Interview

Rumäniens Verbandspräsident: «Wir standen kurz vor dem Bankrott»

Razvan Burleanu: Mit 29 Jahren nicht Fussball-Star, sondern rumänischer Verbandspräsident.

Razvan Burleanu: Mit 29 Jahren nicht Fussball-Star, sondern rumänischer Verbandspräsident.

Mit 29 Jahren ist Razvan Burleanu Verbandspräsident geworden und voller Tatendrang. Im Interview erzählt er von seinen hoffnungsvollen Visionen für den Rumänischen Fussball und blickt in die schwierige Vergangenheit zurück.

Herr Burleanu, die rumänische Mannschaft hat im Frühjahr für Aufsehen gesorgt, als die Spieler in Trikots trainierten, auf denen gut sichtbar Rechnungsaufgaben gedruckt waren. Nur ein PR-Gag, nicht wahr?

Razvan Burleanu: Das war sicher kein Gag, aber PR für die Schule. 18 Prozent unserer Schüler brechen die Schule ab. Der Fussballverband will mithelfen, dies zu ändern. Bis jetzt mussten die Schüler beispielsweise folgende Rechnung lösen: Ein Mann fährt mit 80 km/h von Bukarest nach Brasov. Wie lange braucht er, wenn die Distanz 200 Kilometer beträgt?

Alte Schule …

Eben. Dieses altbackene Rechnen wollen wir ändern, um die Schüler bei der Stange zu halten. Wir haben neue Lehrmittel für zehn- und elfjährige Schüler mitgestaltet. Darin fragen wir: Nationalstürmer Claudiu Keserü legt im Durchschnitt pro Spiel in einer halben Minute 60 Meter zurück. Welche Distanz hat er bei seiner Auswechslung nach 79 Minuten zurückgelegt?

Interessieren sich denn in Rumänien alle Kinder für Fussball?

Ich will nicht arrogant sein. Aber in unserem Land steht der Fussball an erster Stelle. An zweiter Stelle steht der Fussball. Und an dritter steht der Fussball. Alle konsumieren Fussball.
Gibt es schon Ergebnisse, wie die Aktion bei den Schülern ankommt?
Wir haben aus aller Welt eine grosse Anerkennung und Unterstützung für dieses Projekt bekommen. Wir glauben fest daran, dass wir mit solch attraktiven Methoden erreichen, dass die Kinder motivierter sind beim Rechnen. Die sichtbaren Ergebnisse bestärken uns in dieser Überzeugung. Für Eltern ist es auch ein Zeichen, dass der Fussball der richtige Weg ist, um ihre Kinder voranzubringen und diese weniger oft die Schule sausen lassen, wenn sie Fussball spielen. Wir wollen kluge Spieler auf dem Platz.

Die jetzige Spielergeneration hat noch nach alten Mustern gelernt. Sehen wir hier bei der EM trotzdem eine kluge Mannschaft?

Zumindest eine sehr fokussierte. Ich hatte gegen Frankreich mit einem Unentschieden gerechnet, doch jetzt müssen wir eben die Schweiz besiegen.

Ist die nächste Runde Pflicht?

So kann man es nicht sagen. Aber natürlich ein Ziel. Wir haben bei der geschafften Qualifikation erlebt, welche Wirkung der Erfolg hatte. Wir brachten ein Lachen in die Gesichter des rumänischen Volkes. Wir sind zum fünften Mal an einer EM und haben bis vor dem Spiel gegen die Schweiz einen einzigen Sieg errungen. Wir wollen besser als unsere Vorgängerteams sein.

Sie gelten als Freund der Aufblähung des EM-Teilnehmerfeldes auf 24 Teams. Worin liegt der Sinn?

Es haben acht Mannschaften mehr die Möglichkeit, an einem grossen Turnier mitzumachen und sich auf internationalem Niveau zu etablieren. Schauen Sie Rumänien an: In den letzten 15 Jahren nahmen wir an einem einzigen Turnier teil. Dadurch verloren wir viele junge Spieler, weil die Lust, selber Fussball zu spielen viel grösser ist, wenn die Nationalmannschaft regelmässig auf der grossen Bühne auftritt. Nur 0,5 Prozent der Bevölkerung spielen aktiv Fussball, der europäische Durchschnitt aber liegt bei 2,7 Prozent. Unser Ziel ist es bis 2020, dass drei Mal mehr Rumänen Fussball spielen.

Wie wollen Sie dies erreichen?

Mit verschiedenen Massnahmen und Strategien. Zusammen mit dem dänischen Verband haben wir ein Projekt lanciert. Es heisst «Zusammen sind wir Fussball». Unter diesem Titel fördern wir den Elferfussball an Schulen, Hochschulen und Universitäten. Für Kinder mit Behinderungen, für solche vom Land. 50 Prozent der 20 Millionen Rumänen leben dort, wo es kaum Infrastrukturen gibt. Wir schaffen neue Fussballfelder ohne Ende, wollen keine ländlichen Bewohner für den Fussball verlieren. «Transform this small street in the stadium» nennt sich dieses Projekt. Ein Ziel ist auch die Förderung der Frauen. Vor drei Jahren waren es noch 300, die Fussball spielten. Heute sind es 5000. Ein Wunder.

Um den Klubfussball steht es aber nicht zum Besten, wie man im Europacup ablesen kann.

Der Verband muss den Vereinen helfen. Sie müssen besser trainieren, damit talentierte Spieler auch mal die Chance haben, nach Westeuropa transferiert zu werden, wo sie dann weitere Fortschritte machen können.

Sie sind mit 31 Jahren ein sehr junger Präsident, der jüngste in Europa. Erinnern Sie sich an die Goldene Generation des rumänischen Fussballs von 1994?

Ich erinnere mich sogar sehr gut daran. Ich war zehn Jahre alt und verfolgte alle WM-Spiele zusammen mit meinem Vater Gheorghe. Er war ein Spieler in der höchsten rumänischen Spielklasse mit über 350 Spielen.

Wird es möglich sein, wieder einmal einen solchen Erfolg zu haben?

Nur wenn wir dieses Ziel nicht hätten, wäre es unmöglich. Wir analysierten die 90er-Jahre und stellten fest, dass bis zum Zusammenbruch des kommunistischen Systems 1989 ein zentrales Trainingssystem zu den Erfolgen geführt hatte. Die besten jungen rumänischen Spieler wurden selektioniert und in einem Team zusammengefasst. So konnten sie auf höchstem Niveau in Bukarest trainieren. Ein solches Projekt, aufdatiert mit neusten Erkenntnissen des modernen Fussballs, starteten wir im letzten Jahr.

Warum wollten Sie mit 29 Jahren schon Verbandspräsident werden?

Für mich gibt es das Problem «zu alt» oder «zu jung» nicht. Was zählt, sind die Vision, die Strategie, die Projekte. Ich entschied mich vor drei Jahren, in den Wahlkampf einzusteigen. Ich wollte die Entwicklung unseres Fussballs ankurbeln.

War es schwierig, Akzeptanz zu finden?

Nicht, weil ich jung war, sondern weil ich von ausserhalb des Systems kam. Und weil ich kein Hehl daraus machte, dass ich den Fussball reformieren wollte. Denn dies ist für uns die einzige Überlebenschance. Mein Vorgänger war 24 Jahre im Amt.

In Ihrem Alter könnten Sie selber noch für Rumänien Tore schiessen.

Ich spiele jede Woche in einem Teambildungsprozess des Verbandes mit Kollegen Fussball. Dazu gehören der Nationalcoach Iordanescu, sein Assistent Viorel Moldovan und Miodrag Belodedici. Der ehemalige Nationalspieler ist mein Berater und arbeitet auch für den Verband.

Wie präsentierte sich der Verband bei Ihrem Amtsantritt 2014?

Es war ein Desaster. Wir standen kurz vor dem Bankrott. Wir hatten eine unglaublich schwierige Zeit, jedes Jahr ein Defizit von 5,5 Millionen Euro. Das war ein strukturelles Defizit. Aber vom Staat bekommen wir kein Geld und als wir starteten, hatten wir keinen einzigen Sponsor unter Vertrag.

Sie scherzen.

Es war so. Aber innerhalb von zehn Monaten konnten wir sechs an Land ziehen. Namhafte Sponsoren. Der Hauptsponsor der A-Nationalmannschaft ist die T-Mobile.

Ist Korruption im Fussball in Rumänien noch immer ein grosses Problem?

Die Abteilung «Integrität» war eine der ersten, die ich errichtet habe. Vor drei Monaten wurde in der zweiten Liga ein italienischer Trainer für neun Monate gesperrt. Es gibt auch noch ein paar Fälle von Spielmanipulationen, die wir in Arbeit haben. Wir sind wirklich extrem hart dabei, gegen die Korruption vorzugehen. Deshalb sind wir intensiv dabei, auch im Schiedsrichterwesen neu aufzugleisen.

Was treibt Sie an, sich so sehr für den rumänischen Fussball zu engagieren?

Der Fussball ist meine Passion. Ich wünsche mir, dass sich die rumänische Gesellschaft mithilfe des Fussballs entwickelt. Und dass seine sozialen Werte ihr zugutekommen. Qualifikation für die nächsten Turniere. Und 2018 werden es 20 Jahre sein, ohne rumänische WM-Präsenz. Ich erhoffe mir, dass wir dabei sind und es bis 2020, wenn wir bei vier Spielen Gastgeber der Jubiläums-EM sind, in die Top-Ten des Fifa-Rankings schaffen.

Dafür müssten Sie aber Tag und Nacht arbeiten …

… das tun wir ja schon. Wir sind sehr aktiv und sehr glücklich mit dem, was wir tun. Um sieben Uhr am Abend gehen wir heim, duschen und beginnen Analysen zu lesen und Projekte zu studieren. Fernzusehen liegt nicht drin. In der Schweiz ist das Niveau beim Verband in allen Bereichen so hoch, dass es wohl genügt, wenn die Funktionäre acht Stunden pro Tag für den Fussball arbeiten. Wir müssen mehr tun, sonst reicht es nicht.

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