Eishockey

SCB-Sporchef Chatelain im Interview: «Jeder muss mit Leib und Seele dabei sein»

Der smarte Denker im Hintergrund: Alex Chatelain hat sein Profil als neuer Sportchef beim SC Bern früh geschärft.

Der smarte Denker im Hintergrund: Alex Chatelain hat sein Profil als neuer Sportchef beim SC Bern früh geschärft.

Der SC Bern überzeugt mit seinem Interims-Trainer Lars Leuenberger in den Playoffs. Nur dank Alex Chatelain, seit vier Monaten Sportchef in Bern, ist er überhaupt noch im Amt. Im Interview blickt Chatelain auf eine turbulente Amtsperiode zurück.

Alex Chatelain, sind Sie in den letzten Monaten schon ein paar Zentimeter geschrumpft?
Alex Chatelain: Wieso?

Sie stehen als Sportchef des SC Bern ständig unter Druck. Von oben durch den Verwaltungsrat und CEO Marc Lüthi. Von unten durch die in Bern latent hohe Erwartungshaltung des Publikums.
Ich beurteile diesen Druck positiv. Er macht mich sensibel dafür, wirklich alles für den Erfolg zu tun. Wenn man keinen Druck spürt und alles vor sich dahinplätschert, dann ist es auch nicht gut.

Wie gross war denn der Druck, als es im Februar darum ging, ob man in dieser Saison mit Trainer Lars Leuenberger weitermacht oder eben nicht?
Das hatte nichts mit Druck zu tun. Ich habe mich dafür eingesetzt, dass wir mit Lars als Trainer fortfahren. Im Sport weiss man nie, wie es letztlich herauskommt. Man kann nicht mehr, als den aktuellen Zustand zu analysieren und dann zu entscheiden. Ob es mit einem anderen Trainer anders herausgekommen wäre, weiss ich nicht. Vor zwei Jahren holten wir einen neuen Trainer – und der Erfolg blieb aus. Deshalb gab es für mich keinen Grund, diesmal den Trainer zu wechseln. Zumal Lars meiner Meinung nach gute Arbeit geleistet hatte.

War das Ihre Bewährungsprobe?
Bewährungsproben gab es während meiner Amtszeit schon genügend – mit all den Verletzungen.

Aber im Zusammenhang mit Lars Leuenberger mussten Sie Ihre Position gegenüber dem mächtigen Verwaltungsrat vertreten.
Ich wusste, dass die Trainer-Frage hauptsächlich in der Verantwortung des Verwaltungsrats liegt. Deshalb war mir auch klar, dass diese Frage früher oder später noch einmal ein Thema sein würde. Ich konnte mich also gut darauf vorbereiten. Es ist ja so, dass ich täglich im Austausch stehe mit Marc Lüthi. Er sagt mir seine Meinung.

Letztlich konnten Sie sich aber durchsetzen.
Ja.

Verleiht einem das im Nachhinein ein gutes Gefühl?
Selbst wenn es nicht gut gekommen wäre, wäre ich überzeugt gewesen, dass ein erneuter Trainerwechsel in diesem Moment der falsche Entscheid gewesen wäre.

Welche Argumente pro Lars Leuenberger führten Sie ins Feld?
In den sieben Spielen, die wir damals hintereinander verloren haben, waren wir nur in einem chancenlos. Alle anderen hätten wir auch gewinnen können. Die Mannschaft ist nie auseinandergefallen. Der zweite Grund war, dass ich wollte, dass die Spieler die Verantwortung übernehmen. Ich habe ihnen gesagt: «Ihr seid diejenigen, die auf dem Eis den Lauf der Dinge beeinflussen könnt.»

Aber es ist ja immer so: Letztlich können Sie nicht eine ganze Mannschaft entlassen, den Trainer schon.
Ja. Aber auf der anderen Seite muss sich eine Mannschaft auch entwickeln. Es darf nicht immer der gleiche Mechanismus spielen. Man muss die Spieler mit ins Boot nehmen und ihnen einen Teil der Verantwortung übertragen. Das hat man hier in Bern in letzter Zeit ein wenig verlernt.

Werden die Spieler durch die perfekte Struktur und die Organisation des SCB nicht sogar ein wenig dazu verleitet, Dienst nach Vorschrift auszuüben?
Das könnte ein Problem sein. Bei einigen Spielen konnte man durchaus diesen Eindruck gewinnen. Vielleicht ist uns etwas die Leidenschaft abhandengekommen, weshalb man eigentlich Eishockey spielt. Genau diese vorher oft fehlende Leidenschaft sehen wir ja jetzt wieder von unserer Mannschaft.

Braucht der SCB mehr Chaos?

Nein. Die Strukturen im Hintergrund müssen funktionieren. Aber es muss sich jeder mit Leib und Seele für diesen Klub einsetzen.

Kann man Identifikation erzwingen?
Man kann den Leuten die Verantwortung übertragen. Wer die nicht übernehmen kann, ist hier fehl am Platz.

Für diese Saison war Lars Leuenberger der richtige Trainer. Für die kommende Saison ist er es nicht mehr. Wieso?
Die Gründe, wie es zu diesem Entscheid des Verwaltungsrats gekommen ist, werden wir erst nach der Saison kommunizieren.

Haben Sie den Entscheid mitgetragen?
Ich konnte ihn nachvollziehen, ja.

Stellen wir uns mal vor, der SCB wird in dieser Saison mit Lars Leuenberger Meister. Und in der nächsten Saison läuft es unter dem designierten Trainer Kari Jalonen wieder harzig. Da wird die Kritik nur so auf Sie einprasseln.
Ja, damit müsste ich umgehen können (lacht).

Ist das ein Horrorszenario?
Nein, überhaupt nicht. Erstens wäre es fantastisch, wenn wir diese Saison sehr gut abschliessen könnten. Und wenn es nächste Saison wieder nicht gut laufen sollte, wäre das so oder so schlecht. Egal, wer in der Verantwortung steht. Wenn es jetzt mit Lars nicht so gut gelaufen wäre, dann hätte ich mit dieser Kritik auch leben müssen. Es ist halt nicht alles vorherseh- und planbar im Sport.

Wieso musste man den Entscheid über die Zukunft von Lars Leuenberger schon so früh fällen? Wieso hat man nicht die Playoffs abgewartet?
In einer idealen Welt könnte man das so machen. Es ist genauso wenig ideal, dass man mit Spielern schon im November über die nächste Saison verhandeln muss.

Aber des SCB ist eine Top-Adresse. Ihr bekommt jeden Trainer, den Ihr wollt.
Nein, das sehe ich nicht so. Wir dürfen nicht so leichtgläubig sein und erwarten, dass jeder Trainer zu uns will, wenn wir mit dem Finger schnippen.

Braucht ein grosser Klub wie der SCB einen Trainer mit einem grossen Namen?
Nein. Er muss gewisse Voraussetzungen mitbringen, aber die sind nicht an einen grossen Namen gekoppelt.

Es macht aber den Anschein, dass sich ein prominenter Trainer wie Jalonen gegen aussen besser verkaufen lässt als ein Lars Leuenberger.
Mein Blickwinkel ist derjenige auf sportlicher Ebene. Alles andere wäre dann ein Verwaltungsrat-Entscheid.

Der SCB wird von Emotionen geprägt. Sowohl vonseiten der Zuschauer als auch vonseiten von CEO Lüthi. Ist es so überhaupt möglich, auf sportlicher Ebene für Kontinuität zu sorgen?
Emotionen gehören zum Eishockey. Auf der anderen Seite ist die SCB-Organisation gerade deshalb so erfolgreich, weil auf vielen Positionen extreme Kontinuität herrscht. Auf der Büro-Ebene sind viele Leute schon sehr lange mit grossem Herzblut dabei. Diesen Geist müssen wir auch auf die sportliche Ebene übertragen. Sich nicht immer aus dem Konzept bringen lassen, wenn es mal nicht so läuft wie gewünscht. Gerade die aktuelle Saison zeigt ja, dass es letztlich völlig unberechenbar ist, welche Massnahme warum zur Wende zum Guten geführt hat.

Aber es dürfte schwierig sein, diese Denkweise im SCB zu implementieren.
Ich hoffe, dass ich es schaffe.

Ein Phänomen war zuletzt, dass arrivierte Spieler Mühe hatten, sich in Bern auf Anhieb zurechtzufinden. Weshalb?
Schwierig zu sagen. Simon Bodenmann ist ja ein gutes Beispiel. Lange Zeit kam nicht so viel von ihm, wie man erhofft hatte. Jetzt, in den Playoffs, ist er angekommen. Es hat vielleicht auch mit einer gewissen Ungeduld zu tun. Man erwartet von solchen Spielern, dass sie in den ersten zehn Spielen gleich zehn Tore erzielen. Dasselbe passierte mit den Ausländern. Da hiess es schnell: «Das sind Pfeifensäcke. Wieso hat man die geholt?» Dabei machten Kobasew und Ebbett einen Punkt pro Spiel.

Was kann man dagegen tun?
Es bleibt nicht mehr, als die Ruhe zu wahren. Und vielleicht noch ein wenig mehr nach aussen zu kommunizieren. Wenn man mit den Leuten redet, dann leuchtet es ihnen immer sofort ein. Was ich nie tun werde, ist einen Spieler öffentlich zu kritisieren, nur damit es unserer Aussendarstellung hilft.

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