In erster Linie gebührt der Ruhm im Sport den Siegern. In einer Disziplin, in welcher der Gewinner dem Unterlegenen den Rücken abwischt, darf die Schlagzeile für einmal auch Letzterem gewidmet werden.

Damit sind nicht die Aargauer Gastgeber gemeint, in deren Reihen in Brugg ein Überflieger fehlt, und die erstmals seit 2008 keinen ihrer «Bösen» beim Heimauftritt im Schlussgang sehen. Übrigens hiess der Sieger wie gestern Bruno Gisler.

Bruno Gisler gewinnt 111. Kantonalschwingfest

Bruno Gisler gewinnt 111. Kantonalschwingfest

Solothurnischer Triumph in Brugg. Nicht etwa Kronfavorit Armon Orlik, sondern der Rumisberger Bruno Gisler darf Siegermuni Bruno mit nach Hause nehmen.

Vielmehr geht es um Armon Orlik, die grosse Attraktion im Brugger Schachen. Der König der Herzen des Eidgenössischen und der kommende Mann im Schwingsport. Keinen Kampf hat er in diesem Jahr vor Brugg verloren und auch beim Aargauer Kantonalen grüsst der bald 22-Jährige nach vier Gängen und bestechenden Siegen gegen Mario Thürig, Andreas Henzer, Patrick Räbmatter und Andreas Döbeli von seinem derzeitigen Stammplatz an der Ranglistenspitze.

Dann steht das Generationenduell der schwingerischen Schwergewichte mit dem 33-jährigen Bruno Gisler an. Die letzte Chance für Gisler, einen reinen Gäste-Schlussgang zu verhindern. Und tatsächlich, dem Solothurner Routinier gelingt die Sensation. Er kontert einen Angriff Orliks und legt den Bündner auf den Rücken. Ein seltenes Bild.

Die Gewissheit, Orlik bereits vor zwei Jahren beim Kilchberger-Schwinget geschlagen zu haben, gibt ihm bereits vor dem Kampf ein «gutes Gefühl». «Doch mit meinem Festsieg habe ich nun wirklich nicht rechnen dürfen», sagt Gisler später, «schliesslich ist Armon derzeit so etwas wie das Mass der Dinge im Schwingsport.»

Orlik bleibt regungslos liegen

Der Jubel über sein Meisterstück bleibt dem Landwirt mit Hof in Rumisberg indes im Halse stecken. Gegner Orlik fällt derart unglücklich aufs Genick, dass er regungslos liegen bleibt und minutenlang weder Beine noch Arme bewegt. Die Zuschauer im ausverkauften Stadion sind auf einen Schlag mucksmäuschenstill. Man rechnet mit dem Allerschlimmsten.

Sieger Gisler winkt hektisch die Sanitäter heran, auch Vater Paul Orlik kniet bald schon neben seinem erfolgsverwöhnten Sohn. «Wenn man hört, dass er seinen Körper nicht mehr spürt, dann wird es einem schon ziemlich flau im Magen», beschreibt Vater Orlik später diese Minuten.

Noch im Sagmehlring wird der Bündner Überflieger der letzten Saison vom Notfallarzt untersucht. Die Bahre zum Abtransport liegt bereit. Nach unendlich langen Minuten dann die Entwarnung: Orlik richtet sich auf und verlässt die Arena unter dem tosenden Applaus des Publikums sichtlich geschockt, aber auf eigenen Füssen.

Eine Computertomographie im Kantonsspital Baden zeigt, dass sich der letztjährige Schlussgang-Teilnehmer des Eidgenössischen keine Knochen im Hals- oder Wirbelbereich gebrochen hat.

«Es war der Horror»

Was bei Armon Orlik bleibt, ist der grosse Schrecken. Um den Vorfall, den er selber als «den schlimmsten Augenblick» seiner Karriere bezeichnet, mental zu verarbeiten, kehrt der Bündner nochmals an den Ort des Unfalls zurück. Lange, nachdem Schwinger Bruno Gisler für seinen Schlussgang-Sieg gegen den Solothurner «Landsmann» und Trainingskollegen Marcel Kropf den Muni Bruno überreicht bekommt.

Die Helfer sind bereits mit dem Abbau beschäftigt, die Zuschauer haben die Arena längst verlassen. Armon Orlik steht nachdenklich im Sagmehlring: «Ich will eigentlich gar nicht über die Details des Vorfalls sprechen, denn ich muss jetzt nach vorne schauen. Wichtig ist, dass ich in Zukunft auf dem Schwingplatz wieder gleich unbeschwert agieren kann wie bisher. Aber glauben Sie mir: es war der reinste Horror!»

Von den Organisatoren erhält der prominente Gast den Ehrenkranz überreicht. Einen Kranz, den die beiden Aargauer Eidgenossen Nick Alpiger und Patrick Räbmatter überraschend verpassen. Aber das ist eine andere Geschichte.