Super League
Sandro Wieser lanciert in Thun in Ruhe seine Karriere neu

Mit 13 Jahren verliess Sandro Wieser die Heimat, um Profi zu werden. Seither ist viel passiert in seinem Fussballerleben. Heute steht der begabte Liechtensteiner mit dem FC Thun vor dem Spiel gegen den FC Basel, dem er noch immer nahe steht.

Markus Brütsch
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In Thun wird Sandro Wieser immer stärker.

In Thun wird Sandro Wieser immer stärker.

Keystone

Es gibt nicht viele Menschen, die von sich behaupten können, den FC Bayern besiegt zu haben. Sandro Wieser aber kann es. Am 10. März 2012 nämlich ist er in der 62. Minute auf dem Rasen der Allianz-Arena erschienen, auf dem sich Stars wie Robben, Ribéry und Lahm getummelt haben. Und Wieser und seine Hoffenheimer haben es tatsächlich geschafft, das letzte Spieldrittel dank Luiz Gustavos Eigentor mit 1:0 zu gewinnen. Schade nur, dass die Münchner schon 7:0 geführt hatten, als Wieser kam...

Der grosse Erfolg blieb aus

Immerhin kann sich dieser seither Bundesligaspieler nennen. «Natürlich werde ich diesen Tag nie vergessen, aber kaufen kann ich mir dafür nichts», sagt Wieser. Mit einem Viereinhalbjahresvertrag in der Tasche war er im Januar 2012 zur TSG 1899 Hoffenheim gekommen mit der Hoffnung, es auf mehr als nur ein Bundesligaspiel zu bringen.

Doch in den anderthalb Jahren im Kraichgau wurde Wieser nur noch in 28 Regionalligapartien eingesetzt. Pech war vor allem gewesen, dass Holger Stanislawski entlassen wurde, kaum war Wieser in Hoffenheim eingetroffen. Der Trainer hatte ihn unbedingt haben wollen.

Danach kamen mit Markus Babbel, Frank Kramer, Marco Kurz und Markus Gisdol innert kürzester Zeit vier Trainer, die nicht auf den jungen Liechtensteiner setzten. «Ich spürte kein Vertrauen», sagt Wieser, «und doch möchte ich diese Zeit nicht missen. Ich habe viel von einem hoch professionellen Umfeld profitiert.»

Canepa fordert Geld

Im Sommer 2013 wurde Wieser für ein Jahr zum SV Ried nach Österreich ausgeliehen. Er spielte eine gute Vorrunde, verletzte sich dann aber am Meniskus und wurde erst ganz am Ende der Saison wieder fit. Es folgte der Wechsel zum FC Aarau – und für Wieser ein Jahr zum Vergessen. Sein hartes Foul gegen Gilles Yapi im November 2014 machte ihn zum Buhmann der Liga und trug ihm sechs Spielsperren ein. Dass er heute nicht mehr darüber sprechen möchte, ist nachvollziehbar, die Versöhnung mit Yapi hat längst stattgefunden.

Nach der Anklage von FCZ-Präsident Ancillo Canepa erhielt Wieser im Mai von der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau als Strafbefehl eine bedingte Geldstrafe von 180 Tagessätzen und eine Busse von 10'000 Franken. Verurteilt ist er damit nicht. Es handelt sich um einen Urteilsvorschlag, der angefochten wurde. Das Verfahren ist nicht abgeschlossen.

Das grosse Missverständnis mit Aarau

Die gesamte Saison im Brügglifeld indes war nicht gut verlaufen. «Ich verstehe nicht, weshalb die Aarauer nicht auf mich gesetzt haben», sagt Wieser. «Wenn ich auf dem Platz stand, haben wir doch oft gepunktet. Aarau und ich, das war ein einziges Missverständnis.»

Ganz im Gegensatz zu Thun. Nachdem sich Wieser im Sommer zuerst bei der U23 von Hoffenheim fit gehalten hatte, wechselte der Aufbauer ins Berner Oberland. «Hier kann er in Ruhe einen Neuanfang starten», sagte der Thuner Sportchef Andres Gerber damals. Zwölf Super-League-Spiele und ein Cupeinsatz später kann Wieser, der nach einer achtjährigen Beziehung wieder Single ist, sagen: «Wenn ich bedenke, dass ich in der Vorbereitungsphase fehlte, bin ich mit meiner Entwicklung sehr zufrieden.»

Zuletzt, beim 2:1-Sieg in Sion, hat Wieser sein bisher bestes Spiel geliefert und mit einem präzisen Distanzschuss das 1:0 erzielt. «Sandro hat das Potenzial, einer der besten zentralen Mittelfeldspieler in der Schweiz zu werden», sagt Jeff Saibene. Seit dieser die Thuner trainiert, hat Wieser in fünf Spielen zwei Tore geschossen. «Aber er ist erst bei 75 Prozent seines Leistungsvermögens», sagt Saibene. «Er ist passgenau, kopfballstark, kann ein Spiel lesen und bringt beim Freistoss einen unglaublichen Zug in den Ball.»

Saibene ist überzeugt, dass Wieser mit zunehmender Spielpraxis auch noch seine Defizite bezüglich Rhythmuswechsel loswird und das Zeug zu einem echten Teamleader hat.

Fürchterliches Heimweh am Rheinknie

Jetzt aber bangt Saibene um Wiesers Einsatz gegen Basel. Im Training hat sich dieser eine Prellung zugezogen. Es wäre bitter, wenn er ausgerechnet gegen den FCB passen müsste. Sechs Jahre hat er für diesen gespielt. «Ich habe diesen Verein noch immer extrem gern», sagt Wieser.

Als dreizehnjähriger Spieler des Teams Liechtenstein hatte er auf eigene Initiative Spitzenklubs angeschrieben und um ein Plätzchen im Internat gebeten. Er landete beim FC Basel und zog im Wohnheim ein, wo auch Valentin Stocker, Fabian Frei und Felipe Caicedo lebten. «Ich hatte jedoch derart grosses Heimweh, dass ich am liebsten gleich wieder heimgekehrt wäre», sagt Wieser. Er sei so schüchtern gewesen, dass ihn die Teamkollegen zum Essen aus dem Zimmer holen mussten. «Insgesamt aber hatte ich in Basel eine super Jugendzeit.»

Das Berner Oberland als richtige Richtung

Als 17-Jähriger debütierte er gegen Island für Liechtensteins A-Nationalteam, für das er inzwischen 31 Mal aufgelaufen ist. Beim FCB, seine Mutter war mittlerweile zu ihm nach Basel gezogen, wähnte er sich auf gutem Weg, als er im März 2011 unter Trainer Thorsten Fink erstmals in der Super League spielte.

Eine Fussverletzung hielt ihn danach aber monatelang vom Rasen fern. «Dann verliess Fink den FCB und unter Heiko Vogel bekam ich keine Chance», sagt Wieser. Er floh für 1,3 Millionen Franken nach Hoffenheim und wurde dort, wie zuvor in Basel und später in Ried und Aarau, nicht richtig glücklich. In Thun aber wagt er schon nach vier Monaten zu sagen: «Hierher zu kommen war genau der richtige Schritt.»

Urs Fischer: «Handy abschalten? Wo denken Sie hin?»

Das Jahresende, Zeit der Besinnung. Der Moment, abzuschalten, das Handy für ein paar Tage zur Seite zu legen. Nicht für Urs Fischer. Der FCB-Trainer freut sich auf die Winterpause, wird auch in die Ferien gehen. Aber das Handy ausschalten? «Wo denken Sie hin? Was, wenn mich der Sportchef während der Festtage erreichen will?» Denn im Kader, so Fischer, seien Veränderungen möglich, über die er informiert werden müsse. «Wir haben mehrere Spieler, die begehrt sind.» Bis das allhalbjährliche Transferkarussell wieder zu drehen beginnt, warten auf den FCB noch drei Spiele in drei Wettbewerben: Heute Sonntag der Vorrundenabschluss in der Super League in Thun. Am Donnerstag das bedeutungslose letzte Europa-League-Gruppenspiel in Posen (der FCB ist als Gruppensieger für die K.-o-Phase qualifiziert). Und am Sonntag der Cup-Kracher in Sion. Die Partie im Berner Oberland (heute Sonntag, 16 Uhr, live SRF 2) ist für Fischer auch die Rückkehr an die alte Wirkungsstätte: «Das Spiel für sich ist wie jedes andere, aber das Drumherum ist speziell für mich.» Verzichten muss der FCB heute auf den gesperrten Elneny und die verletzten Hoegh, Degen, Kuzmanovic, Vaclik und Akanji. (wen)

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