Dieses Gefühl erfüllte nicht nur die frenetisch jubelnden 3200 Fans in der Postfinance-Arena in Bern, auch die Athleten selber wussten, dass sie sich am Boden nur noch selber um die allererste EM-Team-Medaille würden bringen können. «Nach den gelungenen Auftritten zuvor am Barren und dann am Reck habe ich wirklich an eine Medaille zu glauben begonnen», sprach Eddy Yusof später von einem «grandiosen Erfolg».

Die Schweizer hatten sich die bronzene Auszeichnung mit einer verblüffenden Konstanz geholt, sie boten eine Leistung auf durchweg hohem Niveau, praktisch ohne Aussetzer, ja sie turnten wie ein Schweizer Uhrwerk. Dass das ganze Team vor dem grossen Auftritt doch «sehr nervös» gewesen sei, wie Benjamin Gischard einräumte, das merkte man den Gastgebern zu keinem Zeitpunkt an.

Die Unterstützung war gross.

Die Unterstützung war gross.

Im Gegenteil. Obwohl sie an ihren zwei schwächsten Geräten (Pferdpauschen und Ringe) in den Wettkampf stiegen und zu Beginn der Konkurrenz punktemässig ein wenig hinterherhinkten, bewahrten sie Ruhe und blieben in Kontakt mit den Ukrainern, welche sich – wie erwartet – als härteste Konkurrenten im Kampf um Bronze herausstellten. Entscheidend zum guten Auftakt trug Oliver Hegi bei, der am Pferdpauschen ganz starke 15,266 Punkte ablieferte.

Wenn es einen Moment des Zweifels gab im Wettkampf der Schweizer, dann war das beim Sprung. Ausgerechnet Pablo Brägger patzte bei seinem ersten Auftritt: «Es war für mich nicht ganz einfach, mitten im Wettkampf am Sprung zu starten», meinte der Teamleader hinterher, «doch danach konnte ich mich sammeln und doch noch gute Leistungen zeigen.»

Zum Glück nur ein Verniaiev

Anders als die Schweizer kamen die Ukrainer nach der ersten Hälfte des Wettkampfs von der Spur ab. Zuerst lieferte im vierten Durchgang Yehorov am Barren eine tiefe 12,6, dann setzte Radivilov am Reck mit 11,8 Punkten noch einen drauf – und weg war die realistische Chance auf Bronze.

So wurde Oleg Verniaiev zur tragischen Figur des gestrigen Teamwettkampfs. Der ukrainische Teamleader und amtierende Mehrkampf-Europameister zeigte eine Glanzleistung nach der anderen, konnte aber die Aussetzer seiner Teamkollegen auch mit einer 16,1 am Barren nicht mehr ausbügeln.

So konnten die Schweizer am Reck, welches sie nach der Ukraine in Angriff nahmen, taktieren. Baumann etwa liess eine Schwierigkeit weg, vermied unnötiges Risiko und turnte die Übung stattdessen ohne Probleme durch. Und am Boden, ganz zum Schluss, wuchsen die Schweizer gar noch über sich hinaus, blieben zweimal über 15 Punkten und beendeten den Wettkampf mit 5,5 Zählern Vorsprung auf die Ukraine. Ein Resultat, wie man es in dieser Deutlichkeit nie und nimmer erwartet hatte.

Die Schweizer Bodenübung im Video.

Die Schweizer Bodenübung im Video.

Die Schweizer Mannschaft gewinnt Bronze an der EM.


Vor allem für Brägger war das glückliche Ende nach seinem missglückten Sprung «eine riesige Erleichterung, ein sensationelles Gefühl. Das ganze Team hat in der letzten Zeit so viel investiert für diese Medaille, da mussten wir den Emotionen ganz einfach freien Lauf lassen.» Wenn das Publikum am Sonntag noch einmal so mitmache, legte Brägger nach, dann liege auch in den Einzelfinals noch etwas drin.

Einen sehr emotionalen Tag bedeutete der gestrige Samstag auch für Felix Stingelin. Er habe stets um das Potenzial im Team gewusst, spätestens nach Rang 3 in der Qualifikation vom Donnerstag. Besonders freute den Chef Spitzensport im Schweizerischen Turnverband, dass der 6. Platz an der WM in Glasgow 2015 kein Zufall war.

«Wir haben heute bestätigt, dass wir über ein richtig gutes Team verfügen. Das ist für mich eine grosse Genugtuung», musste er nach dem Wettkampf mit Freudentränen kämpfen. «Diese Leistung zeugt von der mentalen Stärke unserer Athleten, und das ist im Kunstturnen von entscheidender Bedeutung.»

Diese Medaille zeige aber auch, dass man für die Olympischen Spiele bereit sei, so Stingelin. Dann soll das nächste Kapitel der Schwizer Erfolgsgeschichte geschrieben werden: mit dem Einzug in den Final der besten acht Mannschaften.