Schweizer Leichtathletik-Rekorde
Sprinterin Ajla Del Ponte verblüfft mit ihren Zeiten doppelt, Jason Joseph stösst in die Weltklasse vor

Die Tessiner Sprinterin verbessert in La Chaux-de-Fonds ihren Rekord über 100 m auf neu 10,90 Sekunden. Auch über 200 m kommt sie Mujinga Kambundji gefährlich nah. Hürdenläufer Joseph pulverisiert seine Bestmarke gleich um 17 Hundertstel auf neu 13,12. Kein Europäer war 2021 schneller.

Rainer Sommerhalder
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Ajla Del Ponte brilliert in La Chaux-de-Fonds mit zwei Weltklasseleistungen in weniger als 30 Minuten.

Ajla Del Ponte brilliert in La Chaux-de-Fonds mit zwei Weltklasseleistungen in weniger als 30 Minuten.

Jean-Christophe Bott / KEYSTONE

La Chaux-de-Fonds ist für Leichtathleten stets eine Reise wert. Die Höhenlage von 1000 Metern über Meer macht das Meeting seit Jahren vor allem für Sprinter zu einem Geheimtipp. Ajla Del Ponte und Jason Joseph sorgen für eine imposante Fortsetzung dieser Rekordgeschichte.

Die Leistungen der 25-jährigen Tessinerin werden je länger desto beeindruckender. Nur fünf Tage nach einer anstrengenden Heimreise aus Tokio über sieben Zeitzonen hinweg verbessert sie ihren Schweizer Rekord über 100 m aus dem Vorlauf der Olympischen Spiele noch einmal um eine Hundertstelsekunde.

Bei der neuen Marke von 10,90 Sekunden profitiert sie von einem perfekten Rückenwind von 1,8 m/s. Die Starter warten mit dem Rennen bewusst einige Augenblicke zu, bis der Wind im tolerierten Bereich liegt. «Ich bin ohne grosse Erwartungen hierhergekommen», sagt Del Ponte, «ich wollte einfach nur geniessen. Das darf ich jetzt auch.»

Ajla Del Ponte stürmt über 200 m auf das Niveau von Kambundji

Beinahe noch imposanter ist, was danach geschieht. Ajla Del Ponte lässt sich kurz für den Rekord feiern, packt ihre Sachen und überquert das Feld zum Startpunkt des 200-m-Rennens. Nur 27 Minuten nach der Weltklasse-Leistung im Sprint liefert die Tessinerin noch einmal eine Kostprobe ihres atemberaubenden Potenzials ab.

Die 200 m gehören bislang nicht zu den persönlichen Favoriten der 25-Jährigen. Nur dreimal ist sie in den vergangenen zwei Jahren über diese Distanz angetreten. Ihre Bestzeit von 23,02 hört sich im Vergleich sehr bescheiden an.

Doch nach dem Doppelstart von La Chaux-de-Fonds ist auch dieser Makel aus der Welt geschafft. Del Ponte stürmt bei 1,9 m/s Rückenwind in 22,38 ins Ziel, verpasst den Schweizer Rekord von Mujinga Kambundji um lediglich 12 Hundertstelsekunden und kann mit diesem Potenzial künftig auch über 200 m Europameisterin werden. Ist der nächste Schritt nun auch dieser Rekord? «Nein, das nächste Ziel ist, dass ich definitiv die Angst vor dieser Distanz verliere», antwortet Del Ponte.

Dreimal EM-Gold ist jetzt denkbar

Auch über eine zusätzliche EM-Medaille bei den Titelkämpfen im Sommer 2022 in Paris will sie nicht sprechen. «Wir haben auch noch die Staffel und ich will an einem Grossanlass nicht zu viele Rennen laufen. Ich muss mir also gut überlegen, wo und wann ich über 200 m starte.» Ob sie dies bei ihren sechs verbleibenden Rennen in dieser Saison tut, weiss Del Ponte noch nicht. Das will sie mit Trainer Laurent Meuwly besprechen.

Jason Joseph umarmt nach dem phänomenalen Schweizer Rekord seine Mutter.

Jason Joseph umarmt nach dem phänomenalen Schweizer Rekord seine Mutter.

Jean-Christophe Bott / KEYSTONE

Auch Hürdenläufer Joseph stösst mit seiner neuen Bestmarke von 13,12 Sekunden in die absolute Weltspitze vor. Kein Europäer lief in diesem Jahr schneller als der 22-jährige Baselbieter. Nach einem bestechenden Eindruck im Olympia-Vorlauf und der anschliessenden Enttäuschung im Halbfinal war Joseph auf der Suche nach diesem Rekord.

«Ich habe mir eine Zeit von 13,15 Sekunden zugetraut», sagt Joseph. Trotzdem zeugt seine erste Reaktion nach der Verbesserung seiner bisherigen Bestleistung um nicht weniger als 17 Hundertstelsekunden von Verwunderung: «Vielleicht stimmt ja die Zeitmessung nicht».

Wenig später wandern Josephs Gedanken bereits wieder in die Zukunft. «Jetzt ist die Bestätigung wichtig. Ich will nicht Zeiten laufen, die mir nur einmal gelingen», sagt der 22-Jährige, der auf einen sehr schwierigen Saisonstart mit ungenügenden Leistungen. «Umso mehr ist es ein Genuss, dass es jetzt klappt». Eine erste Chance zur Bestätigung folgt in einer Woche beim Meeting in Bern.

Lea Sprunger beeindruckt auf ihrer Abschiedstour

Umarmung hier, ein Erinnerungsfoto da. Leichtathletin Lea Sprunger ist beim Meeting in La Chaux-de-Fonds eine Sportlerin fürs Volk. Die 31-Jährige mischt sich nach ihrem Renneinsatz unter die Zuschauer, als hätte es Corona nie gegeben.

Die Autogramme der Europameisterin 2018 in Berlin sind auch exakt einen Monat vor dem Karriereende unablässig begehrt. Die Leichtathletik-Jugend der Uhrenstadt steht für eine Unterschrift auf dem Shirt oder ein Selfie mit dem Handy geduldig an. Die Schlange bei Sprunger ist bedeutend länger als nebenan beim Crêpes-Stand vor der Haupttribüne.

Lea Sprunger geniesst den Austausch mit dem Publikum in La Chaux-de-Fonds.

Lea Sprunger geniesst den Austausch mit dem Publikum in La Chaux-de-Fonds.

Jean-Christophe Bott / KEYSTONE

Lea Sprunger ist auf Schweizer Abschiedstour mit Halt in La Chaux-de-Fonds, Bern, Lausanne, Zürich und Bellinzona. Dafür verzichtet sie sogar auf einen lukrativeren Start in der Diamond League in Paris. Die Waadtländerin sucht bewusst den Genuss. «Ich starte ohne jeden Druck. Ich will Danke sagen beim Publikum und den Veranstaltern.»

Wie ein gemütliches Auslaufen fühlt sich Sprungers Wettkampf jedoch nicht an. Sie gibt über 400 m flach noch einmal richtig Gas. Mit 50,70 Sekunden gelingt ihr die zweitbeste Zeit der Karriere. Nur 2018 bei ihrem Schweizer Rekord (50,52) an gleicher Stätte lief sie die Bahnrunde schon einmal schneller.

Erst einmal schneller unterwegs

Ihre zweite persönliche Zeit unter 51 Sekunden überrascht auch Sprunger, wie sie zugibt. Es ist auch Genugtuung für die Enttäuschung an den Olympischen Spielen in Tokio, wo sie in ihrer Paradedisziplin die angestrebte Finalteilnahme deutlich verpasst. «Ich fühle noch immer Frustration in mir über dieses Ergebnis», sagt die ehemalige Siebenkämpferin. Es werde wohl noch einige Zeit anhalten.

Die persönliche Partystimmung auf der Abschiedstour lässt sie sich deswegen aber nicht nehmen. Und die 31-Jährige freut sich auf die Zeit nach dem 14. September, wenn es in Bellinzona zum letzten Mal «Auf die Plätze, fertig, los!» für sie heisst. «Es gibt vieles, das ich nicht vermissen werde – die viele Reiserei für den Sport und das harte Training jeden Tag. Ich freue mich auf vieles, das jetzt kommen wird.»

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