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Schweizer Frauen und Senioren auf der Überholspur: Weshalb Sport ein Symbol für den gesellschaftlichen Fortschritt ist

Yoga hat in den letzten sechs Jahren massiven Zulauf erfahren und ist bei Frauen besonders beliebt. Bei 80 Prozent liegt der Frauenanteil.

Yoga hat in den letzten sechs Jahren massiven Zulauf erfahren und ist bei Frauen besonders beliebt. Bei 80 Prozent liegt der Frauenanteil.

Die Schweizer Bevölkerung treibt immer öfter, länger und bis ins hohe Alter Sport. Waren Sport und Bewegung früher vor allem eine Domäne junger Männer, holen Frauen und Senioren immer mehr auf.

Lisa Caprez verzieht das Gesicht, als sie ihren rechten Arm nach hinten streckt, von der Nasenspitze perlen Schweisstropfen. Yoga. Zwei Mal die Woche eine Stunde. Am Wochenende war sie zum Wandern im Alpstein, den Weg ins Büro legt sie mit dem Velo zurück, einmal im Monat geht sie zum Schwimmen, ab und zu steht sie auf dem Tennisplatz des Clubs im Dorf, in dem sie aufgewachsen ist, und wo sie seit ihrer Kindheit Mitglied ist. Vier bis fünf Sportarten betreibt die 47-Jährige regelmässig, und sie steht damit exemplarisch für eine wachsende Gruppe in der Schweizer Bevölkerung. Immer mehr Frauen treiben öfter und regelmässiger Sport.

Inzwischen gehört die Schweiz zu den sportlichsten Ländern Europas. Das geht aus der Studie «Sport Schweiz 2020» hervor, die das Observatorium Sport Schweiz im Auftrag des Bundesamts für Sport Baspo durchgeführt hat. Die wichtigsten Erkenntnisse: 75 Prozent der Bevölkerung treiben mindestens einmal wöchentlich Sport. Im europäischen Vergleich ist die Schweiz damit Spitzenreiter – vor Finnland, Schweden und Dänemark. Seit der letzten Erhebung 2014 ist das Bedürfnis nach Sport und Bewegung durch alle Altersgruppen und über alle Sprachregionen hinweg gestiegen. Aber nirgendwo ist der Zuwachs so gross wie bei den Frauen.

Frauen im Pensionsalter sind aktiver als junge Männer

Die Gruppe der Frauen, die sich der Gruppe der sehr aktiven Sportler zugehörig fühlen, hat seit dem Jahr 2000 um 19 Prozent zugenommen.

Die Gruppe der Frauen, die sich der Gruppe der sehr aktiven Sportler zugehörig fühlen, hat seit dem Jahr 2000 um 19 Prozent zugenommen.

Vor zwanzig Jahren zählte sich nur jede dritte Frau zur Gruppe der sehr aktiven Sportler, die mehrmals pro Woche insgesamt mindestens drei Stunden Sport treiben. Heute sind es 51 Prozent und damit fast so viele wie bei den Männern (52 Prozent), bei denen die sportliche Aktivität seit dem Jahr 2000 ebenfalls klar zugenommen hat – um 12 Prozentpunkte. Während Männer bis zum Alter von 45 Jahren noch leicht aktiver sind, werden sie von Frauen in der zweiten Lebenshälfte ab 45 Jahren überholt. Mehr noch: Frauen im Pensionsalter sind nach der Gruppe der 15 bis 24-jährigen Männer die sportlichste Bevölkerungsgruppe der Schweiz.

Geht es nach Studienleiter Markus Lamprecht vom Observatorium für Sport und Bewegung Schweiz, liegt das nicht nur daran, dass Frauen deutlich aktiver sind als vor zwanzig Jahren, sondern vor allem an einer veränderten Selbstwahrnehmung. «Für Frauen ist es heute nicht nur selbstverständlich, dass sie regelmässig Sport treiben. Während sie ihre Aktivitäten früher nicht als Sport deklariert haben, fühlen sich Frauen heute dem Sport viel mehr zugehörig», sagt Lamprecht auf Nachfrage zu dieser Zeitung. Das spiegle sich auch in den genannten Sportarten wieder und am Zulauf, den einzelnen Aktivitäten seit 2014 erfahren haben.

Die Zahl der Menschen in der Schweiz, die sich nie sportlich betätigen und die seit den 70er-Jahren konstant bei einem Viertel lag, sank auf 16 Prozent.

Die Zahl der Menschen in der Schweiz, die sich nie sportlich betätigen und die seit den 70er-Jahren konstant bei einem Viertel lag, sank auf 16 Prozent.

Mehr als die Hälfte der Schweizer Bevölkerung (56,9 Prozent) gibt an, regelmässig zu wandern. Das sind 12,6 Prozentpunkte mehr als noch vor sechs Jahren. Dahinter folgen Velofahren (42 %), Schwimmen (38.6 %), Skifahren (34,9 %) und Joggen (27 %). Lamprecht spricht vom helvetischen Fünfkampf aus Wandern, Radfahren, Schwimmen, Skifahren und Joggen. Stark an Bedeutung gewonnen haben das Krafttraining (+8,3 % auf 13,3 %) und Yoga und Pilates (+5,7% auf 12,9%). Auch kosten darf das. Im Schnitt gaben Herr und Frau Schweizer im Jahr 2019 2000 Franken für den Sport aus - sei es für Ausrüstung, Abonnemente oder Mitgliedschaften.

Die Zeit mit den Beschränkungen zur Eindämmung der Verbreitung des Coronavirus hätte gezeigt, wie aktiv die Schweizer Bevölkerung sei, sagte Bundesrätin und Sportministerin Viola Amherd: «Die Strassen waren voll mit Velofahrern, viele waren zum Joggen oder Spazieren in der Natur.» Besonders freut sie, dass der Anteil, der Nichtsportler, der seit den 70er-Jahren konstant bei einem Viertel der Bevölkerung lag, auf 17 Prozent sank. «Und von diesen Menschen will sich jeder Dritte wieder vermehrt bewegen und Sport treiben», sagt Amherd. Es sei Aufgabe des Bundes, der Gemeinde und Kantone, die Infrastruktur dafür bereitzustellen.

Ab der zweiten Lebenshälfte treiben Frauen mehr Sport als Männer. Nur die Bevölkerungsgruppe der 15- bis 24-jährigen Männer ist noch aktiver.

Ab der zweiten Lebenshälfte treiben Frauen mehr Sport als Männer. Nur die Bevölkerungsgruppe der 15- bis 24-jährigen Männer ist noch aktiver.

Eine Diskrepanz zeigt sich in der sportlichen Aktivität in der Altersgruppe der 35- bis 44-Jährigen, wo der Anteil der Frauen, die sich als sehr aktiv bezeichnen, auffällig tief bei 42 Prozent gegenüber 48 Prozent bei den Männern liegt. Zu erklären ist dieser mit der Mehrfachbelastung aus Arbeit und Kinderbetreuung. Aber anders als noch vor sechs Jahren lässt sich dieser Effekt auch bei jungen Männern beobachten, die sich stärker an der Betreuung der nächsten Generation beteiligen. Der Sport spiegelt damit gesellschaftlichen Fortschritt wider. Gleichstellung herrscht indes noch nicht. Denn Männer werden schneller wieder aktiver als Frauen.

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