Portrait

Schwimmerin Yusra Mardini – ihre dramatische Flucht aus Syrien machte sie berühmt

Die 21-jährige Syrierin ist UN-Botschafterin für Flüchtlinge, Buchautorin und bald Thema auf den Kino-Leinwänden. Derzeit bereitet sie sich in Hamburg auf die Sommerspiele 2020 in Tokio vor – als Mitglied des olympischen Flüchtlingsteams. Eine Reportage.

Wer Hamburgs Hauptbahnhof in Richtung Südosten verlässt, landet nahe am Abgrund. Es sind nicht die allgegenwärtigen Alkoholsüchtigen auf ihrem Betteltrip, die schockieren. Auch nicht die Obdachlosen in ihren schmuddligen Nachtlagern unter den Brücken. Solche Bilder tun weh, keine Frage. Aber am meisten schmerzen die Szenen im dreckigen August-Bebel-Park vor dem Gebäude des Beratungs- und Gesundheitszentrums St. Georg der Jugendhilfe e.V. Dutzende von drogensüchtigen Jugendliche warten auf Einlass. Die niederschwellige Beratung und das klinische Fixerstübchen als letztes Fünkchen Hoffnung.

Man will das Alter etlicher Teenager, die hier landen, gar nicht erst wissen. Darunter offensichtlich auch viele mit Migrationshintergrund. Für so manchen Flüchtling aus dem Nahen Osten ist das neue Zuhause im Norden Deutschlands eine tragische Reise ins Verderben.

Szenenwechsel. Gut zehn U-Bahn-Stationen von St. Georg entfernt taucht man im Quartier Dulsberg aus dem Untergrund auf. Auch dorthin verirrt sich selten ein Tourist. Keine Hamburger Stadtrundfahrt macht hier Halt. Die Gegend wirkt an diesem nasskalten Wintertag beinahe so trostlos wie die Umgebung hinter dem Bahnhof. Und doch treffen wir hier auf eine andere Welt. Auf eine junge Frau aus Syrien, deren Geschichte einen anderen Verlauf genommen hat. Die es dank dem Sport geschafft hat.

Die Flucht, ihr Buch und der Papst

Yusra Mardini ist Olympiaschwimmerin und inzwischen ein Star. Die 21-Jährige hat ein emotionales Buch geschrieben, Barack Obama und dem Papst die Hand geschüttelt. In diesen Monaten soll ihre dramatische Flucht aus Syrien in Hollywood verfilmt werden. Zusammen mit ihrer drei Jahre älteren Schwester Sarah rettet sie 2015 auf dem Mittelmeer 18 Flüchtlingen das Leben, indem sie das zu sinken drohende Schlauchboot schwimmend bis ans rettende Ufer der griechischen Insel Lesbos zieht. Stundenlang, bis zur kompletten Erschöpfung.

Über die Balkanroute gelangt die damals Minderjährige, die gegen den Willen der Eltern zusammen mit ihrer Schwester aus den Kriegswirren in der Heimat flüchtete, bis nach Berlin. Dort findet sie dank dem Schwimmen schnell Anschluss. Ihr Vater war in Syrien Schwimmtrainer. Schon als kleines Mädchen trainiert sie in der Schwimmhalle in einem Vorort von Damaskus. Bereits 2012 nimmt sie für ihr Land an der Kurzbahn-WM in Istanbul teil.

Dank dem Schwimmsport findet Yusra Mardini schnell Anschluss.

Dank dem Schwimmsport findet Yusra Mardini schnell Anschluss.

Doch der Krieg verändert alles. Jeden Tag Angst. Immer wieder Freunde und Bekannte, die für immer verschwinden. Dann der Moment, der alles unerträglich macht. Eine Granate schlägt mitten in Yusras Trainingshalle ein. Sie explodiert nur nicht, weil sie mitten im Schwimmbecken landet. Die Gedanken an die Flucht werden immer konkreter. Der Krieg kann nicht die Zukunft sein.

Trainer Sven Spannekrebs von den Wasserfreunden Spandau 04 nimmt sich in Berlin ihrer an und wird zur wichtigen Bezugsperson weit über das Training hinaus. Man organisiert für Yusra einen Platz in einer Sportschule im Berliner Olympiapark. Und Olympia ist es auch, das die damals 17-Jährige 2016 ins internationale Scheinwerferlicht katapultiert.

Als Yusra Mardini erstmals vom neuen Flüchtlingsteam des Internationalen Olympischen Komitees hört, will sie dort auf keinen Fall mitmachen. Sie fühlt sich als Syrierin. Sie sagt:

Sie brauche als Mitglied des Flüchtlingsteams kein Mitleid. Später lässt sie sich umstimmen, nimmt das Stipendium des IOC an und versucht sich als eine von 43 Kandidaten für die Sommerspiele in Rio zu qualifizieren. Sie schafft es und bereut ihren Entscheid in keiner Sekunde.

Die jüngste Diplomatin aller Zeiten

Auch wenn die sportlichen Resultate bei den Spielen 2016 bescheiden bleiben – Rang 45 über 100 m Freistil und Rang 40 über 100 m Schmetterling – ist sie in Brasilien eine gefragte Person für die Medien. «Es war wirklich verrückt. Ich hatte in Rio kaum eine Minute für mich», sagt sie rückblickend. Quasi über Nacht wird Yusra Mardini berühmt. Das Time-Magazin kürt sie zu einem der 30 weltweit einflussreichsten Teenager. Im April 2017 wird sie von der Uno zur Sonderbotschafterin für Flüchtlinge ernannt – als jüngste Diplomatin aller Zeiten. Auch ihre ältere Schwester Sarah macht Schlagzeilen – als Flüchtlingshelferin, die 2019 in Griechenland gar für drei Monate in Haft kommt.

Trotz Ruhm und Auftritten in den wichtigsten Medien rund um die Welt bleibt Yusra Mardinis Passion stets der Sport. Bewusst wurde ihr das während ihrer Flucht, als sie ein Jahr lang nicht trainieren konnte. «Ich brauche den Sport als Ziel in meinem Leben», sagt sie. Im August 2018 zügelt sie alleine nach Hamburg, weil sie sich im deutschen Olympiastützpunkt für Schwimmen in Dulsberg mehr Fortschritte erhofft. In sechs Monaten will sie in Tokio erneut Teil des Flüchtlingsteams sein.

Sie habe in Rio viele neue Freunde gefunden. «Und innerhalb des Flüchtlingsteams gibt es immer noch diese WhatsApp-Gruppe.» Inzwischen ist sie mehr als stolz auf ihre Teilnahme:

Neun Trainings im Wasser absolviert sie pro Woche, dazu kommen drei Einheiten im Kraftraum. Neben dem Training sei sie nicht anders als andere Jugendliche. «Ich gehe gerne shoppen, treffe mich mit Freunden», sagt sie.

Weihnachten beim Freund aus der Schweiz

Das Treffen mit Yusra Mardini am Olympiastützpunkt macht mächtig Eindruck. Die junge Frau gegenüber wirkt ausserordentlich stark und zerbrechlich zugleich. Ihre Augen leuchten, ihre Worte sind durchdacht und reif. Sie kommt alleine zum Termin, kein PR-Fachmann muss der 21-Jährigen erklären, was sie erzählen soll und was nicht. Sie entscheidet selber über ihr Leben, obwohl sie sich angesichts des Interesses an ihrer Person inzwischen von einer Agentur managen lässt.

Yusra will über die Schweiz reden. Dies hat einen einfachen Grund. Die vergangenen zwei Weihnachten hat sie in Bern verbracht. Bei ihrem Schweizer Freund, dem 19-jährigen Eliteschwimmer Thierry Bollin. Zusammen gehen sie Schlitteln in den Bergen und Eislaufen in Interlaken. Erlebnisse, wie sie die Syrierin nicht kannte. Im nächsten Sommer will sie unbedingt auch einmal in der Aare schwimmen. «Das Wasser ist so schön blau», schwärmt sie.

Rückenspezialist Bollin strebt wie seine Freundin eine Olympiateilnahme an. Er sagt über sie: «Yusra ist sehr ehrgeizig, sie will unbedingt den Startplatz für Tokio schaffen.» Auch der Berner denkt, dass seine Freundin durch ihre Erlebnisse reifer sei als Gleichaltrige. «Und ich bin sehr glücklich, sie an meiner Seite zu haben.» Yusra sagt, «die eigene Geschichte hilft dir, selbstbewusst zu werden». Sie spricht über ihre Begegnungen mit verschiedenen Berühmtheiten. Am meisten Eindruck hat ihr Schauspielerin Emma Watson gemacht. «Sie strahlt viel Kraft aus. Man erkennt stets eine Botschaft in ihren Aussagen. Sie ist sehr intelligent».

Auch die 21-jährige Muslimin äussert sich pointiert politisch:

Yusra Mardini fordert, dass Europa die Grenzen für Flüchtlinge konsequent öffnet. «Denn jeder kann mitten in einen Krieg geraten». Obwohl ihre Blicke derzeit in Richtung Tokio und Hollywood gerichtet sind, vergisst die stolze junge Frau ihre Wurzeln nicht. Sie würde noch so gerne zurück nach Syrien reisen. Und sie möchte, dass die Welt die Gefühle der unzähligen Menschen, die vor der Gewalt flüchten, begreift: «Wir haben durch den Krieg so viel verloren. Wir wollen doch nur Frieden». Diese Botschaft will Yusra Mardini als Mitglied des olympischen Flüchtlingsteams verkörpern.

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