Guy Boucher, Sie hatten einen – von aussen betrachtet – recht turbulenten Sommer und waren so ziemlich bei jeder NHL-Franchise mit einem offenen Trainerposten als Kandidat im Gespräch. Wie war das für Sie?

Guy Boucher: Wenn man in diesem Business tätig ist, dann muss man mit diesen Begleiterscheinungen leben. Ob die Gerüchte nun wahr sind oder nicht. Für mich war immer klar: Ich habe mein Wort gegeben, dass ich nach Bern zurückkehre. Und wenn ich mein Wort gebe, dann halte ich mich daran.

Wort halten hin oder her: Es kann nicht leicht fallen, die Gelegenheit auszuschlagen, ein Team wie die Pittsburgh Penguins mit Superstars wie Crosby und Malkin zu trainieren.

Im Leben erhält man immer wieder gute Gelegenheiten. Aber manchmal ist einfach nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Es gibt immer zwei Seiten, die man berücksichtigen muss. Da ist einerseits der Eishockey-Job. Auf der anderen Seite steht die Familie. Es war schon immer ein Traum von mir und meiner Frau, einmal in Europa zu leben, zumal wir hier noch viele verwandtschaftliche Beziehungen pflegen können. Unsere Kinder lernen neue Sprachen kennen. Auch angesichts dieser Faktoren kam für mich nie infrage, etwas anderes zu tun.

Also hatten Sie keine schlechten Gefühle, als Sie Ende Juli die Koffer packen und das Flugzeug nach Europa besteigen mussten?

Absolut nicht. Ich bin sehr sehr, sehr glücklich, mich so entschieden zu haben. Ich sage immer: Erfolg haben im Leben, ist das eine. Viel wichtiger ist es aber, sein Leben erfolgreich zu gestalten. Und in dieser Phase meines Lebens kommt die Familie zuerst. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich wäre nicht überall hingegangen auf dieser Welt. Aber Bern? Absolut. Das ist für mich das komplette Paket.

Was macht den SC Bern so speziell?

Für mich geht es in allererster Linie um die Persönlichkeiten, die eine Organisation führen. Ich war immer noch bei Tampa unter Vertrag (dort wurde Boucher im Frühling 2013 entlassen/die Red.) und wollte meine freie Zeit sinnvoll nutzen. Deshalb bin ich im letzten Herbst durch ganz Europa gereist. Als ich in die Schweiz kam, habe ich mich mit den SCB-Leuten auf Anhieb gut verstanden. Kommt dazu, dass man hier immer 16 000 Leute im Stadion hat, was schon fast dem NHL-Level entspricht.

Wie steht denn eine für Schweizer Verhältnisse geradezu riesige Organisation wie der SCB im Vergleich zu einer NHL-Organisation da?

Oh (winkt ab). Das lässt sich nicht vergleichen, das sind zwei völlig verschiedene Welten.

Versuchen Sie es trotzdem.

Es herrscht eine ganz andere Kultur. In Tampa hatten wir alleine 250 Leute, die auf der Büroetage für die Organisation tätig waren. Es ist einfach ein gigantisches Business. Als Trainer und als Spieler bist du praktisch 7 Tage die Woche während 24 Stunden gefordert. Training, Spiele, Reisen – es geht nonstop. In der Schweiz ist alles ein bisschen intimer. Hier kann ich zum ersten Mal nach 16 Jahren im Trainerbusiness nach allen Spielen wieder zu Hause schlafen. Auch das ist ein Stück Lebensqualität, das ich in Nordamerika vermisst habe.

Wie sehen die Unterschiede im Eishockey-Bereich aus?

Abgesehen von der unterschiedlichen Spielfeldgrösse sind die Spieler in der NHL tendenziell grösser und schwerer. Und dann gibt es natürlich die High-End-Stars, die mit ihren Fertigkeiten herausstechen. Rein taktisch und strukturell bewegen sich die Schweizer Spieler aber auf sehr hohem Niveau. Ich denke, da widerspiegelt sich auch ein wenig der Charakter dieses Landes, in welchem vieles sehr strukturiert und systematisch abläuft.

Vereinfacht das die Arbeit eines Trainers?

Auch da gibt es einen Unterschied. In der Schweiz hast du 30 Spieler im erweiterten Kader. Und mit denen musst du arbeiten. In der NHL hast du im personellen Bereich eine viel grössere Fluktuation, es ist ein stetiger Verdrängungskampf. In Nordamerika hast du so viele Spiele, dass man als Trainer primär darauf achten muss, dass die Spieler auf den Punkt bereit und spritzig sind. Hier hat man mehr Trainings, in welchen man etwas aufbauen und erarbeiten kann. Das ist eine ganz andere Arbeitsweise, aber sie macht mir unheimlich viel Spass, weil es auch an mich andere Anforderungen stellt.

Mussten Sie sich nach Ihren ersten Erfahrungen in Bern während des Sommers ein wenig neu erfinden – vor allem bezüglich unserer Mentalität?

In Nordamerika herrscht eine Art «Cowboy-Attitüde». Wenn etwas nicht klappt, versucht man es eher mal mit dem Kopf durch die Wand. Es wird dann härter gespielt, auch gekämpft. Man verlässt sich dann weniger auf die sicheren Strukturen. Hier in der Schweiz gilt das Gegenteil. Der Schlüssel zum Erfolg für mich als kanadischen Trainer ist es, zu verstehen, dass der Mix aus beiden Eigenschaften wohl am besten funktioniert. Meine Spieler sollen verstehen, dass sie sich in einer schwierigen Situation nicht nur auf ihr System verlassen dürfen, sondern auch Emotionen ins Spiel bringen müssen.

Sie haben mit Sidney Crosby, Steven Stamkos, John Tavares, Martin St. Louis oder Jonathan Toews schon die besten Spieler der Welt gecoacht. Was zeichnet diese Spieler aus?

Viele Leute glauben, dass diese Jungs einfach nur unglaublich viel Talent haben und deshalb so gut sind. Aber das stimmt nicht. Ich habe Spieler erlebt, die noch talentierter waren, es aber trotzdem nicht so weit gebracht haben.

Wieso?

Weil ihnen die mentale Härte fehlt, um jeden Preis jedes Hindernis überwinden zu wollen. Spieler wie Crosby und Stamkos wollen sich immer verbessern. So sehr. Sie kennen keine Tage, an denen sie nichts tun. Sie gehen nach den Trainings als Letzte vom Eis, man trifft sie immer wieder im Kraftraum an. Ihr unbändiger Wille, sich immer verbessern zu wollen, stellt ihr Talent meilenweit in den Schatten. Diese Spieler sind bereit, über ihre Grenzen hinauszugehen. Ganz zu schweigen davon, mit welchen Verletzungen sie während der Playoffs oft noch Eishockey spielen. Das ist teilweise unfassbar. Das sind Gladiatoren.

Kann man das lernen?

Ja. Aber dann darfst du nicht auf deinen Körper hören. Nicht aufhören zu spielen und zu trainieren, sobald du das Gefühl hast, du bist müde oder Schmerzen verspürst. Du musst dich immer anpassen können. Das ist die grosse Kunst. In Nordamerika ist der Konkurrenzkampf unter den Spielern unbeschreiblich gross. Und genau dieser Konkurrenzkampf hilft dir, dich weiterzuentwickeln. Du kannst dich nie ausruhen, sonst wirst du überholt.

Wie sieht im Vergleich dazu die Schweizer Liga aus?

Ich wünsche dem Schweizer Eishockey, welches in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht hat, dass vor allem auf Juniorenebene die Konkurrenz viel grösser wird. Nur so können sich die Spieler auf höchstem Level weiterentwickeln. Gerade für die jungen Spieler muss es noch schwieriger werden, sich einen Platz in der NLA zu erkämpfen. Ich habe gehört, dass der Talentlevel in der NLA noch nie so hoch war wie in dieser Saison. Und das liegt nicht nur an der überdurchschnittlichen Qualität der neuen Ausländer, sondern vor allem an der Qualität der einheimischen Spieler.

Eine der grössten Herausforderungen für jeden Trainer ist es hierzulande, die Schweizer Spieler aus ihrer Komfortzone zu locken. Wie schafft man das?

Ich möchte da nicht generalisieren, weil jeder Spieler unterschiedlich ist. Spieler wie Tristan Scherwey oder Marc Reichert sind bereit, dorthin zu gehen, wo es weh tut. Und je mehr Spieler bereit sind, das zu tun, umso weniger haben die anderen Spieler die Wahl.

Aber es gibt ja schon gewisse Trends . . .

Ja, schon. Schweizer Spieler denken defensiv, spielen mit viel Struktur. Genauso stimmt es, dass die Kanadier mehrheitlich voller Emotionen und körperbetont agieren. Aber ich weigere mich, alle in einen Topf zu werfen. Ich habe 25 Spieler in meinem Team und damit 25 verschiedene Wege zu coachen.

Wie funktioniert das?

Es ist erwiesen, dass nur ein Drittel einer Gruppe die Message versteht, die man ihr mitteilen möchte. Ein Drittel begreift sie nicht, ist zu müde, ist es gleichgültig. Und ein Drittel bewegt sich in der Mitte. Der harte Job ist also nicht, das erste Drittel zu überzeugen, sondern die anderen beiden Drittel für sich und seine Ideen zu gewinnen.

War für die Spieler das Verpassen der Playoffs ein heilsamer Schock?

Verlieren ist grundsätzlich nie gut. Aber schon ein Megastar wie Michael Jordan hat gesagt: «Ich habe nur so viel Erfolg, weil ich vorher immer wieder gescheitert bin.» Wir haben analysiert, warum es so weit gekommen ist und haben die entsprechenden Lösungsansätze gesucht und gefunden. Die Spieler, die immer noch hier sind, haben sich das schlechte Abschneiden wirklich zu Herzen genommen. Wichtig ist, dass wir die letzte Saison aus unseren Köpfen streichen. Es ist ein neues Team mit neun neuen Spielern.

Sie sagten am Ende der letzten Saison, dass das Team durch das stete Auf und ab seine Identität verloren hatte.

Das war einer der wichtigsten Ansätze. Wir mussten wieder Referenzpunkte kreieren. Das heisst, dass man eine Basis hat, auf die man zurückkehren kann, wenn es mal nicht so läuft wie gewünscht. Ein Musterbeispiel war für mich die Reaktion auf die 0:7-Niederlage in der Champions League in Trinec. Im nächsten Spiel in Finnland gerieten wir wieder mit 0:2 in Rückstand, mussten x-mal in Unterzahl spielen. Dann verloren wir noch Simon Moser, dessen Schnittwunde am Oberschenkel kein schöner Anblick war. Doch die Spieler zeigten Charakter, rauften sich zusammen und wir gewannen das Spiel noch 5:3. Das war eine sehr wertvolle Lektion für uns. Es war für uns der Beweis, dass die gewünschte Kultur wächst. Weil die Spieler Charakter zeigen und sich anpassen.