Eine Verletzung am rechten Ellenbogen hatte ihn für sechs Monate ausser Gefecht gesetzt. Vor dem Turnier sagte er: «Kein Tennisspieler will verletzt sein. Andererseits hatte ich durch die Pause auch die Möglichkeit, mehr Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Denn es gibt auch ein Leben ausserhalb des Tennisplatzes.»

Es war wie immer in den letzten Jahren. Sitzt Novak Djokovic vor den Mikrofonen, im Fokus der Kameras, dann ist das ein Ereignis. Seine Antworten untermalt er mit Gesten, sein Gegenüber fixiert er mit scharfem Blick. Novak Djokovic hat diese Bühne vermisst – und die Bühne ihn. Am Ende verteilte er Schokolade, wie er das in der Vergangenheit immer nach dem letzten Turnier eines Jahres getan hatte. Das war die Show für die Öffentlichkeit.

Die Forderung nach mehr Geld

Am Tag zuvor hatte Djokovic einen Auftritt mit ungemein grösserer Sprengkraft gehabt. Rund 100 Spieler hatten sich beim jährlichen Treffen vor dem Saisonstart in einem Konferenzraum eines Hotels im Business District eingefunden. Sie hörten, wie Turnierdirektor Craig Tiley davon sprach, die Preisgeldsumme in den nächsten Jahren von derzeit 42 auf knapp 76 Millionen Franken zu erhöhen.

110 Millionen Dollar an Preisgeld hat sich der Serbe bereits eingespielt

110 Millionen Dollar an Preisgeld hat sich der Serbe bereits eingespielt

Doch für Djokovic, der in seiner Karriere bisher 110 Millionen Dollar an Preisgeld eingespielt hat, ist das offenbar nicht genug. So habe er nach dem offiziellen Teil die Bühne betreten und alle Nicht-Spieler aufgefordert, den Saal zu verlassen, berichten britische Medien. Danach habe er sich nicht nur für mehr Preisgeld ausgesprochen, sondern auch die Gründung einer Gewerkschaft angeregt. Das wäre eine Revolution. Bisher wird die Männer-Tour von Turnierdirektoren, Trainern und einem Spielerrat gemeinschaftlich organisiert.

Seit einem Jahr ist Novak Djokovic Präsident des Spielerrats. Er war mit dem Versprechen angetreten, die Interessen der Spieler mit mehr Vehemenz zu vertreten. Denn zuletzt galt dieser Rat als zahnloser Tiger. So trat Rafael Nadal Ende 2016 desillusioniert ab. Er hatte sich jahrelang vergeblich für eine Zweijahres-Weltrangliste und die Verlängerung der Sandsaison eingesetzt.

Wir haben noch genügend Zeit, um zu diskutieren

Bei Fragen zu Djokovics Vorstoss gab er sich entsprechend wortkarg: «Jetzt will ich Tennis spielen. Wir haben noch genügend Zeit, um über diese Dinge zu diskutieren.» Roger Federer bestätigte, dass die Gründung einer Gewerkschaft ein Thema gewesen sei, störte sich aber an der Indiskretion. «Es ist wichtig, dass wir am gleichen Strick ziehen und gewisse Dinge für uns behalten. Nur dann können wir etwas erreichen. Sonst schaffen wir nichts und kommen nicht vom Fleck.»

Kevin Anderson, der Vize-Präsident des Spielerrats, sagte, es gehe zwar um eine Erhöhung des Preisgelds, zentral sei aber die Verteilung. So sollen schlechter klassierte Spieler proportional stärker partizipieren. Der Ruf nach mehr Preisgeld wirkt darum befremdlich, weil die vier Grand-Slam-Turniere diese in den letzten Jahren bereits nach oben geschraubt haben. So erhält der Melbourne-Sieger in diesem Jahr vier Millionen Franken.

Der diesjährige Sieger in Melbourne erhält rund 4 Millionen Franken

Der diesjährige Sieger in Melbourne erhält rund 4 Millionen Franken

Vor sechs Jahren war es noch die Hälfte gewesen. Allerdings geht es bei der Debatte wohl weniger um die Grand-Slam-Turniere. Sie sind zwar Fixpunkte im Tennis-Kalender, operieren aber als eigenständige Organisationen und sind nicht Teil der ATP-Tour.

Djokovic, das gebrannte Kind

Bei den Major-Turnieren dreht sich die Diskussion um die Verteilung zwischen den Geschlechtern. Vor zwei Jahren sagte Novak Djokovic: «Das Männer-Tennis hat viel mehr Zuschauer. Darum sollten wir auch mehr bekommen.» Später entschuldigte er sich für diese Aussage.

Vielleicht hütet er sich auch deswegen vor allzu forschen Äusserungen. So zog er es vor, wenig bis gar nichts zur Indiskretion zu sagen: «Wenn ich mich dazu äussere, wird es aus dem Kontext gerissen.» Immerhin sagte er, ein Boykott sei kein Thema. Womit er die Kernfragen geschickt umschifft hatte: Jene, ob er sich für mehr Preisgeld ausgesprochen hat und ob er die Gründung einer Gewerkschaft initiiert habe.