Am Ende wird es zu einem wahren Kesseltreiben. Alle gegen Weiler. Die Fans des RSC Anderlecht schreien «Weiler buiten!» (Weiler raus!) und nehmen sich wieder einmal viel zu wichtig. Die belgische Sportpresse feuert aus allen Rohren gegen den Trainer und blendet aus, dass sie den Schweizer vor ein paar Monaten noch in den höchsten Tönen gelobt hat. Getreu dem Motto: «Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?»

Am Montag nun hat sie ihr Ziel erreicht. Der Royal Sporting Club hat die Trennung von Weiler bekannt gegeben und damit die Hatz beendet. Gebrodelt hatte es zwar schon seit Wochen, doch übergelaufen mit Kritik war das Fass der Weiler-Gegner erst in den letzten sieben Tagen. Nach einer 0:3-Auswärtsniederlage in der Champions League gegen Bayern München spitzte sich die Situation dramatisch zu. Wer um die aufgeheizte Stimmung rund um den Rekordmeister wusste, dem war klar, dass es am letzten Samstag beim Ligaspiel in Kortrijk nur noch um Weilers Job gehen konnte; bloss ein Sieg über den punktgleichen Tabellenneunten hätte den Trainer vor dem Aus bewahren können.

René Weiler ist nicht mehr Trainer von Anderlecht

René Weiler ist nicht mehr Trainer von Anderlecht

Denn nach dem Erfolg im Supercup gegen Zulte Waregem im Juli war die Mannschaft nicht in die Gänge gekommen. Mit nur zwei Siegen und zwei Unentschieden in den ersten sechs Partien der Jupiler League hatte sich Anderlecht einen Rückstand von acht Punkten auf Leader Charleroi eingehandelt. Doch es waren nicht nur die Resultate, welche für Unmut sorgten. Wie schon in der letzten Spielzeit wurde Weiler harsch dafür kritisiert, mit Anderlecht Konterfussball zu spielen, statt mit viel Ballbesitz den Erfolg zu suchen. So, wie es sich für einen königlichen Verein angeblich nun mal gehört.

Die Erfolge blieben aus

Doch der Befreiungsschlag gelang in Kortrijk nicht. Das 2:2 konnte beim Meister niemanden zufriedenstellen, auch Weiler nicht. «Wir haben nicht gut gespielt und sind mit dem einen Punkt unzufrieden», sagte Weiler. Dass seine Zukunft auf Spitz und Knopf stand, wurde am Sonntagabend deutlich. Da tauchte in den Medien ein Video auf, das zeigt, wie der Trainer am Vorabend in einer Cafeteria in Kortrijk vor der Klubführung um Präsident Roger Vanden Stock und Manager Herman Van Holsbeeck angestrengt versucht, sein Konzept zu verteidigen. Ohne Erfolg, der öffentliche Druck war zu gross geworden, Weiler nicht mehr zu halten.

Es half ihm auch nicht, dass Anderlecht erst im Frühjahr seinen Vertrag vorzeitig um ein Jahr bis 2019 verlängert hatte. Zu einem Zeitpunkt, als noch lange nicht feststand, ob er die Violetten zum 34. Ligatitel führen würde. Doch die Funktionäre waren im vergangenen Herbst eben auch schwer beeindruckt davon gewesen, wie unbeirrt der 44-Jährige nach einer Schwächeperiode des RSC den medialen Angriffen getrotzt hatte und seinen Weg weitergegangen war. Und als Weiler dann am vorletzten Spieltag der Finalrunde seine erste Saison in Belgien gleich mit dem Meistertitel krönte, war für die Klubleitung klar: alles richtig gemacht.

Weiler half auch nicht, dass Anderlecht erst im Frühjahr seinen Vertrag vorzeitig um ein Jahr bis 2019 verlängert hatte.

Weiler half auch nicht, dass Anderlecht erst im Frühjahr seinen Vertrag vorzeitig um ein Jahr bis 2019 verlängert hatte.

Doch der Friede sollte auch wegen einer bestimmten Personalie nicht lange halten. Nach dem Abgang von Superstar Youri Tielemans zur AS Monaco hatte Anderlecht als Ersatz von Watford den Aufbauer Sven Kums geholt. Dieser hatte zuvor allerdings nicht in der Premier League gespielt, sondern war an Partnerklub Udinese in die italienische Serie A ausgeliehen worden. Laut belgischen Quellen war er kein Wunschspieler von Weiler gewesen. Als Kums dann nicht in Form kam, bemängelte er, dass die Spielanlage bei Anderlecht nicht auf Ballbesitz ausgerichtet sei − und fand sich unvermittelt auf der Tribüne wieder.

Gegen Bayern nominierte Weiler den 29-Jährigen dann jedoch für die Innenverteidigung. Ein Affront!, schimpften die Medien, Kums habe noch nie dort gespielt. Es kam, wie es kommen musste: Nach elf Minuten sah Kums für ein Notbremsefoul die rote Karte. Die Presse warf Weiler vor, er habe den Spieler absichtlich ins Messer laufen lassen. Was natürlich absurd ist, will doch kein Trainer freiwillig schlecht aussehen.

Schmidt statt Weiler neuer Trainer bei Wolfsburg

Schon kurz nach Bekanntwerden von Weilers Schicksal (die zwei Schweizer Assistenten David Sesa und Thomas Binggeli bleiben vorderhand im RSC-Staff) kam aus Deutschland die Kunde, der frühere Nürnberger Trainer werde Nachfolger von Andries Jonker beim VfL Wolfsburg. Dieser hatte nämlich ebenfalls am Montagmorgen über die Freistellung des Holländers informiert. Doch lange brauchte niemand zu spekulieren, wie es bei den Wölfen weitergehen könnte. Noch vor dem Mittag war klar, dass nicht Weiler, sondern Landsmann Martin Schmidt auf der Trainerbank der Niedersachsen Platz nehmen würde. Dieser war im Sommer bei Mainz nach insgesamt sieben Jahren trotz geschafftem Klassenerhalt nicht mehr erwünscht gewesen.

Martin Schmidt ist der neue Trainer des VFL Wolfburg.

Martin Schmidt ist der neue Trainer des VFL Wolfburg.

Viel Zeit bleibt Schmidt nicht, um sich einzuarbeiten. Schon heute Abend wird der 50-Jährige seine neue Mannschaft im Bundesligaheimspiel gegen Bremen erstmals coachen. Am Freitag steht dann die Partie bei den Bayern auf dem Programm. «Ich musste und konnte nicht lange überlegen, das Amt beim VfL zu übernehmen. Von der ersten Kontaktaufnahme bis zur Unterschrift sind nur wenige Stunden vergangen», sagte Schmidt. «Es ist kein Geheimnis, dass der VfL vor einigen Monaten schon einmal an mir Interesse gezeigt hatte, dies aber damals für mich aus Respekt und Loyalität gegenüber Mainz nicht infrage kam.» Sportdirektor Olaf Rebbe sagte: «Wir sind davon überzeugt, dass er mit seiner Erfahrung und seinen Stärken gut zum VfL passt.» Weiter im Staff verbleibt der Schweizer Andreas Hilfiker, der seit 2008 die Wolfsburger Goalies betreut.

Schmidt passt zum Auto-Klub

Der Walliser Schmidt, der einen Vertrag bis 2019 erhielt, übernimmt eine Mannschaft, die unter Jonker in der letzten Saison erst in den Relegationsspielen gegen Braunschweig den Ligaerhalt geschafft hatte. Nach Investitionen von 60 Millionen Euro in die Mannschaft spielte diese aber weiterhin schlecht und leblos, sodass Schmidt nun gefragt ist, aus guten Einzelspielern wie Daniel Didavi, Maximilian Arnold, Yunus Malli und Liverpool-Leihgabe Divock Origi eine Mannschaft zu formen. Die den 14. Rang, trotz der Verletzung von Torjäger Mario Gomez, subito hinter sich lässt.
Wohlfühlen müsste sich der frühere Automechaniker Schmidt beim Auto