Nationalmannschaft

Schweizer Einheit: Der Zirkel des Vertrauens

Momente der Besinnung nach der Wende vom 0:2 zum 3:2. Das Schweizer Nationalteam versammelt sich nach dem Sieg über Slowenien im Mittelkreis.

Momente der Besinnung nach der Wende vom 0:2 zum 3:2. Das Schweizer Nationalteam versammelt sich nach dem Sieg über Slowenien im Mittelkreis.

Das Spiel gegen Slowenien war eben so dramatisch, wie facettenreich. Unter Vladimir Petkovic haben Einwechselspieler so viel Einfluss wie lange nicht mehr

Es ist der Tag nach der grossen Wende. Der Tag nach den grossen Gefühlen vom 0:2 zum 3:2 gegen Slowenien. Am späten Sonntagnachmittag fliegt die Schweizer Delegation nach London, wo sie am Dienstag England fordert. Während der Reise ins Mutterland des Fussballs gibt es einiges aufzuarbeiten.

Der Anführer: «Boom, boom, boom!»

Es gibt verschiedene Arten von Chefs. Jene auf dem Rasen, zuständig für die Ordnung im Spiel. Und es gibt Persönlichkeiten wie Valon Behrami, ehrliche Arbeiter mit riesigem Herz, die das Team abseits des Rasens anführen. Als die spektakuläre Schweizer Wende vollendet war, versammelte sich das ganze Schweizer Team in der Platzmitte und bildete einen Kreis. Behrami ergriff das Wort und sagte: «Wir brauchen einander! Nie werden wir Spiele gewinnen wegen eines Einzelnen! Lasst uns weiter füreinander kämpfen und rennen.»

Es hatte etwas von einem Zerfall, der die Schweizer kurz nach dem 0:2 ereilte. Und in gewissen Momenten in schrecklichster Weise an das 2:5 gegen Frankreich an der WM erinnerte. In diesen Momenten wurden viele Schweizer zu Einzelkämpfern. Es dauerte, bis das Chaos wieder der Ordnung und Leidenschaft wich.

Behrami war einer der zentralen Gründe dafür, dass es gelang. Immer wieder lief er Bälle ab. Immer wieder rannte er, als ginge es um sein Leben. Nach der Rückkehr ins Teamhotel schrie der Tessiner seine Freude via Twitter in die Welt hinaus. «Boom, boom, boom in 10mins!! I love so much this team!!»

Der Trainer: Ein Händchen wie Hitzfeld

Nationaltrainer Vladimir Petkovic hat ein Problem. Der Schatten seines Vorgängers ist gross. Die Aura und das Palmarès von Ottmar Hitzfeld strahlen noch immer. Hitzfeld war zwar nicht für seinen Mut zum Risiko bekannt, aber für Stabilität und: sein glückliches Händchen.

So wechselte er beispielsweise an der WM gegen Ecuador mit Mehmedi und Seferovic zwei Spieler ein, die aus dem 0:1 noch ein 2:1 machten und damit die Basis für den Achtelfinal legten.

Gut ein Jahr ist Petkovic nun im Amt. Er hat schnell gemerkt, dass die Schweizer Spieler bereit sind, mit ihm den Weg der sanften Evolution zu gehen. Und nun wird auch immer deutlicher, wie sehr es Petkovic versteht, dem Team die nötigen Impulse durch sein starkes Coaching zu geben. Bereits zum dritten Mal in dieser EM-Qualifikation führten seine Wechsel zum Erfolg.

Gegen Slowenien waren mit Drmic, Stocker und Embolo alle drei an den Toren beteiligt. Gegen Litauen auswärts zahlte sich die Massnahme aus, Captain Inler auszuwechseln und Xhaka ins Zentrum zu nehmen. Im letzten November schliesslich dauerte es in St. Gallen gegen Litauen sehr lange, bis die Tore fielen. Auch damals gab die Hereinnahme von Drmic entscheidende Impulse.

Der Sieg gegen Slowenien war nun also auch ein Sieg des Trainers. Das ist nicht unwichtig. Es sind Argumente dafür, dass der 52-Jährige seinen Vertrag, der noch bis nach der EM 2016 läuft, bald verlängern darf.

Die Helden: Aus der zweiten Reihe

Status: Es ist kompliziert. So lässt sich die Beziehung zwischen Valentin Stocker und dem Nationalteam ziemlich gut beschreiben. Stocker hat sich noch nie nachhaltig als Stammkraft empfohlen. Er hatte hin und wieder gute Auftritte, aber so konstant wie beim FC Basel waren seinen Leistungen im Nationaldress nie. An der WM wurde er nach den ersten 45 Minuten gegen Ecuador ausgewechselt. Und spielte danach keine Sekunde mehr.

Am Samstag nun meldete er sich eindrücklich zurück. Nur vier Minuten brauchte er nach seiner Einwechslung, um die Schweiz vom 0:2 zum 2:2 zu führen. Ein Tor, ein Assist – Stockers Einfluss war beeindruckend. Mit Hertha Berlin hat Stocker einen guten Saisonstart hinter sich. Wer weiss, vielleicht gelingt es ihm nun, sich bei Petkovic nachhaltig zu empfehlen.

Nach dem Spiel meldete Stocker: «Ich habe nur zwei Dinge zu sagen. Erstens: Ich danke meiner Freundin, dass sie mir immer den Rücken frei hält und ermöglicht, dass ich all dies erleben darf. Zweitens: Ich wünsche Fabian Frei ganz gute und schnelle Besserung!» Frei verletzte sich vor neun Tagen mit Mainz am Oberschenkel.

Mit zwei Toren ebenfalls massgeblich am Umschwung beteiligt war Josip Drmic. Nach einem schwierigen Start in Mönchengladbach zeigte der Stürmer eine starke Reaktion. Bei ihm ist auffällig, dass er seine stärksten Leistungen mit dem Nationalteam momentan dann zeigt, wenn er eingewechselt wird. Darf er hingegen von Beginn spielen, enttäuscht Drmic eher. Warum das so ist, darüber muss für den Moment spekuliert werden. Drmic verzichtete auf Erklärungen nach dem Spiel.

Der Captain: Natürlicher Prozess

Es war und ist die meistdiskutierte Frage rund ums Nationalteam: Wer ist der Chef auf dem Platz? Nach dem Spiel in Litauen untermauerte Granit Xhaka seine Ambitionen. «Irgendwann muss er sich entscheiden», sagte er und meinte damit Petkovic. Nun verzichtete dieser gegen Slowenien tatsächlich auf Inler.

Xhaka zeigte keinen überragenden Auftritt, aber einen guten. Er versuchte einiges. Und wurde schliesslich belohnt, indem er das 2:2 brillant einleitete. Irgendwie scheint es, als setze der natürlich Ablösungsprozess nun tatsächlich ein. Inler, seit Ende Juni 31, hat seine besten Zeiten wohl schon erlebt. Xhaka, Ende Monat erst 23, hat ein beeindruckendes Jahr hinter und seinen fussballerischen Höhepunkt noch immer vor sich.

Es ist für die Entwicklung dieses Teams bestimmt förderlich, dass die Schweiz das Spiel gegen Slowenien noch gewendet hat. Und so Petkovics Verzicht auf Inler nicht unnötig hinterfragt wird. Wobei diese Massnahme nun nicht gleich bedeuten muss, dass Petkovic von nun an gänzlich auf Inler verzichtet. Es ist gut möglich, dass Inler bereits gegen England wieder eine Chance erhält.

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