Tennis
Schweizer Rechenspiele für die Weltrangliste - wird Wawrinka am Ende gar die Nummer eins?

Mit einem Sieg im Achtelfinal von Halle kann Roger Federer seinen Landsmann Stan Wawrinka in der Setzliste für Wimbledon überholen - nicht aber in der Weltrangliste. In dieser könnte Wawrinka mit einem Turniersieg in Wimbledon gar die Führung übernehmen.

Simon Häring
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Kann mit dem Wimbledon-Sieg zur Nummer eins werden: Stan Wawrinka.

Kann mit dem Wimbledon-Sieg zur Nummer eins werden: Stan Wawrinka.

Keystone

Mitte Juni, das hat inzwischen Tradition, traditionell das grosse Rechnen: Wer hat in den letzten zwölf Monaten auf Rasen wo wie viele Punkte gewonnen? Das Resultat entscheidet über die Setzliste beim wichtigsten Tennis-Turnier des Jahres, in Wimbledon.

Am kommenden Mittwoch geben die Gralshüter des All England Lawn Tennis and Croquet Club bekannt, nach welcher Liste am Freitag, dem 30. Juni, die Auslosung durchgeführt wird. Doch bereits jetzt bahnen sich brisante Spielereien an. Mittendrin: Roger Federer und Stan Wawrinka, die sich in diesen Tagen ein groteskes Fernduell liefern, bei dem der Romand nach seinem Erstrundenaus im Londoner Queen’s Club nur noch Zuschauer ist.

Kann noch in die Top-4 der Wimbledon-Setzliste kommen: Roger Federer.

Kann noch in die Top-4 der Wimbledon-Setzliste kommen: Roger Federer.

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Gewinnt Federer am Donnerstag im Achtelfinal von Halle gegen den Deutschen Mischa Zverev (29, ATP 29), überholt er seinen Landsmann Wawrinka zwar nicht in der Weltrangliste, allerdings ist dem Australian-Open-Champion in diesem Fall eine Setzung in den besten vier garantiert.

Als Konsequenz daraus könnte er erst im Final auf French-Open-Sieger Rafael Nadal (31, ATP 2) treffen und erst im Halbfinal entweder auf den Titelhalter Andy Murray (30, ATP 1) oder den sich wie der Schotte in einer Formbaisse befindenden Serben Novak Djokovic (30, ATP 4). Andererseits könnte es, je nach Auslosung, wie schon 2014, bereits in den Viertelfinals zu einem Schweizer Duell kommen. Damals setzte sich Federer in vier Sätzen durch.

Narrenfreiheit für Wimbledon

Grund für die Rechnerei ist eine Extravaganz, die sich Wimbledon als einziges Grand-Slam-Turnier leistet. Bis 2000 legt ein Komitee die Setzliste nach eigenem Ermessen fest. So wird 2000 Pat Rafter, damals nur die Nummer 23 der Welt, an Position 12 gesetzt. Der Australier erreicht daraufhin den Final, wo er Pete Sampras unterliegt.

Theoretisch hätte Rafter bereits in der Startrunde auf Sampras treffen können, denn damals profitieren nur 16 Spieler von einer Setzung. Heftige Proteste gegen diese Willkür sind die Folge, Wimbledon führt danach auf Druck der Spieler als erstes Grand-Slam-Turnier eine 32er-Setzliste ein, die heute Usus ist.

Doch obwohl das offizielle Regelwerk, das «Official Grand Slam Rule Book» des Tennisweltverbands ITF, den vier Leuchttürmen des Welt-Tennis bei der Setzung freie Hand lässt, ist Wimbledon bis heute das einzige Major-Turnier, das sich nicht ausschliesslich an der Weltrangliste orientiert. Auch der Schlüssel wird seit der Jahrtausendwende transparent gemacht. Die Setzliste ergibt sich seither aus einer dreistufigen Addition:

  1. Alle Weltranglistenpunkte vor Turnierbeginn (Stichdatum: 26. Juni 2017).
  2. Alle Weltranglistenpunkte, die in den vergangenen 12 Monaten auf Rasen erzielt wurden. Infrage kommen Stuttgart, Rosmalen, Queen’s und Halle in diesem Jahr sowie Eastbourne und Newport aus dem vergangenen Jahr.
  3. 75 Prozent der Punkte für das beste Resultat auf Rasen in den davor liegenden 12 Monaten (2017 sind das: Stuttgart, Queen’s, Halle 2016 sowie Newport, Rosmalen, Eastbourne und Wimbledon 2015)

Federer profitiert im Wesentlichen vom Wimbledon-Final-Einzug vor knapp zwei Jahren, der ihm 900 Punkte einbringt. Allerdings verspielte der mit 15 Titeln erfolgreichste Rasen-Spieler der Tennisgeschichte bereits in Stuttgart eine noch bessere Ausgangslage: Hätte er dort und nun in Halle das Turnier gewonnen, wäre er in der Wimbledon-Setzliste bis auf den zweiten Rang vorgestossen, in der Weltrangliste aber auf dem fünften Platz geblieben.

Nach seinem French-Open-Triumph wieder voll dabei im Rennen um die Nummer eins: Rafael Nadal.

Nach seinem French-Open-Triumph wieder voll dabei im Rennen um die Nummer eins: Rafael Nadal.

Keystone

Auch dort eröffnen sich aus Schweizer Sicht in London spannende Perspektiven. Nach Andy Murrays frühem Ausscheiden in Queen’s kommen vier Spieler infrage, die nach Wimbledon die Weltrangliste anführen könnten: Neben Murray und Nadal hat Novak Djokovic, der in der kommenden Woche in Eastbourne spielt, die Chance, auf den Thron zurückzukehren. Seine Perspektiven sind aber nur theoretischer Natur.

Mit Annacone zum Erfolg?

Anders ist das bei Stan Wawrinka. Komplettiert er im Südwesten Londons seinen Karriere-Grand-Slam und sowohl Murray als auch Nadal verpassen den Final, führt er ab dem 17. Juli die Weltrangliste an. Um in Wimbledon erstmals die Viertelfinals zu überstehen, hat er für die Rasensaison den Amerikaner Paul Annacone an Bord geholt.

«Ich weiss, dass ich auf Gras gut spielen kann, aber ich möchte noch besser werden», begründet er die Ernennung des Ex-Trainers von Roger Federer. «Das Turnier zu gewinnen», sagt Wawrinka, «ist für mich sehr weit weg. Ebenso die Nummer 1 der Welt». Gewinnt er am 16. Juli in Wimbledon, gelingt ihm gleich beides. Es ist wohl eine einmalige Chance.