Estavayer wartet
Schwinger Tiago Vieira möchte zuerst Eidgenosse, dann Schweizer werden

Die «Nordwestschweiz» porträtiert im Vorfeld des Eidgenössischen Schwingfests in Estavayer Hoffnungsträger des Nordwestschweizer Teilverbandes. Heute im Fokus: Tiago Vieira aus Biberstein.

Rainer Sommerhalder
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Wenn Tiago Vieira nicht gerade im Sägemehl steht, dann ist er als Aussendienstmitarbeiter im Bereich Büromaterial für Kundenbesuche unterwegs.

Wenn Tiago Vieira nicht gerade im Sägemehl steht, dann ist er als Aussendienstmitarbeiter im Bereich Büromaterial für Kundenbesuche unterwegs.

Sandra Ardizzone

Frauen fragt man aus Anstand nicht nach dem Gewicht. Und Schwinger? Die Sägemehlring-Athleten verweisen in der Regel mit Stolz auf ihre dreistellige Zahl in der Gewichtstabelle. Ausgerechnet jener, der damit prahlen könnte, er führe die Nordwestschweizer Kilorangliste an, zögert nach der Frage spürbar.
Tiago Vieira, stimmen die 140 kg, die auf der Homepage des Schwingverbandes genannt werden? Der Frage folgt der einzige Moment im Gespräch, wo die ansteckende Fröhlichkeit und der bärenstarke Optimismus des 25-Jährigen kurz in den Hintergrund rücken. «Letztes Jahr stimmte das», lautet die zögerliche Antwort. Und heute? Noch einmal folgen lange Sekunden der Stille. «Eigentlich war es mein Ziel, das Gewicht auf 130 kg zu reduzieren. Doch inzwischen wiege ich 160 kg.»
Dies sei sogar für einen Schwinger zu schwer, sagt er selbstkritisch. Zwar fällt man einen 193-cm-Koloss wie Vieira nicht so einfach, «aber selber gelingen einige Schwünge wegen der zusätzlichen Masse eben auch nicht mehr wie gewünscht». Man spürt es, es ist derjenige Faktor auf Vieiras Weg zum zukünftigen Schwingerkönig, der ihn selber stört. «Das Gewicht muss definitiv runter», sagt er.

Eines Tages Schwingerkönig
So bleibt dem gebürtigen Portugiesen, dessen Eltern seit 35 Jahren in der Schweiz leben, nichts anderes übrig, als das Erreichen seines ambitionierten Ziels noch einmal zu verschieben. Vieira glaubt fest daran, dass er eines Tages dazu in der Lage sein wird, das Eidgenössische Schwingfest zu gewinnen. «Ich traue mir das zu.» Jedoch kaum bereits in Estavayer.
Trotzdem ist seine optimistische Grundhaltung nicht angekratzt und bleiben die Vorgaben für den Megaanlass von Ende August den eigenen Massstäben entsprechend hoch. Den Kranz strebt er an. Damit wäre Tiago Vieira «Eidgenosse» bevor er überhaupt den Schweizer Pass besitzt. Diesen will er auf jeden Fall beantragen, nur hat es aus verschiedenen Gründen bisher einfach nicht geklappt.

Tiago Vieira lebt noch immer zu Hause bei den Eltern, will aber nächstes Jahr mit seiner Verlobten zusammenziehen. Mit ihr teilt er die Leidenschaft des Reisens. Er hat im Leben mehr Länder besucht als Kränze gewonnen.

Der exotische Touch, den der Portugiese in die urschweizerische Sportart trägt, beschränkt sich letztlich auf seinen Namen. Vieira sieht aus wie ein typischer Schwinger, kämpft wie einer und spricht auch so. Tage nach dem Ende der Fussball-EM spürt man den Portugiesen höchstens aufgrund seiner leichten Überdrehtheit . . . «Natürlich habe ich mich mega über Portugals Titel an der Euro gefreut», sagt er, «obwohl ich nicht der grosse Fussballfan bin.» Für diese Rolle ist sein jüngerer Bruder zuständig.

Seit einigen Jahren arbeitet der neunfache Kranzgewinner intensiv im mentalen Bereich. Eine Folge davon, dass er bei seinem ersten Auftritt an einem Eidgenössischen 2010 in Frauenfeld zwar «körperlich sehr bereit war, mental aber überhaupt nicht». Er trifft sich regelmässig mit einem befreundeten Sportpsychologen und lässt sich zudem hypnotisieren. Die Mittel erfüllen den Zweck, Vieira hält fest: «Ich habe gelernt, das Beste aus dem Ist-Zustand zu machen und negative Gedanken auszublenden.»

Ein Mensch, der das Positive sieht und sucht

Diese Fähigkeit zeichnet den 25-Jährigen offensichtlich auch beruflich aus. Zwar hat der gelernte Bäcker-Konditor bereits mehrmals den Beruf gewechselt, trotzdem schwärmt er weiterhin von allen ausgeübten Tätigkeiten. Man spürt, Tiago Vieira ist ein Mensch, der das Positive sieht und sucht. Den gelernten Job gab er auf, weil die Arbeitszeiten und das Training eines Leistungssportlers nur schwer unter einen Hut zu bringen waren. Bei der Arbeit danach als Gerüstbauer liebte er zwar die Tätigkeit im Freien, verletzte sich aber heftig an der Schulter. Später als Versicherungsberater konnte er seine kommunikativen Stärken gewinnbringend einsetzen, musste aber wegen der Abendeinsätze zu oft aufs Klubtraining in Aarau verzichten.

Nun scheint er als Aussendienstmitarbeiter der Basler Firma «Focus Discount AG» für Artikel im Office-, Gastro- und Hygienebereich den idealen Mix gefunden zu haben. Er überzeugt KMU-Firmen von den Vorteilen der eigenen Produkte. Und bald auch die Zuschauer in Estavayer von den Vorzügen der eigenen Schwingkunst? Eines ist sicher: Tiago Vieira wird alles in die Waagschale werfen.