Ein Jahrzehnt lang sind Belinda Bencic und ihr Vater Ivan gemeinsam unterwegs. Unzertrennlich. Zu Juniorenzeiten wohnen sie in billigen Hotels, schlafen im gleichen Zimmer und essen notfalls auch bei McDonalds, «weil du dort weisst, was drin ist und nichts befürchten musst», wie Ivan Bencic einmal sagt. Autogrammstunde, Besuch in der ehemaligen Schule, Interview – der ehemalige Eishockey-Spieler ist immer dabei und legt seine schützende Hand über die Tochter.

Nun fehlt er erstmals. Die Reise nach Australien hat er nicht gemacht, auch in der Saisonvorbereitung blieb er meist zu Hause. Auf Anfrage sagt er, dass er sich derzeit nicht äussere. Er überlässt die Bühne ihr. Das lässt Spielraum für Interpretationen.

Belinda sagt: «Ich wollte es probieren. Wir telefonieren regelmässig und stehen so in Kontakt. Auch Papa fand das eine gute Idee.» Stattdessen wird sie von Physiotherapeut Marco Ferreira und Hittingpartner Olivier Nagy begleitet.

Bisher war Ivan Bencic an jedem Turnier seiner Tochter dabei.

Bisher war Ivan Bencic an jedem Turnier seiner Tochter dabei.

In den letzten Wochen hat sich Bencics Umfeld verändert. Im Oktober trennt sich die Familie von Marcel Niederer, der seit 2003 gegen eine Million Franken in Bencics Karriere investiert haben dürfte. Als Grund nennt Ivan Bencic «mehrmalige Alleingänge hinter dem Rücken der Familie und dem Trainerteam im sportlichen Bereich».

Das habe zu einem irreparablen Vertrauensbruch geführt. Zwar bestreitet Marcel Niederer diese Darstellung vehement, äussert sich aber nicht zu den Gründen. Wohl auch, weil er die ihm vertraglich zugesicherten Beteiligungen an künftigen Einkünften nicht aufs Spiel setzen will. Darum schweigt auch er.

Geändert haben sich in den letzten Wochen auch die Pläne Bencics mehrmals und unvermittelt. Angedacht war, dass sie zwei Monate bei Mentorin Melanie Molitor in der Schweiz trainiert. Stattdessen reist sie im Dezember nach Florida und bereitete sich an der Evert Tennis Academy vor.

Solche kurzfristigen Planänderungen seien «normal», wie sie sagt. «Dort war das Wetter gut und ich hatte Lust darauf.» Auch dass sie in Sydney antritt, war nicht geplant. Trotzdem findet sie dank einer Wildcard Aufnahme im Hauptfeld. Obwohl sie bereits in Perth beim Hopman Cup Probleme mit dem Zehennagel hatte.

Mehr Vater, weniger Trainer

Sie trifft nun ihre eigenen Entscheidungen. Nachdem sie sich von den Vergleichen mit Martina Hingis emanzipiert hat, steht nun auch eine Loslösung vom Elternhaus bevor. Ein schwieriger Balanceakt. «Vater und Trainer zu sein, ist nicht immer einfach. Vor allem nicht bei einem Mädchen, das älter wird, in die Pubertät kommt und einen eigenen Kopf hat wie Belinda. Aber es ist gut, dass sie auch ihre eigenen Entscheidungen trifft. Als Eltern muss man lernen, loszulassen. Das ist nicht immer einfach», sagte Ivan Bencic vor anderthalb Jahren dazu.

Dass seine Doppelfunktion als Vater und Trainer nicht nur Vorteil hat, war ihm immer bewusst. Wie viel Druck muss sein? Was geht zu weit? Fragen, die ihn ständig begleiten. Auch er kennt die Beispiele der viel zitierten «Tennis-Väter».

Fragen danach, ob er sich auch vorstellen könne, irgendwann für einen anderen Trainer Platz zu machen, pflegt er mit einer Gegenfrage zu beantworten: «Warum? Ich behaupte nicht, der grösste Experte zu sein. Aber es ist das, was Erfolg gebracht hat. Ich möchte so lange wie möglich helfen.»

Dass es ab und zu Spannungen gebe, sei normal, betonten beide immer wieder. Das sei aber in jeder Beziehung zwischen Vater und Tochter der Fall. Gut möglich, dass Ivan Bencic künftig immer mehr als Vater gefragt sein wird. «Die Familie hat mir im letzten Jahr, als ich dauernd verletzt war, sehr geholfen. Es war ein Teufelskreis. Ich möchte es jetzt einfach nur vergessen und nach vorne schauen. Es war mein schlimmstes Jahr», sagt Belinda.

Tennisfamilie Bencic: Die damals zwölfjährige Belinda posiert 2009 mit ihren Eltern und ihrem Bruder.

Tennisfamilie Bencic: Die damals zwölfjährige Belinda posiert 2009 mit ihren Eltern und ihrem Bruder.

Nach zwei Siegen in drei Einzeln glückt ihr beim Hopman Cup in Perth an der Seite von Roger Federer der Start ins neue Jahr. Doch kaum hat sie die Westküste Australiens verlassen, findet der Albtraum seine Fortsetzung. Ein eingerissener Nagel des grossen Zehs am rechten Fuss zwingt sie in Sydney zur Aufgabe. «Eine normale Verletzung in diesem Sport, bei mir war es das erste Mal», sagt Bencic.

Am Freitag der nächste Dämpfer. Die in der Weltrangliste bis auf Position 48 abgerutschte Bencic trifft bereits in der Startrunde auf Serena Williams (35), die Nummer zwei der Welt, die in Melbourne schon sechs Mal triumphiert hat. «Ich habe mich gefreut über das Los. Dafür trainiere ich. Nun spiele ich sicher auf einem grossen Platz und in der Night Session.»

Vater Ivan muss also auch nicht Mitten in der Nacht aufstehen, um seiner Tochter bei der Arbeit zuzusehen.