. Im ersten Gruppenspiel gegen Thiem, das Federer 5:7, 5:7 verlor, überraschte es deshalb, dass Federer Mühe hatte, die richtigen «Spots», wie er es nannte, zu treffen.

Federers Aufschlag ist ein Schlüssel fürs Duell mit Djokovic.

Federers Aufschlag ist ein Schlüssel fürs Duell mit Djokovic.

Solche Ungenauigkeiten kann er sich gegen Djokovic noch weniger leisten als gegen Thiem. Gegen den besten Returnspieler der Welt braucht Federer mit dem Aufschlag möglichst viele Gratispunkte, um in den eigenen Service-Games nicht in Bedrängnis zu kommen und sich auf die Return-Spiele konzentrieren zu können.

Eine kleine Steigerung hat Federer bereits hingelegt. Beim 7:6, 6:3 im zweiten Gruppenspiel gegen Matteo Berrettini funktionierte der Aufschlag zumindest in den wichtigen Momenten hervorragend. Dank dem Service behielt der «Maestro» im Tiebreak die Oberhand und beim Stand von 4:3 im zweiten Satz wehrte er dank drei ersten Aufschlägen alle drei Breakbälle des Italieners ab.

Schanghai 2014: Federer hämmert Djokovic vier Asse um die Ohren:

2. Bedingungslose Offensive

Djokovic spielt von der Grundlinie wie ein Roboter. Dank seiner Beweglichkeit kommt er selbst an die schwierigsten Bälle und kann sie mit guter Länge zurückspielen. Hat er seinen Rhythmus gefunden, gibt es meist kein Mittel mehr gegen den «Djoker».

Deshalb gilt es für Federer, Djokovic nicht in diesen Rhythmus kommen zu lassen. Thiem hat gezeigt, wie das zu bewerkstelligen ist: mit bedingungsloser Offensive. Wann immer möglich hat der Österreicher die Initiative ergriffen und versucht, Djokovic mit seinen knallharten Grundlinienschlägen unter Druck zu setzen, um dann ans Netz vorzurücken.

Dasselbe muss Federer tun. Allerdings hatte er gegen Djokovic zuletzt oft den Hang, zu früh den Weg nach vorne zu suchen, was gegen den Defensiv-Spezialisten im Desaster enden kann. Aggressiv bleiben, aber nicht kopflos angreifen, lautet deshalb das Motto.

3. Hohe Risikobereitschaft

Das Spieldiktat kann Federer gegen Djokovic nur an sich reissen, wenn er bei seinen Grundschlägen ans Limit geht und in den richtigen Momenten die Linien sucht. Gleichzeitig muss er aber auch die Fehlerquote tief halten, was kein einfacher Spagat werden wird.

Federers Vorteil gegenüber Thiems Tennis ist, dass er mehr variieren kann als sein Bezwinger vom Sonntag. Der Schweizer könnte hin und wieder etwas Tempo aus seinen Schlägen rausnehmen und versuchen Djokovic mit Slice-Topspin-Wechseln und Winkelspiel zu mehr Fehlern zu zwingen. Doch das birgt grosses Risiko. Fehlt Federers Bällen die Präzision, schlägt der Serbe meist gnadenlos zurück.

4. Starke Beinarbeit

Auch mit 38 zeigt Federer immer wieder, dass er nur wenig von seiner Explosivität eingebüsst hat. Doch in London wirkt der 20-fache Grand-Slam-Sieger bislang ziemlich verkrampft und nicht wirklich spritzig. Das wirkte sich sofort auf die Qualität seiner Schläge aus: Oft stimmte das Timing nicht, weshalb die Fehlerquote vor allem auf der Vorhand-Seite zu hoch war.

Gegen Djokovic wäre eine solche wie bereits erwähnt fatal. Nur wenn Federer von der Grundlinie mithalten und die Zahl der Unforced Errors tief halten kann, hat er seine reelle Siegchance.

Manchmal fliegt Federer förmlich über den Court, das muss er auch heute gegen Djokovic tun.

Manchmal fliegt Federer förmlich über den Court, das muss er auch heute gegen Djokovic tun.

5. Konsequente Chancenauswertung

Gegen Djokovic ist immer entscheidend, dass man seine meist nicht sehr zahlreichen Chancen konsequent nützen kann. Genau das war bei Federer gegen den Serben oft das grosse Manko. Unvergessen, wie der «Maestro» bei seiner Niederlage im US-Open-Final 2015 nur vier seiner insgesamt 23 Breakbälle nutzen konnte. Die Quote betrug magere 17 Prozent.

Zuletzt klappte das schon deutlich besser: In den letzten drei Duellen (Cincinnati 2018, Bercy 2018 und Wimbledon 2019) kam Federer auf eine Verwertungs-Quote von über 50 Prozent. Allerdings erspielte er sich auch nur 16 Chancen, während Djokovic gegen den starken Aufschläger Federer auf 26 kam.

6. Mentale Stabilität

Nicht erst seit dem verlorenen Wimbledon-Final wird davon gesprochen, dass Federer einen Djokovic-Komplex habe. Tatsächlich ist es für den Schweizer in den letzten Jahren extrem schwierig geworden, seinen Erzrivalen zu schlagen. Die «Big Points» gingen meist an den «Djoker» – auch weil Federer in diesen Momenten nicht mit der nötigen Konsequenz und Überzeugung zu Werke ging.

Voller Fokus auf das Djokovic-Spiel.

Voller Fokus auf das Djokovic-Spiel.

Vor dem morgigen «Viertelfinal» wartet die ganze Tennis-Welt auf die grosse Wimbledon-Revanche. Federer ist zwar nicht der Favorit, trotzdem lastet der Druck auf ihm. Fast alle wollen ihn siegen sehen und Federer könnte mit seinem siebten Triumph an den ATP Finals aus einer soliden Saison eine gute machen. Vielleicht kommt dem Schweizer ja entgegen, dass es noch nicht um den Titel, sondern «nur» um die Halbfinal-Qualifikation geht.

Federer über den verlorenen Wimbledon-Final:

Im Schanghai-Halbfinal 2014 liess Federer Djokovic keine Chance:

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