Wimbledon
Saftige Überraschung auf Grün: Der Rasenplatz ist für alle da

Nicht nur Sirs and Madams, sondern auch Wirte, Kellnerinnen und Arbeiter spielen in Grossbritannien auf Rasen Tennis. Zeit, mit vier Klischees aufzuräumen.

Simon Häring, London
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Gepflegter Rasenplatz im wenig schmucken Londoner Stadtteil Ealing.

Gepflegter Rasenplatz im wenig schmucken Londoner Stadtteil Ealing.

SIH

«Früher gab es einmal in Disentis einen Platz», sagt Martina Hingis. Als Wimbledon-Siegerin von 1997 ist sie Mitglied des All England Club und hat damit Zugang zu den 40 besten Rasenplätzen der Welt. Zwar habe ich vor fünf Jahren im TC Liestal einmal das Klubturnier der Nicht-Lizenzierten gewonnen und mir damit ein Duell mit dem Präsidenten und abschliessendem Bier zur Erfrischung verdient, aber die Erfahrung, einmal auf Rasen Tennis zu spielen, ist mir verwehrt geblieben. Denn in der Schweiz gibt es zwar grüne Wiesen, aber nur zwei private Plätze für Rasen-Tennis. In Grossbritannien ist das anders. Zeit für den Selbstversuch auf den Plätzen des Ealing Lawn Tennis Clubs und den Kampf gegen Klischees.

1. Tummelfeld für Snobs

Das Personal ist uniformiert, wer in der Royal Box Platz nimmt, muss sich eine Krawatte umbinden, und die Spieler müssen in Weiss antreten. Tradition wird in Wimbledon grossgeschrieben. Doch wer vermutet, das habe auch mit dem Rasen zu tun, der irrt. Schon auf dem Parkplatz des Ealing Lawn Tennis Clubs im Westen Londons wird dieses Klischee widerlegt. Dort geraten sich zwei «Tennis-Väter» in die Haare.

In der «Royal Box» müssen die Männer eine Krawatte tragen.

In der «Royal Box» müssen die Männer eine Krawatte tragen.

Nordwestschweiz

Auch eine Kleiderordnung gibt es nicht. Wie in der Schweiz dominieren hier derzeit Neonfarben. Spezielles Schuhwerk ist nicht gefordert. Der Kühlschrank im etwas schäbigen Klubhaus ist leer. «Quiet Please»-Rufe wären sinnlos. Alle fünf Minuten rattern Züge der Londoner Metro an Platz 10, dem rostigen Zaun und trostlosen Häuserreihen vorbei.

2. Totale Exklusivität

Roger Federer muss 16 werden, bis er erstmals auf Rasen Tennis spielt. «Ich habe mir immer vorgestellt: Wie fühlt sich das wohl an? Wie springt der Ball ab? Ich kannte nur den Rasen aus dem Garten», sagt er in London. Weil es in der Schweiz fast nur Sandplätze oder Teppich gebe, fühle sich Rasen so unerreichbar an.

Allein in London gibt es Hunderte von Rasenplätzen.

Allein in London gibt es Hunderte von Rasenplätzen.

Keystone

Als ich am Abend zuvor in der Osteria San Lorenzo Besitzer Ghigo Berni, einem Freund von Boris Becker, bei einem Glas Rotwein erzähle, dass ich noch nie auf Rasen gespielt habe, staunt er. Auch die kolumbianischen Barkeeper und die polnischen Kellnerinnen können nicht glauben, dass im Federer-Land nicht auf Rasen gespielt wird. So exklusiv die Unterlage bei uns ist, so normal ist sie auf der Insel. Allein in London gibt es Hunderte von Rasenplätzen.

3. Schnell, schneller, Rasen

Ebenfalls am Tag vor meiner Rasen-Premiere treffe ich auf der Terrasse vor der Players Lounge Yves Allegro an, der im Doppel mal die Nummer 32 der Welt war und drei Turniere gewinnen konnte. Eines davon 2005 in Halle auf Rasen an der Seite von Roger Federer. Wie übrigens auch Martina Hingis sagt Allegro: «Es ist ein Märchen, dass Rasen schneller ist. Der grösste Unterschied zu den anderen Belägen ist, dass der Ball auf Rasen weniger hoch abspringt. Darum musst du immer tief in die Knie.»

Die Highlights der Partie zwischen Federer und Dimitrov:

Das hat Folgen. Dominic Thiem sagt, das Spiel auf Rasen verursache selbst bei Profis Muskelkater. Ich hingegen büsse für Rotwein und mangelnden Schlaf. Ausreden habe ich keine. Der Rasen fühlt sich wie Teppich an, der Platz ist hart gewalzt, Bälle verspringen kaum.

4. Aufschlag, Volley, Punkt

Vielleicht, so bilde ich mir ein, bin ich der einzige Interclub-Spieler, der nie ein Einzel verloren hat. Allerdings habe ich die Karriere in der untersten Liga nach einer Saison, drei Einzeln und mit einer R7-Klassierung beendet. Wie bei den meisten auf diesem Niveau ist der Aufschlag eine grosse Schwäche, Serve-and-Volley deswegen auch keine Option.

Roger Federer und Mischa Zverev: zwei starke Serve-and-Volley-Spieler:

Das Klischee, das durch langsamer werdende Plätze auch in Wimbledon längst überholt ist, lässt sich gleichwohl widerlegen. Die an diesem Tag besten Spieler in Ealing liefern sich fast ausschliesslich lange Ballwechsel von der Grundlinie und rücken nur selten ans Netz vor. Im Gegensatz zu mir blamieren sie sich dort allerdings auch nicht mit Schmetterbällen, die via Rahmen auf dem Nebenplatz landen.