Bundesliga
Schweizer Goalies gefragt wie nie-Die Bundesliga ist bestückt mit Schweizer Torhütern

Stolze acht Ballfänger unseres Landes stehen in der Bundesliga unter Vertrag − ob in Hamburg, Augsburg, Hoffenheim oder Mönchengladbach, überall sind Schweizer Goalis mit von der Partie- in Leipzig gar gleich drei.

Markus Brütsch
Merken
Drucken
Teilen
Schweizer unter sich: Yvon Mvogo (links), Fabio Coltorti und der hechtende Nachwuchsgoalie Philipp Köhn beim Training mit RB Leipzig.imago

Schweizer unter sich: Yvon Mvogo (links), Fabio Coltorti und der hechtende Nachwuchsgoalie Philipp Köhn beim Training mit RB Leipzig.imago

imago/Picture Point LE

João Paulo Oliveira Silva ist Torhüter. Genauer: ein Miettorhüter. Weil im organisierten Freizeitfussball Brasiliens alle nur stürmen wollen wie Neymar, können Mannschaften ohne Goalie einen solchen mieten. Für zehn Euro pro Einsatz hechten Silva und seine Kollegen über die staubigsten Böden und absolvieren manchmal drei Partien am Tag. Es ist ein harter Job. «Die Spieler nehmen die Sache sehr ernst», sagt Silva.

In der Schweiz wäre es für ihn schwieriger, eine Beschäftigung zu finden. Einen Torhütermangel gibt es hier nicht. Ernst Graf, der Nachwuchsverantwortliche bei YB, sagt: «Wir haben immer genug Goalies.» Er glaubt, dass Schweizer Spitzenkeeper wie der Mönchengladbacher Yann Sommer und der Dortmunder Roman Bürki ein Vorbild für viele Junge sind und sie inspirieren, Torhüter zu werden.

Patrick Foletti, Chef der Torhüterausbildung beim Verband, denkt, dass die auffallende Breite an Schweizer Klassetorhütern und das ständige Nachstossen aus dem Nachwuchsbereich auch etwas mit der Schweizer Mentalität zu tun hat. Mit Eigenschaften wie Sicherheit und Zuverlässigkeit. Natürlich schiessen auch Schweizer gerne Tore, aber sie finden genauso Spass daran, gegnerische zu verhindern.

Ausbildung als Schlüssel

Damit ist es jedoch nicht getan. Es braucht eine seriöse Ausbildung. Diese beginnt im Alter von zwölf Jahren. Foletti betreut nicht nur die Nationaltorhüter, sondern kümmert sich in allen Regionen der Schweiz um die Talente wie auch um die Ausbildung der Goalietrainer.
Unter diesen Voraussetzungen ist es dazu gekommen, dass in den Kadern der 18 Bundesligaklubs nicht weniger als acht Schweizer Goalies figurieren. Würde man noch den Basler Dario Thürkauf dazuzählen, der in diesem Sommer vom FCB in die zweite Mannschaft von Werder Bremen wechselte, wären es gar neun.

Das ist eine ausserordentlich beeindruckende Zahl. Gut möglich, dass sie schon bald wieder nach oben korrigiert werden muss. Der Abgang von Diego Benaglio bei Wolfsburg wurde durch die Transfers von Yvon Mvogo, Philipp Köhn (beide zu Leipzig) und das Aufrücken von Gregor Kobel aus dem Nachwuchs ins Kader Hoffenheims mehr als kompensiert.

Es hatte allerdings lange 35 Jahre gedauert, bis erstmals ein Schweizer Torhüter das Vertrauen eines Bundesligisten erhielt. René Deck hatte es zwar 1975 zum VfB Stuttgart geschafft, doch dieser spielte damals in der 2. Bundesliga. Als 1995 das Bosman-Urteil den Transfermarkt veränderte, suchten immer mehr Schweizer in Deutschland ihr Glück. So wurde Andreas Hilfiker zum Pionier. Er ging im Januar 1998 von Aarau nach Deutschland, stieg mit dem 1. FC Nürnberg auf und wurde am 15. August beim 1:1 gegen den Hamburger SV der erste Schweizer Bundesligagoalie.

Schweizer unter sich: Andreas Hilfiker (rechts) versucht, Weltklassegoalie Diego Benaglio täglich noch ein klein wenig besser zu machen. Keystone

Schweizer unter sich: Andreas Hilfiker (rechts) versucht, Weltklassegoalie Diego Benaglio täglich noch ein klein wenig besser zu machen. Keystone

KEYSTONE

Ihm gefolgt sind Pascal Zuberbühler (2000 zu Leverkusen), Jörg Stiel (2001 zu Mönchengladbach), Diego Benaglio (2007 zu Wolfsburg) sowie Marwin Hitz (2009 zu Wolfsburg). Fünf Jahre später schafften dann Yann Sommer und Roman Bürki den Sprung in die deutsche Traumfabrik. 2015 wurde Andreas Hirzel überraschend vom HSV verpflichtet, ehe Fabio Coltorti in der vergangenen Saison bei Leipzig als neunter Schweizer zum Bundesligakeeper wurde.

Längst sind die Eidgenossen die Nummer 1 im Ranking der Ausländer. Mit 696 Einsätzen sind sie klar führend vor Jugoslawien (432) und Belgien (295). Weil Benaglio zu Monaco transferiert wurde, kann er mit seinen 259 Partien nun allerdings nicht mehr ausländischer Rekordtorhüter werden. Der Schwede Ronnie Hellström hatte es zwischen 1974 und 1978 mit Kaiserslautern auf 266 Partien gebracht.

Anpassung ist kein Problem

Was nichts an der Schweizer Vormachtstellung unter den ausländischen Bundesligatorhütern ändert. «Ein Zufall ist das sicher nicht», sagt Andreas Kronenberg vom SC Freiburg. Er ist neben Hilfiker (Wolfsburg) einer von zwei Schweizer Torhütertrainern in der Bundesliga. «Die Schweiz hat eine lange und gute Goalietradition, aber es muss vor allem auch an der guten Ausbildung liegen, wenn gleich acht Schweizer den Sprung hierher schaffen», sagt Kronenberg. Sicher ist es auch ein Vorteil, dass die Schweizer im nördlichen Nachbarland kulturell und sprachlich keine Anpassungsschwierigkeiten haben.

Den Vogel abgeschossen haben die Leipziger, die mit Mvogo, Coltorti und dem schweizerisch-deutschen Doppelbürger Köhn gleich drei Schweizer Keeper im Kader haben. Allerdings: Die Nummer 1 bleibt gemäss Trainer Ralph Hasenhüttl vorderhand der Ungar Peter Gulacsi. Wobei es sehr überraschen würde, sollte sich Supertalent Mvogo nicht schon bald durchsetzen. Mit seinem offensiven Spiel passt er bestens zu den Bullen.

Über allen steht aber derzeit noch das Natitrio Sommer, Bürki, Hitz. Diese drei haben sich in der Bundesliga längst etabliert und sind Führungsspieler. «Klassegoalies wie sie sorgen dafür, dass sich deutsche Vereine wohl weiter in der Schweiz bedienen», sagt Kronenberg.

Die Schweizer Torhüter in der Bundesliga: Roman Bürki (26)

Roman Bürki.

Roman Bürki.

KEYSTONE/EPA/FRIEDEMANN VOGEL
  • Klub: Borussia Dortmund
  • Seit: Sommer 2015
  • Vertrag bis: Sommer 2019
  • Transfermarkt (in Euro): Marktwert 9 Millionen
  • Bundesliga-Einsätze: 94 Spiele
  • Gegentreffer: 110

Marwin Hitz (29)

Marwin Hitz.

Marwin Hitz.

KEYSTONE/AP/MATTHIAS SCHRADER
  • Klub: FC Augsburg
  • Seit: Sommer 2013
  • Vertrag bis: Sommer 2018
  • Transfermarkt (in Euro): Marktwert 4 Millionen
  • Bundesliga-Einsätze: 122 Spiele
  • Gegentreffer: 165

Yann Sommer (28)

Yann Sommer.

Yann Sommer.

Keystone/MANUEL LOPEZ
  • Klub: Borussia Mönchengladbach
  • seit: Sommer 2014
  • Vertrag bis: Sommer 2021
  • Transfermarkt (in Euro): Marktwert 9 Millionen
  • Bundesliga-Einsätze: 100 Spiele
  • Gegentreffer: 125

Andreas Hirzel (24)

Andreas Hirzel.

Andreas Hirzel.

Twitter
  • Klub: Hamburger SV
  • seit: Sommer 2015
  • Vertrag bis: Sommer 2018
  • Transfermarkt (in Euro): Marktwert 150.000
  • Bundesliga-Einsätze: 1 Spiel
  • Gegentreffer: 2

Fabio Coltorti (36)

Fabio Coltorti.

Fabio Coltorti.

KEYSTONE/EPA/FILIP SINGER
  • Klub: RB Leipzig
  • seit: Sommer 2012
  • Vertrag bis: Sommer 2018
  • Transfermarkt (in Euro): Marktwert 200.000
  • Bundesligaeinsätze: 1 Spiel
  • Gegentreffer: 0

Philipp Köhn (19)

Phillip Köhn.

Phillip Köhn.

Imago
  • Klub: RB Leipzig
  • seit: Sommer 2017
  • Vertrag bis: Sommer 2021
  • Transfermarkt (in Euro): Marktwert keine Angabe
  • Bundesliga-Einsätze: 0 Spiele
  • Gegentreffer: –

Yvon Mvogo (23)

Yvon Mvogo.

Yvon Mvogo.

KEYSTONE/PETER SCHNEIDER
  • Klub: RB Leipzig
  • seit: Sommer 2017
  • Vertrag bis Sommer 2021
  • Marktwert (in Euro): 3 Millionen
  • Bundesliga-Einsätze: –
  • Gegentreffer: –

Gregor Kobel (19)

Gregor Kobel.

Gregor Kobel.

KEYSTONE/NICK SOLAND
  • Klub: TSG 1899 Hoffenheim
  • seit Sommer 2016
  • Vertrag bis Sommer 2020
  • Marktwert (in Euro): 400 000
  • Bundesliga-Einsätze: –
  • Gegentreffer: –