Der Empfang für die Schweizer in Kopenhagen ist garstig. Das hat nichts mit den Dänen zu tun, diesen überaus freundlichen Menschen, die immer und überall ein Lächeln übrig haben. Aber der Regen peitscht an diesem Freitag durch die Stadt. Ein Glück, dass die Schweizer im Stadion «Telia Parken» bei geschlossenem Dach trainieren können.

Kurz darauf setzt sich Nationaltrainer Vladimir Petkovic hinters Mikrofon. Als er von einem dänischen Journalisten gefragt wird, ob die Schweiz denn ein Konzentrationsproblem habe, weil sie jüngst so viele Tore in den letzten Minuten eines Spiels kassiert habe, weicht er in den Verteidigungsmodus. «Gegen Gibraltar haben wir null Gegentore kassiert.» Um dann doch noch anzufügen. «Das ist eine Frage, mit der sich unsere Gegner beschäftigen sollen. Sie dürfen ruhig glauben, dass wir am Schluss nicht bereit sind. Und wir müssen das Gegenteil beweisen.»

So ist das mit Petkovic. Wie immer vor einer wichtigen Partie ist er angespannt. Nun steht das EM-Qualifikationsspiel Dänemark gegen die Schweiz an. Das ist von der Bedeutung her nicht gerade vergleichbar mit einer WM- oder EM-Partie. Und trotzdem haben die nächsten Spiele wegweisenden Charakter. Für die Schweizer Fussballer, weil sich entscheidet, ob sie an der EM 2020 teilnehmen dürfen. Vor allem aber für ihren Trainer. Weil es um die ganz grundlegende Frage geht: Wie weiter mit Petkovic? Soll er auch über den Sommer 2020 hinaus Nationaltrainer bleiben?

Es ist nicht ganz einfach, auf diese Frage eine Antwort zu finden. Wer es ganz nüchtern mag, der könnte zum Schluss kommen: Seit Petkovic die Nati im August 2014 übernommen hat, qualifizierte sich die Mannschaft immer für EM und WM. Dazu erreichte sie zweimal den Achtelfinal. Und spielte einen teilweise erfrischenden Fussball. Einige Highlights gegen grosse Mannschaften wie Portugal oder Belgien inklusive. Auch der Punkteschnitt von Petkovic pro Partie (1,84) ist besser als jener all seiner Vorgänger. Ottmar Hitzfeld kam auf 1,77 Punkte pro Spiel.

Aber so einfach ist es nicht. Im Gegenteil. Die Beziehung zwischen der Schweiz und Petkovic ist richtig kompliziert. So sehr, dass sich die wichtigen Leute im Verband ernsthaft überlegen, ob es nicht besser wäre, im kommenden Sommer einen Neuanfang zu wagen. Dies bestätigen unterschiedliche Quellen dieser Zeitung.

Letztmals verlängerte der Schweizerische Fussballverband den Vertrag mit Petkovic im Sommer 2017. Es war vor allem der Wille des damaligen Präsidenten Peter Gilliéron. «Unabhängig davon, ob wir uns für die WM qualifizieren, geht es um die Frage: Sind wir von Vladimir Petkovic und seinem Weg überzeugt? Darauf können wir mit einem klaren ‹Ja!› antworten», sagte Gilliéron. Er wollte frühzeitig für Klarheit und Ruhe sorgen vor den heissen Spielen danach.

Die fehlende Überzeugung des Fussballverbands

Nun fehlt diese totale Überzeugung. SFV-Präsident Dominique Blanc sagte in einem Interview mit dem «Sonntagsblick» auf die Frage, ob eine Vertragsverlängerung mit Petkovic keine Priorität habe: «Sie ist im Moment einfach kein Diskussionsthema.» Warum ist das so? Rund um das Nationalteam haben in den vergangenen Jahren immer auch Themen abseits des Fussballs dominiert. Stichwort: Doppeladler-Jubel. Behrami-Rücktritt. Shaqiri-Absage. Es verging kaum ein Monat, ohne dass sich irgendein Nebenschauplatz aufgetan hätte. Das lag nicht immer an Petkovic. Aber, und das ist ein entscheidender Faktor, es gelang ihm zunehmend schlechter, diese Themen zu moderieren. Wenn es das unbändige Ziel der neuen Kräfte im Verband – allen voran von Präsident Blanc und Nati-Direktor Pierluigi Tami – ist, die Aussendarstellung der Nati nachhaltig zu verbessern, würde ein Trainer-Wechsel helfen.

Sollte der gemeinsame Weg von Petkovic und der Schweizer Nati tatsächlich zu Ende sein, so muss das nicht zwingend unter Misstönen geschehen. Es gibt nachvollziehbare Argumente für beide Seiten, sich nach sechs Jahren Zusammenarbeit neu zu orientieren. Nach einer so langen Zeit kann eine frische Energiezufuhr tatsächlich gut tun – egal wie die letzten Resultate gerade ausgefallen sind. Und Petkovic selbst hat auch immer wieder mit einer Rückkehr in den Klubfussball geliebäugelt. Seine Stärken als Trainer könnten in der täglichen Arbeit möglicherweise noch besser zum Tragen kommen. Wenn er mit einer Mannschaft regelmässiger arbeiten kann als mit dem Nationalteam, wo die Trainingsmöglichkeiten überschaubar sind. Zudem werden die Repräsentations-Pflichten kaum mehr zu Petkovics Lieblingsaufgabe.

Sollte sich die Schweiz wie erwartet für die EM qualifizieren, würde Petkovics Vertrag automatisch bis und mit der EM verlängern. Das Turnier könnte zu seiner grossen Abschiedsvorstellung werden. Das könnte bei ihm noch einmal Kräfte festsetzen.

Und dann, wie weiter? Die Frage steht noch nicht im Zentrum. Der Blick auf einige spannende Namen könnte sich trotzdem lohnen. Lucien Favre? Mal schauen, wie sich sein Standing bei Dortmund entwickelt. Urs Fischer? Hat wie Favre überall Erfolg, wo er arbeitet. Marcel Koller? Hat schon mal abgesagt (bevor Petkovic zum Zug kam), kann aber etwas Solides aufbauen, wenn man ihn arbeiten lässt. Bernard Challandes? War bereits einmal beim Verband – und werkelt derzeit mit dem Kosovo an einem Märchen. René Weiler? Schwer nachvollziehbare Karriereschritte nach den Erfolgen mit Anderlecht, würde mit seinem Selbstverständnis aber zum Team passen und wäre perfekt als Nati-Repräsentant. Stéphane Henchoz? Bald ein Thema, wenn er so weitermacht, imponierende Geradlinigkeit.

Und schliesslich: Jürgen Klinsmann? Hat gemäss «Tages-Anzeiger» sein Interesse bekundet. Das zeigt vor allem eines: dass die Aufgabe, Schweizer Nationaltrainer zu sein, sehr reizvoll ist.

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