Der Samstag könnte seine bisherige Karriere krönen. Roman Bürki, 26 Jahre alt, Torhüter bei Borussia Dortmund, geht mit seinem Verein gegen Eintracht Frankfurt als Favorit in den deutschen Pokalfinal. Es wäre Bürkis zweiter Titel der Karriere, nach dem Cup-Sieg mit GC 2013.

So oder so endet für Bürki damit eine aufwühlende Saison. Gut sechs Wochen sind erst vergangen, seit Bürki und seine Teamkollegen im BVB-Bus vor dem Champions-League-Viertelfinal gegen Monaco Opfer einer Bomben-Attacke wurden. Dass alle überlebten, grenzte an ein Wunder. Vielleicht würde der Pokalsieg die Aufarbeitung der Ereignisse etwas beflügeln. Anspruchsvoll wird es sowieso.

Hinten anstehen

Möglicherweise aber geht Bürkis Saison noch ein bisschen weiter. Auf der Ersatzbank des Nationalteams. Dann nämlich, wenn er wie geplant noch zur Schweizer Equipe stösst, die am 9. Juni auf den Färöer Inseln die nächste WM-Qualifikationspartie bestreitet. Für die Schweiz geht es darum, den perfekten Start mit fünf Siegen aus fünf Spielen weiter auszubauen.

Sommer: «Es gibt immer wieder junge Schweizer Spieler, die sich nur etwas vorstellen können: Torhüter zu sein.»

Sommer: «Es gibt immer wieder junge Schweizer Spieler, die sich nur etwas vorstellen können: Torhüter zu sein.»

Im Tor wird Yann Sommer stehen. Seit Vladimir Petkovic Nationaltrainer ist, ist das schon so. Und es gibt – das ist Bürkis Pech – keinen Grund, daran etwas zu ändern. Sommer, mit 28 Jahren noch nicht einmal im besten Torwart-Alter, hat eine überragende Europameisterschaft gespielt. Und auch sonst kaum je einen nennenswerten Fehler im Schweizer Tor begangen.

Bürki hat mit Dortmund zwar eine herausragende Saison hinter sich. Um einiges besser auch als jene von Sommer bei Mönchengladbach. Trotzdem droht ihm dasselbe Schicksal wie Sommer früher, der Jahre lang hinter Diego Benaglio anstehen musste.

«Gute Schweizer Torhüter haben Tradition»

Doch nun macht sich hinter dem Duo Sommer und Bürki bereits eine nächste «Generation aussergewöhnlich» auf, die Bundesliga zu erobern. Yvon Mvogo (22) wechselt im Sommer von YB zu Leipzig. Derweil schnuppert das grosse Talent Gregor Kobel (19), bereits als 16-jähriger Junior von GC zu Hoffenheim gezogen, in diesen Tagen erste Nati-Luft.

Kobel: «Ich habe mich wie ein kleines Kind auf die ersten Trainings im A-Team gefreut. Die werden mir helfen für meine Karriere.»

Kobel: «Ich habe mich wie ein kleines Kind auf die ersten Trainings im A-Team gefreut. Die werden mir helfen für meine Karriere.»

Der Torhütertrainer des Schweizer Nationalteams heisst Patrick Foletti. Er sagt: «Gute Schweizer Torhüter haben Tradition. Wegen der Erfolge in der Bundesliga werden sie derzeit aber flächendeckend wahrgenommen.»

Neben Mutter Natur, die das Goalie-Talent in viele Schweizer Wiegen gelegt hat, sieht Foletti auch im Bosman-Urteil einen Grund für die Erfolge. «Seither ist es massiv einfacher, ins Ausland zu gehen.» Dazu komme die einheitliche Philosophie in der Ausbildung zwischen Verband und Klubs. Folettis Fazit: «Es gibt sicher viele Länder, die neidisch auf die Schweiz schauen.»

Mvogos erster Konkurrenzkampf

Sommer und Bürki spielen seit drei Jahren in der Bundesliga. «Das Tempo, die Intensität – alles ist höher. Und jedes einzelne Spiel wird so bestritten, als ginge es um alles», sagt Sommer. Es sind Erfahrungen, die Yvon Mvogo auch machen muss.

Als Mvogo zehn Jahre alt war, suchten die Kinder auf dem Schulhausplatz in Fribourg einen Freiwilligen für ins Tor. «Warum nicht du, Yvon?», fragten sie, «Du bist doch so gross!» Und Mvogo antwortete: «Aber warum denn, ich schiess doch so viele Tore!» Er liess sich dann doch überzeugen.

Mvogo: «Ich bin ein ‹Niemand› in Deutschland. Vielleicht hilft es ja, dass wir Schweizer in der Bundesliga einen so guten Ruf haben.»

Mvogo: «Ich bin ein ‹Niemand› in Deutschland. Vielleicht hilft es ja, dass wir Schweizer in der Bundesliga einen so guten Ruf haben.»

Jetzt macht er sich auf, mit Leipzig die Bundesliga zu erobern. Erstmals in seinem Torhüterleben muss er sich einem echten Konkurrenzkampf stellen. Peter Gulacsi, der ungarische Nationaltorhüter, ist sein Konkurrent. Mvogo gibt sich zuversichtlich. «Ich denke nicht, dass sie mich geholt haben, um mich auf die Bank zu setzen.»

Seit mehr als zwei Jahren beobachtet Leipzig Mvogo intensiv. «Schon als sie noch in der zweiten Liga waren!» Es hat ihn beeindruckt. Trotzdem ist er sich bewusst: «Ich bin ein ‹niemand› in Deutschland. Aber vielleicht hilft es ja, dass wir Schweizer Torhüter so einen guten Ruf haben hier…»

Noch mehr Gerangel

Torhüter-Nationaltrainer Foletti sagt: «Nicht viele junge Torhüter haben schon so viel Erfahrungen sammeln können wie er. Dazu hat Yvon eine Mischung aus afrikanischer Lockerheit und Schweizer Ruhe. Trotzdem kommt er jetzt in eine neue Welt. Da muss er sich erstmal durchsetzen.»

Foletti: «Gute Schweizer Torhüter haben Tradition. Es gibt sicher viele Länder, die neidisch auf die Schweiz schauen.»

Foletti: «Gute Schweizer Torhüter haben Tradition. Es gibt sicher viele Länder, die neidisch auf die Schweiz schauen.»

Dass ihm dies gelingt, «daran zweifle ich überhaupt nicht», sagt Yann Sommer. «Auch Mvogo wird in der Bundesliga nicht fehlerlos bleiben. Aber ich denke, diese Fehler werden ihm verziehen.» Und darum ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass das Gerangel um die Nummer 1 im Schweizer Nationalteam in Zukunft noch einmal grösser wird.