Eishockey
SCB-Coach Leuenberger: «Ich werde kämpfen, bis ich umfalle»

Lars Leuenberger spricht als neuer Trainer des SC Bern über Vorurteile, Leidenschaft und negative Menschen. Er sagt: «Die Leute, die morgens voller negativer Gefühle aufwachen und so durch die Welt laufen müssen, tun mir leid.»

Marcel Kuchta, Bern
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Früher Spieler, vor zwei Jahren Interimstrainer, seit einer Woche Headcoach mit langfristiger Perspektive beim SC Bern: Lars Leuenberger (40).

Früher Spieler, vor zwei Jahren Interimstrainer, seit einer Woche Headcoach mit langfristiger Perspektive beim SC Bern: Lars Leuenberger (40).

Keystone

Haben Sie schon realisiert, dass Sie eine Riesenchance haben, sich als Trainer in der NLA zu etablieren?
Lars Leuenberger: Definitiv. Ich fühle mich bereiter als vor zwei Jahren, als ich nach der Entlassung von Antti Törmänen als Interimstrainer in das Amt rutschte. In dieser Zeitspanne habe ich aber auch gelernt, dass es in diesem Metier keinen richtigen Zeitpunkt gibt, Trainer zu werden. Man muss einfach die Chance, die man erhält, packen.

Das Wissen, so eine Chance packen zu müssen, bringt aber auch eine gehörige Portion Druck mit. Gerade bei einem Grossklub wie dem SC Bern.
Das ist so. Aber ich bin jetzt schon so lange in verschiedenen Funktionen in diesem Verein engagiert, dass ich weiss, wie er funktioniert und auch, was auf mich zukommt. Das ist ein Vorteil. Aber ich bin mir auch bewusst, was das alles mit sich bringt.

Wie gehen Sie mit dem Erwartungsdruck um?
Ich weiss, was ich an mich heranlassen darf. Aber ich weiss auch, was ich ausklammern muss. Ich lese zum Beispiel kaum einen Zeitungsbericht über meine Mannschaft. Ich vermeide es auch, mich auf irgendwelchen Internet-Foren umzusehen. Sonst müsste ich vermutlich nach jeder Niederlage den Rücktritt erklären (lacht).

Das ist aber einfacher gesagt als getan.
Aber es ist mein Job. Wenn es nicht läuft und Kritik aufkommt, muss man stark sein und abschalten können. Auch in dieser Beziehung helfen mir meine Erfahrungen aus den vergangenen zwei Jahren. Ich habe mir in dieser Zeit sehr viele Gedanken gemacht über den Trainerjob. Was muss ich anders machen? Was kann ich verbessern?

Eine Frage, die sich nach den Trainerwirren der letzten Jahre beim SCB stellt: Welche Art von Trainer braucht dieser Klub überhaupt? Wie sieht die Philosophie aus?
Das ist eine sehr gute Frage, die ich bei uns erst kürzlich intern gestellt habe. Wir müssen uns wirklich überlegen, warum sich die Lage bei uns in den letzten Jahren so entwickelt hat. Eine Antwort habe ich derzeit aber auch noch nicht. Wen man in dieser Gleichung aber nicht vergessen darf, sind die Spieler. Die stehen auch in der Verantwortung. Es kann nicht sein, dass immer nur der Trainer entlassen wird, die Spieler aber keine Konsequenzen befürchten müssen.

Aber Sie wissen ja, wie das Geschäft funktioniert. Eine ganze Mannschaft kann man nicht auswechseln, einen Trainer dagegen schon...
Das ist mir klar. Aber wir müssen vielleicht mal nach einem anderen Ansatz suchen, um dieser Inkonstanz Herr zu werden. Auf der anderen Seite eine Gegenfrage: Welcher NLA-Klub wurde in den vergangenen zehn Jahren von Krisen verschont?

Die ZSC Lions und vielleicht noch der HC Davos.
Und der SCB ist der einzige Klub, der mit diesen beiden zusammen Meister wurde in dieser Zeitspanne. Man darf nicht vergessen, dass wir uns nicht mehr in den 1980er- und 90er-Jahren befinden, als Bern und Lugano das Mass aller Dinge waren und den Rest der Liga dominierten.

Ist das vielleicht eines der Probleme in Bern? Dass immer noch dieses falsche Selbstverständnis vorherrscht, dass der SCB stets eine dominierende Rolle spielen muss?
Absolut. Die Leute kommen oft heute noch mit Alan Haworth hervor. Damals, als er gespielt hat, bin ich ja noch auf der Stehrampe gestanden! Es ist ja schön, wenn man von den guten alten Zeiten schwärmt. Aber man sollte schon der Realität ins Auge blicken. Unsere Liga ist inzwischen so ausgeglichen, dass es nur ganz wenig braucht, damit man scheitert. Genauso braucht es aber auch nur ganz wenig, und man legt eine Topsaison hin. Es kostet extrem viel Kraft, sich überhaupt auf dieses Thema einzulassen, sich immer rechtfertigen zu müssen.

Was zeichnet für Sie einen guten Trainer aus?
Ein Trainer muss seine Ideen der Mannschaft sehr gut vermitteln können. Er muss klar und verständlich kommunizieren und vollumfänglich von dem überzeugt sein, was er erzählt. Ich habe gelernt, dass man keine Sekunde zögern darf. Sonst wird man aufgefressen. Heutzutage muss es das Ziel sein, die Spieler optimal zu managen. Die Zeiten des Herumkommandierens sind vorbei.

Das heisst, man ist heutzutage mehr Mentalcoach denn Taktiklehrer?
Die Taktik gehört am Anfang dazu. Man muss den Spielern ja vermitteln, was man gerne hätte auf dem Eis. Man muss die Leitplanken setzen, innerhalb welcher sie sich bewegen dürfen. Ich sehe meinen Job auch nicht darin, meine Spieler zu motivieren. Ich muss dafür sorgen, dass sie nicht demotiviert zur Arbeit erscheinen. In dieser Beziehung muss ich managen.

Hätte der Trainer Lars Leuenberger den Spieler Lars Leuenberger gern gehabt?
Ja und nein. Der Trainer wäre oft zornig geworden, weil sich der Spieler nicht ans System hält. Wenn er seine Tore geschossen hätte, hätte man über diese Schwäche vielleicht hinwegsehen können. Wenn nicht, wäre es ein No-Go gewesen (lacht). Aber ich hätte ihn auf jeden Fall gemocht, weil er immer mit Herz und Leidenschaft bei der Sache war.

Welchen Spielertyp haben Sie jetzt als Trainer lieber? Den leidenschaftlichen Kämpfer oder den systematischen Denker?
Leidenschaft und Herz ist für mich die Grundvoraussetzung, damit man seinen Beruf ausüben kann. Mein Ziel als Trainer muss es sein, dass jeder Spieler sein Potenzial und seine Qualitäten optimal ausschöpft. Tristan Scherwey ist unser Aggressivleader. Das will ich von ihm sehen, keine Kunststücke. Martin Plüss ist der Kopf unserer Mannschaft, der jedes Problem auf dem Eis clever löst. Auch das gehört zum Thema «Teammanagement». Das ist oft heikel, weil es Spieler gibt, die nach ein, zwei erfolgreichen Saisons das Gefühl haben, sie könnten eine andere Rolle spielen.

Sie sind wie Ihr grosser Bruder Sven schon lange in verschiedenen Positionen in der SCB-Organisation dabei. Der Vorwurf der «Vetternwirtschaft» steht im Zusammenhang mit dem Namen Leuenberger immer irgendwie im Raum. Ist es für Sie ermüdend, immer um Anerkennung kämpfen zu müssen?
Ich habe mich all die Jahre gefragt, warum diese Diskussionen immer wieder aufkommen. Ja, ich bin klein. Ja, ich bin der kleine Bruder. Und das werde ich auch noch in 50 Jahren sein. Aber ich werde kämpfen, bis ich umfalle, damit ich und meine Coaching-Crew diese Chance packen und ich auch über diese Saison hinaus an der Bande stehen darf. Das ist mein Antrieb. Ich will es mir, meiner Familie, den Spielern und dem Klub beweisen, dass ich das schaffen kann.

Ihr Bruder Sven trat im Rahmen ihrer Einsetzung als neuer Headcoach vom Amt des Sportchefs zurück, um einem möglichen Interessenskonflikt aus dem Weg zu gehen. Wie haben Sie das erlebt?
Es ist schade, dass es so weit kommen musste. Mein Bruder und ich haben uns über Jahre für diesen Klub eingesetzt. Deshalb ist die ganze Geschichte, die letzte Woche über die Bühne gegangen ist, eigentlich traurig. Aber die sozialen Medien sind inzwischen so präsent, dass jeder irgendwie seinen Frust rauslassen und andere Leute fertigmachen kann. So funktioniert es leider. Schauen Sie sich doch die Zeitungen an. Fast immer nur negative Schlagzeilen. Es ist wirklich traurig.

Man merkt, dass Ihnen das nahe geht.
Ich frage mich einfach: Wo sind die Fans geblieben, die zu diesem Klub stehen? Die leidenschaftlich sind, die mitleiden, mithelfen? Funktionieren wir Menschen inzwischen wirklich nur noch so? Die Leute, die morgens voller negativer Gefühle aufwachen und so durch die Welt laufen müssen, tun mir leid.