Vero Salatic, liegt Ihnen von GC bereits ein Jobangebot als Sportchef vor?

Vero Salatic: Wie kommen Sie darauf?

Nun, GC hat seinen Sportchef Axel Thoma kürzlich entlassen.

Nein, nein. Ich bin noch Spieler. Und mit dieser Rolle sehr zufrieden.

Tatsächlich? Bei GC wurde Ihnen nachgesagt, Sie seien der heimliche Sportchef.

Ich spiele noch so lange, wie ich kann. Der Spassfaktor ist noch immer sehr gross. Auch wenn ich schwierige Zeiten hinter mir habe.

Aber es gab eine Phase bei GC, da war Ihre Meinung als Captain gefragt.

Ja, das hat sich so entwickelt. Schliesslich habe ich viele Jahre bei GC verbracht, habe auch schon das eine oder andere Spiel absolviert. Ausserdem traue ich mir zu, einen Spieler beurteilen zu können. Kurz: Die Position, die ich bei GC hatte, ist vielleicht einmalig. Aber ich hatte nicht mal im Ansatz so viel Einfluss wie der Sportchef.

Haben Sie in Sion ähnlich viel Einfluss?

Nein. Dafür ist allein schon mein Französisch zu wenig gut. Aber ich arbeite an meinem Defizit. Denn es entsprich meinem Naturell, Verantwortung zu übernehmen. Ich mag beispielsweise die Art, wie unser Trainer Didier Tholot mit den Spielern umgeht. Er ist sehr kommunikativ, fordert den Austausch aber auch von den Spielern ein.

Tholot kommt gut an und hat einen Zweijahresvertrag. Nur: Trainer-Verträge sind in Sion meist ein Muster ohne Wert.

Klar, Gewissheit hat man nie. Der Trainer wird auch in Sion nach Resultaten gemessen. Aber der Zweijahresvertrag für Tholot ist ein positives Zeichen. Wie auch die Verpflichtungen von Reto Ziegler, Elsad Zverotic und mir. Und zwar ein Zeichen für den nachhaltigen Erfolg.

Und Tholot bleibt tatsächlich die nächsten zwei Jahre Trainer?

Wir werden sehen. Es hat gedauert, ehe er die Vertragsverlängerung akzeptiert hat. Denn er hatte auch andere Angebote. Tholot ist ein guter Freund von Claude Makelele. Es hätte ja sein können, dass Makelele ein Angebot aus England erhält und Tholot als Assistenten mitnimmt. Vielleicht ist das morgen, vielleicht aber auch erst in zwei Jahren der Fall. Das ist das Fussball-Geschäft.

In der Vergangenheit war es aber umgekehrt. Nicht der Trainer, sondern der Präsident Christian Constantin entschied über das Ende eines Engagements in Sion.

Ich weiss nicht, wie es vorher war. Aber so, wie es momentan läuft, wird Constantin den Trainer nicht gleich beim nächsten Fönsturm entlassen. Vielleicht lag es nicht immer nur am Trainer. Früher, so habe ich gehört, sind Spieler nach Sion gekommen, weil sie hier gutes Geld verdienen. Und diese Spieler identifizierten sich nicht mit dem Verein, sondern haben nur auf den Lohn gewartet. Das ist jetzt definitiv nicht der Fall. Wir haben Spieler, die mit dem FC Sion etwas reissen wollen. Und wir haben Persönlichkeiten, die wissen, was es für den Erfolg braucht.

Wie sind Sie mit der Situation umgegangen, als der Wechsel nach Sion im Raum stand, GC aber astronomische fünf Millionen Franken Ablöse gefordert hat?

GC-Präsident Stephan Anliker sagte mir, dass die Summe, die GC verlangt, nicht meinem Marktwert, sondern meinem Stellenwert in der Mannschaft entspreche. Was sollte ich davon halten? Da bin ich über Monate eine unerwünschte Person und wenig später soll ich quasi unverkäuflich sein? Das löste ambivalente Gefühle aus. Ich spürte zwar, dass Anliker mich behalten will. Aber zu diesem Zeitpunkt hätte ich es nicht mehr mit mir vereinbaren können, bei GC zu bleiben. Deshalb hoffte ich, dass die GC-Verantwortlichen zur Vernunft kommen und eine marktgerechte Ablösesumme von Sion (800 000 Franken; die Red.) fordern.

GC wäre finanziell besser gefahren, wenn man Sie im Spätsommer 2012 zum FC Basel hätte ziehen lassen.

Definitiv ja. Da wären vielleicht bis zu fünf Millionen Franken möglich gewesen. Kommt dazu, dass wir zu jener Zeit bei GC sehr erfolgreich waren, was den Klub zusätzliche Prämien gekostet hat.

Wo lag der Ursprung des Absturzes bei GC? Beim Abgang von Trainer Uli Forte?

Ja, genau. Dort hat es angefangen.

Sind Sie ihm noch böse?

Klar! (lacht) Aber ich kann ihn auch verstehen. So läuft das Fussballbusiness eben. GC hätte ihm auch ein neues Angebot machen können. Es ist ja logisch, dass ein Erfolgstrainer begehrt ist.

Zu diesem Zeitpunkt hätte GC wenig gefehlt, um Basel noch einmal herauszufordern – oder gar zu überflügeln.

Ja, definitiv. Nachher setzte der Dominoeffekt ein. Einige Leute aus der Führung gingen, und vor allem einige Spieler. Man machte mir leere Versprechen, dass man eine Mannschaft um mich herum bauen will. Ich habe kein «B» vom Bauen gesehen.

Angesichts der Finanzlage von GC musste man mit den Abgängen rechnen.

Kann gut sein. Vielleicht war ich etwas blau-weiss-äugig.

Ist die aktuelle Situation mit dem Wechsel von GC zu Sion vergleichbar mit jener, als sie von Zypern in die Schweiz zurückgekehrt sind, um bei den Hoppers etwas aufzubauen?

Der Grund für meine Rückkehr in die Schweiz war die zweite Schwangerschaft meiner Frau.

Andernfalls wären Sie in Zypern geblieben?

Bestimmt. Meine Frau hat unser zweites Kind in der Schweiz zur Welt gebracht und gleichzeitig kam das Angebot von GC. Ich habe das lange mit meiner Frau diskutiert. Dabei sind wir zum Schluss gekommen, dass es mit zwei Babys besser ist, in der Schweiz zu leben. Aber ich wollte nicht allein in Zypern bleiben. Ich konnte nicht mal bei der Geburt unseres zweiten Kindes dabei sein.

Wie viele Kinder sind noch geplant?

Die Viererkette wird jetzt dann bald komplettiert. Im August kommt meine zweite Tochter auf die Welt. Ich habe meiner Frau schon früh gesagt, dass ich eher viele Kinder möchte. Aber Pläne gibt es nie. Jedenfalls: Schon drei Kinder geben einiges zu tun. Das ist manchmal belastend. Andererseits geben die Kinder enorm viel Kraft.

Wohnt Ihre Familie schon bei Ihnen im Wallis?

Nein, ich wohne alleine, immer noch im Hotel. Ich sehe meine Familie aber oft, mal gehe ich zu ihr, mal kommt sie zu mir.

Hatten Sie noch nie Heimweh?

Bis heute jedenfalls noch nicht. Es gibt Pro’s und Kontra’s. Der geregelte Ablauf, das Zmorge, Zmittag, Znacht, alles schon bereit im Hotel, ist sicher ein Vorteil. Andererseits fehlt zum Beispiel ein Sofa, um ab und an auszuruhen. Und ich koche eigentlich auch gerne selbst. Meine Frau vermisst das auch schon (lacht).

Was ist Ihr langfristiges Ziel?

Ich möchte noch einmal Schweizer Meister werden.

Ist das mit dem FC Sion möglich?

Das werden wir sehen. Wenn wir als Mannschaft weiter zusammen wachsen, wenn wir uns clever verstärken können, ist schon nächste Saison einiges möglich.

Wie erleben Sie Christian Constantin?

Der FC Sion ist der Klub der kurzen Wege. Ich wohne im Gebäudekomplex in Martigny, wo ein Hotel, aber auch Constantins Firma untergebracht ist. Constantin ist täglich dort. Aber man sieht ihn ganz selten im Restaurant. Er macht nie nichts. Sein Auto steht immer draussen auf dem Parkplatz und er arbeitet in seinem Büro.

Wie sind die Gespräche mit Constantin?

Eindrücklich. Er ist ein Ausnahme-Präsident. Im ersten Gespräch hat er einen Stift zur Hand genommen und jeden Spieler mit Alter und Position auf einen Flip-Chart notiert. Er sagte: ‹Das ist meine Mannschaft. Und du bist für mich sehr wichtig in dieser Mannschaft. Denn du bist das Zentrum›.

Haben Sie jemals einen Präsidenten mit mehr Fussball-Sachverstand getroffen?

Ich war bei GC und auf Zypern – also nein. Es ist nicht so, dass ich jede Woche mit Constantin eine Sitzung habe. In den ersten drei Monaten war ich nur einmal in seinem Büro. Mein Berater Milos Malenovic und Constantins Sohn Barth waren auch da. Und dann steht Constanin plötzlich auf und verschwindet kommentarlos. Nach zehn Minuten kommt er wieder und sagt: «Wenn ich eine Idee habe, verhalte ich mich wie ein Jäger auf der Fährte.» Dann gibt es für ihn nichts anderes mehr als diese Idee zu verfolgen.

Was war das für eine Idee?

Keine Ahnung, ich weiss es nicht.

Constantin ist aber auch ein impulsiver Mann. Haben Sie seinen Zorn schon zu spüren bekommen?

Nein. Er kommt vor den Spielen und während der Pause oft in die Kabine. Dann sagt er schon mal: «Hey Spieler XY, das kannst du besser!» Aber so richtig laut ist er dabei noch nie geworden. Andererseits sagte er nach einem Spiel auch schon: «Für diesen Sieg kriegt ihr die doppelte Prämie.»

Verliert der Trainer seine Autorität, wenn der Präsident in der Kabine Anweisungen gibt?

Nein, man muss das nicht so negativ sehen. Wenn du in einer Mannschaft zehn gute Spieler hast, ist es besser, als wenn man nur zwei hat. Und so ist es auch in der Führung. Es ist besser, wenn man sowohl einen starken Präsidenten als auch einen starken Trainer hat. Zudem mischt sich Constantin nicht in die Trainingsarbeit ein. Da hat der Trainer freie Hand. Und wenn ein Spieler öfters zu spät kommt, ist der Trainer da und sagt: «So geht es nicht!» Nach dem dritten oder vierten Mal mischt sich dann auch Constantin ein.

Der Cup hat für Sion eine riesige Bedeutung. Haben Sie Angst, als Anführer zu jenem Team zu gehören, das nach zwölf Siegen zum ersten Mal einen Cupfinal verliert?

Ja, es ist eine grosse Angst da. (Überlegt) Aber was bringt sie? Dann könnten wir auch gleich zu Hause bleiben. Genau gleich wie die Angst da ist, ist sie auch nicht da.

Das verstehen wir nicht.

Ja, das ist nachvollziehbar (lacht).

Wie meinen Sie es dann?

Wir haben in der Rückrunde neun Mal zu null gespielt. Unsere Mannschaft hat Qualität. Wir haben gegen Basel meist gut ausgesehen. Andererseits verfügten zumindest die letzten Gegner in den Cupfinals – Xamax und YB – nicht über dieselbe Qualität wie nun der FCB. Es ist eher ein grosser Respekt. Ob es jetzt unser 11., 12. oder 13. Cupsieg wird, hat mehr eine symbolische Bedeutung. Es geht um einen Cupfinal, den gewinnt man auf dem Platz, nicht daneben.

Wurden Sie vom Walliser Cup-Virus infiziert?

Nicht unbedingt. Ich als Fussballer will einfach Titel gewinnen. Und eben, auch dieses Jahr sind die Chancen intakt. Der FCB hat zwei Finals in Serie verloren!

Wie viel Raclette essen Sie eigentlich pro Woche?

Ich habe es sehr gerne. Aber ich bin erst zweimal nach dem Spiel in den Genuss davon gekommen. Es ist schon eindrücklich, nach den Spielen im Zelt vor dem Stadion. Man kommt rein und alle Leute applaudieren, als wäre irgendein Superstar hereingetreten. Diese Wertschätzung ist enorm. Das war bei GC – tut mir Leid – einfach anders.