Sport

Schwimmerin Nora Meister und ihr Kampf im Jugendzimmer gegen das Einrosten und für den Traum von den Paralympischen Spielen

Nora Meister muss derzeit auf Trainings im Wasser verzichten.

Nora Meister muss derzeit auf Trainings im Wasser verzichten.

Auch die Paralympischen Spiele wurden wegen der Coronakrise auf das nächste Jahr verschoben. Doch das Training geht für Paraschwimmerin Nora Meister weiter, wenn nicht im Wasser, dann wenigstens an Land.

Jene Menschen, für die Sport mehr als Ausgleich, sondern Lebensinhalt ist, sind wegen der Coronakrise derzeit besonders auf ihre Kreativität angewiesen. Nora Meister zum Beispiel. Seit ihrer Geburt lebt sie mit Arthrogryposis multiplex congenita – einer Versteifung der Gelenke und einer Hörbehinderung. Das hat die 17-Jährige nicht daran gehindert, ihre Träume und Ziele als Sportlerin zu verfolgen. Sie fuhrt Handbike und spielte Rollstuhltennis, doch ihr Herz hat sie ans Schwimmen verloren. Im letzten Jahr gewann sie an der Para-WM in London über 100 Meter Rücken und über 400 Meter Freistil jeweils Bronze. Und im Juni stellte sie über 200 Meter Rücken einen neuen Weltrekord auf. Erfolge, die nicht von ungefähr kommen. Acht Mal pro Woche trainiert Meister, macht bis zu 20 Stunden im Wasser und an Land. Unter der Woche beim SC Aarefisch bei ihren Trainern Piotr Albinski und Dirk Thölking, dazu an den Wochenenden bei Martin Salmigkeit, dem Nationaltrainer PluSport, in Bern.

Eine Woche Quarantäne und dann doch eine Enttäuschung

Normalerweise. Doch was ist schon normal in diesem Jahr, in dem ein Virus den Rhythmus der Welt bestimmt und reihenweise Anlässe abgesagt werden? Die Paralympischen Spiele in Tokio waren Meisters grosses Ziel, doch auch diese wurden auf das kommende Jahr verschoben. Eine Entscheidung, für die sie Verständnis hat. Und der sie sogar Positives abgewinnt. Schliesslich habe sie nun mehr Zeit, um zu trainieren. Wenn sie denn wieder im Wasser trainieren könne. Denn auch das ist derzeit nicht möglich. Gerne hätte Meister im nationalen Sportzentrum in Magglingen trainiert, begab sich deshalb für eine Woche in Quarantäne. Doch dann musste auch das nationale Sportzentrum schliessen. Eine Enttäuschung.

Doch Not macht bekanntlich erfinderisch. Und so hat die Sportschülerin der Alten Kantonsschule in Lenzburg ihr Jugendzimmer kurzerhand in ein Fitnessstudio umfunktioniert, damit sie auf zwei Stunden pro Tag kommt. Derzeit arbeite sie viel an ihrer Rumpfstabilität. Trainiert mit dem Theraband, hat ein Handbike und einen Schwimmergometer. Das Training ist nicht nur im Hinblick auf die Paralympischen Spiele wichtig, sondern dient auch der Erhaltung der Gesundheit. Ohne Bewegung würden sich ihre Sehnen stark verkürzen, die Folge: «Sie rostet ein». Das reduziert nicht nur die Beweglichkeit, sondern könnte auch Schmerzen verursachen. Das Schwimmen ist Meisters grosse Leidenschaft, dass es auch noch gut ist für die Gesundheit ein willkommener Nebeneffekt

Das Schwimmen ist Nora Meisters grosse Leidenschaft.

Das Schwimmen ist Nora Meisters grosse Leidenschaft.

In drei Jahren zur Matur

Im Wasser kann sie nicht nur schwerelos an ihre Grenzen gehen, sondern stärkt damit auch den Körper und kann ihre Träume verfolgen. Länger als zweieinhalb Wochen machte sie bisher noch nie Pause. Damals, nach der WM im letzten Sommer, liess sie sich allerdings die Weisheitszähne ziehen. Dass sie derzeit nicht ins Wasser kann, sei «sehr schwierig».
Wie alle anderen Schülerinnen und Schüler in der Schweiz verbringt Meister derzeit fast die ganze Zeit Zuhause in Lenzburg, mit ihren Eltern und den zwei Brüdern. Langweilig werde ihr nicht. Bis im Sommer in drei Jahren möchte sie die Matura haben, «damit bin ich beschäftigt», sagt Meister. Die Schule sei gut vorbereitet gewesen auf den Unterricht im Home Schooling, der Übergang habe gut funktioniert.

Doch viel lieber als über die Schule spricht Meister über den Sport, das Schwimmen, das ihr eine völlig neue Welt eröffnet hat. Ihre Trainer schicken ihr nun Wochenpläne, die Motivation habe unter der Verschiebung der Paralympischen Spiele nicht gelitten. Ihr Ziel sei jetzt eben nicht mehr Tokio 2020, sondern Tokio 2021. Dass in den nächsten Monaten wohl kaum Wettkämpfe stattfinden, tut der Motivation keinen Abbruch. Meister hofft, sich bald wieder im Wasser fortbewegen zu können. Bis es so weit ist, trainiert sie in ihrem Jugendzimmer. Und schwebt in Gedanken schwerelos durchs Wasser. Für ihren paralympischen Traum. Aber auch für ihre Gesundheit.

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