Martina Voss-Tecklenburg, haben Sie den Schweizer Frauenfussball wachgeküsst?

Martina Voss-Tecklenburg: (Blickt zu Lara Dickenmann) Lara, habe ich dich wachgeküsst? Im Ernst: Das finde ich übertrieben und anmassend. Ich wusste schon, als ich hierher kam, dass die Schweiz ein tolles, starkes Team hat. Was es brauchte, war vielleicht etwas der Weg aus der Bequemlichkeit, das Wegkommen des «Wir haben es ja gut miteinander und ob wir etwas erreichen, ist jetzt nicht so wichtig.» Ein solcher Prozess ist nicht zu bewältigen, wenn ihn die Spielerinnen nicht mitgehen.

Neben der sportlichen Seite gibt es auch noch die gesellschaftliche.

Ja, da hoffe ich schon, meinen Teil dazu beigetragen zu haben. Dass der Frauenfussball akzeptiert ist und die Leute realisieren, was die Spielerinnen alles so leisten, das ist mir wichtig. Denn wir leisten mehr als der «normale» Fussballer, der einfach nur Fussball spielen darf und sein komplettes Leben darauf ausrichten kann.

Normal? Sie meinen mehr als die männlichen Fussballer?

Genau. Unsere Mädels haben alle noch ein Zeitfenster, wo sie studieren, wo sie einer Arbeit nachgehen. In einer Woche mit zwei Spielen absolvieren sie manchmal noch kurz vier bis fünf Prüfungen. Und mit so einem Leben ausserhalb des Fussballs kann es manchmal schwierig sein, gleichzeitig noch sechs Trainings, genügend Pflege und Zeitfenster für sich selbst zu organisieren und am liebsten noch an den eigenen Defiziten zu arbeiten. Da hat der Fussballer schon einen erheblichen Vorteil, weil er sich genau aussuchen kann, was wann vonnöten ist.

Sie sagen das nicht verbittert, sondern feststellend. Ist es trotzdem ungerecht?

Ich würde einfach allen meinen Spielerinnen wünschen, dass sie einmal die Möglichkeit haben, ein Profi-Leben zu führen. Ich würde das auch allen raten, wenn die Ausbildung abgeschlossen ist, voll auf die Karte Fussball zu setzen. Diese Zeit gibt dir niemand zurück. Und sie ist wunderschön.

Wie viele Spielerinnen des aktuellen Nationalteams sind Profis?

50 Prozent. Am liebsten wären mir natürlich 100 Prozent. Und noch lieber, dass auch in der NLA ein kleines Grundgehalt gezahlt würde, so dass einige vielleicht nur noch 80 Prozent arbeiten müssten. Dass die Spielerinnen nicht immer im Kopf haben: Ich muss dies noch tun und da noch eine E-Mail beantworten. Schlimm finde ich auch, dass manch eine Frau Angst davor hat, nach einer Verletzung beim Arbeitgeber aufzukreuzen, um einen Krankenschein abzuholen. Wer solche Dinge im Hinterkopf hat, ist gehemmt.

Wie nehmen Sie die Akzeptanz des Frauenfussballs in der Bevölkerung wahr?

Ganz unterschiedlich. Ich glaube, es gibt inzwischen einen grossen Teil der Bevölkerung, die uns ziemlich toll findet und sagt: «Super, was dort geleistet wird!» Und natürlich gibt es weiterhin Vorurteile oder Gründe, den Frauenfussball nicht zu mögen. Aber das ist auch legitim. Ich mag auch nicht alle Sportarten.

Wie gelingt es, mehr Beachtung zu finden?

Am Ende geht es immer über Erfolge. Das ist Fluch und Segen gleichzeitig. Einerseits brauchst du Erfolge, um Interesse und Aufmerksamkeit zu wecken. Andererseits musst du für Erfolg auch etwas säen. Und das kostet Zeit und Geld. Also brauchen wir bessere Infrastrukturen, mehr Trainerqualität und bessere Zusammenarbeit mit den Junioren. Wir haben viele Prozesse angeschoben. Nicht alle greifen sofort. Aber wenn ich in unsere Ausbildungszentren gucke, die U17 anschaue, merke ich, dass heute vielleicht zehn statt fünf grosse Talente dort sind.

Die 49-jährige Voss-Tecklenburg ist Pionierin des deutschen Frauenfussballs.

Die 49-jährige Voss-Tecklenburg ist Pionierin des deutschen Frauenfussballs.

Der FC Aarau geriet kurz nach Meisterschaftsende ins Kreuzfeuer, weil er die aufgestiegenen Frauen auf die Nutzung des Namens einklagen wollte. Was ging Ihnen da durch den Kopf?

Das ist doch eigentlich eine Wertschätzung für den Frauenfussball, oder?

Wie meinen Sie das?

Der FC Aarau will Geld damit machen, weil sie wissen, dass es gut ankommt, wenn die erfolgreichen Frauen ihren Namen tragen (lacht). Nein, sorry, das ist – lassen wir es, da ist jedes Wort zu viel. Sie sollen stolz darauf sein, dass die Aarauer Frauen endlich in die NLA aufgestiegen sind.

Das Frauen-Nationalteam bestreitet ab kommendem Dienstag erstmals eine EM.

Das Frauen-Nationalteam bestreitet ab kommendem Dienstag erstmals eine EM.

Die EM in Holland steht vor der Tür. Da ist Aufmerksamkeit gewiss. Wie aber gelingt es nachhaltig?

Indem wir attraktiv und erfolgreich Fussball spielen. Dass sich möglichst viele Schweizer die Spiele anschauen und sagen: «Doch, das macht Spass, sie geben alles, sind tolle Charakteren. Die verfolgen wir weiter.» Es ist natürlich schon auch ein bisschen Fluch, dass wir dazu nicht allzu oft die Gelegenheit haben. Darum lastet auch ein gewisser Druck auf uns. Wir müssen jetzt an der EM die beste Leistung zeigen. Sonst sind die Kritiker schnell da.

Fakt ist: Wenn eine Spielerin auf Instagram ein erotisches Bild veröffentlicht, generiert das immer noch mehr Aufmerksamkeit als ein nackter Sieg.

Das ist so. Aber da ist der Frauenfussball keine Ausnahme. Das ist überall so, wo Frauen im Spitzensport auftreten. Und übrigens auch ein Phänomen, von dem der Männerfussball durchaus auch betroffen ist. Kleine Skandale oder aussergewöhnliche Dinge verbreiten sich heute über Social Media ebenfalls viel schneller. Wenn also ein Kicker vom FC Magdeburg am Ballermann ist und sich die Hose runterzieht, ist das auch die viel grössere Geschichte als das 2:0 vom Wochenende. Diese neue Welt sollte eben auch das eigene Verhalten beeinflussen. Man muss sich bewusst sein: Wer sich daneben benimmt, kann das heute kaum mehr geheim halten.

Gibt es einen Verhaltenskodex im Schweizer Frauen-Nationalteam?

Es gibt gewisse Dinge, die wir angesprochen haben. Dazu gehört das Bewusstsein, dass Spielerinnen während eines Turniers auch zu ihrem Privatleben befragt werden. Wer darauf antworten möchte, darf das selbstverständlich. Da braucht es keine Grenzen. Ich finde es dann blöd, wenn durch eine private Geschichte der Sport in den Hintergrund gedrängt wird. Und dann gibt es auch gewisse Verhaltensregeln.

Nämlich?

Dazu ein ganz banales Beispiel: Wenn wir beim Stadion ankommen, dann trägt niemand eine Sonnenbrille. Wir sind ja nicht im Urlaub. Und auch wenn es nicht so gemeint wäre, es kommt halt blöd rüber. Deshalb möchte ich das bei meinen Frauen nicht.

United In Red: Das offizielle Lied der Schweizer Frauennationalmannschaft an der EM

United In Red: das offizielle Lied der Schweizer Frauennationalmannschaft an der EM.

Und dann gibt es die Kopfhörer.

Ja, auch die möchte ich eher bedingt sehen. Manchmal hat das auch mehr mit der individuellen Spielvorbereitung zu tun als damit, möglichst cool sein zu wollen. Aber dann finde ich schon, dass man sich auch mal miteinander beschäftigen soll.

Was können Sie besser als Vladimir Petkovic?

Da kann ich keine Antwort drauf geben – ich weiss ja nicht, wie gut er Auto fährt oder in der Küche ist. Ich könnte mich ja mal zum Duell stellen.

Die Frage sollte die Überleitung sein zum Thema: eine Frau als Trainerin im Männerfussball. Ist etwas missglückt.

Um doch noch seriös auf die Frage zu antworten: Wir müssen uns da gar nicht in eine Konkurrenzsituation stellen. Petkovic und auch ich haben beide im letzten Jahr für den Schweizer Fussball eine Menge Input gegeben mit sehr positiven Ergebnissen. Darauf dürfen wir stolz sein.

«Ich würde gerne beweisen, dass die Führung eines Teams keine Frage des Geschlechts ist.»

Martina Voss-Tecklenburg:

«Ich würde gerne beweisen, dass die Führung eines Teams keine Frage des Geschlechts ist.»

Wie gross ist Ihr Traum, einmal ein Männerteam zu führen?

Darauf möchte ich differenziert antworten. Es wäre eine riesige Herausforderung – und ich würde gerne beweisen, dass die Führung eines Teams keine Frage des Geschlechts ist. Andererseits bin ich seit 35 Jahren im Frauenfussball – und möchte ihn immer noch weiterentwickeln, weil er das weiterhin braucht. Somit stehe ich da in einem gewissen Dilemma.

Ob Sie den in Anführungszeichen «egoistischen» Weg gehen wollen. Oder sich weiterhin in den Dienst des Frauenfussballs stellen.

Genau. Ich sehe schon ein bisschen die Gefahr, dass plötzlich die sehr guten Frauen dem Frauenfussball verloren gingen. Ich müsste für mich überlegen: Will ich diesen Weg mit allerletzter Konsequenz? Dann müsste ich das auch initiativ angehen und mich aktiv bewerben, denn ich glaube eben nicht, dass ein Klub von sich aus auf mich zukommen würde. Ich würde schon gerne mal sehen, wie denn ein Klub auf mich reagieren würde. Ob ich überhaupt zu einem Gespräch dürfte.

Zutrauen würden Sie es sich. Das haben Sie mehrfach betont. Aber wo würde der geeignete Verein spielen?

Vielleicht ein ambitionierter Challenge-Ligist. Es käme auf mein Gefühl an. Wie sehr steht der Klub hinter mir, ist es mehr als nur PR? Passt der Verein zu meiner Art, wie ich Fussball verstehe und lebe? Und können wir uns vorstellen, gemeinsam etwas zu entwickeln? Denn wenn ich etwas bewiesen habe, ist es genau das: ein Team entwickeln zu können.

Die EM wird zeigen, wie weit die Schweiz schon ist. Mit welchem Ausgang wären Sie zufrieden?

Unser Ziel ist ganz klar der Viertelfinal. Alles andere wäre Zugabe. Übers ganze Turnier gesehen brauchen wir Topleistungen und vielleicht auch einmal etwas Glück. Aber ich bin überzeugt, dass wir die Fähigkeiten dazu haben.