An den am Freitag beginnenden Europameisterschaften auf dem Rotsee wollen die Schweizer vor heimischem Publikum Medaillen holen. Klar ist aber schon jetzt: In der Königsklasse wird die Schweiz keine holen. Der Schweizerische Ruderverband Swiss Rowing stellt nämlich keinen Ruder-Achter. Und auch sonst sind die Schweizer Favoriten nicht in den grösseren Bootsklassen zu finden. «Wir setzten bewusst auf Kleinboote», sagt der Schweizer Headcoach Edouard Blanc.

«Auch wenn ich von einem Achter träumen würde.» Für Grossboote, allen voran einem Ruder-Achter mit Steuermann, fehlt in der Schweiz schlicht die Breite an der Spitze. «Für einen Ruder-Achter braucht es rund 30 Topathleten», so Blanc. Neben den acht Ruderern im Boot brauche es schliesslich auch entsprechende Konkurrenz, gleichzeitig möchte man die Kleinboote dann natürlich auch besetzt haben. «In der Schweiz ist eine solche Anzahl an Topruderern derzeit nicht realistisch.»

Edouard Blanc, Schweizer Ruder-Nationaltrainer.

Edouard Blanc, Schweizer Ruder-Nationaltrainer.

Zeit im Ruder-Einer entscheidend

Somit gleiten die EM-Medaillenkandidaten in einem Doppelzweier oder dem Einer über den Rotsee. Wie die Bootsklassen besetzt werden, ist eine Wissenschaft für sich. Eine Wissenschaft, für die der Nationaltrainer zuständig ist. Die Athleten haben wenig Mitspracherecht. «Meine Hauptaufgabe ist es, die Selektion für die Teamzusammenstellung fair zu machen», sagt Blanc.

Und das funktioniert so: Rund einen Monat vor dem ersten internationalen Wettkampf veranstaltet Swiss Rowing eine interne Ausscheidung. Dabei stehen mehrere Leistungstests auf dem Wasser und auf dem Ruder-Ergometer auf dem Programm. Entscheidend ist laut Blanc in erster Linie immer die Zeit im Ruder-Einer. Mögliche Kombinationen sind in der Folge nur möglich mit Athleten, die im Einer ähnlich stark sind. «Ein Ruderboot ist nämlich immer so schwach wie der schwächste Ruderer im Boot.»

Das Boot mit den besten Chancen

Bedeutet: Die Besten gehören zusammen. Bei den Schweizer Männern wurde der Beste, Roman Röösli, mit dem Zweitbesten, Barnabé Delarze, gemeinsam in einen Doppelzweier gesetzt. Der Drittbeste, Nico Stahlberg, besetzt den Einer. Aber wie wird entschieden, dass Röösli im Doppelzweier fährt und nicht alleine, wenn er im Einer offenbar so stark fährt? Um dies festlegen zu können, wird jeweils die Zeit mit der Weltbestzeit in der jeweiligen Bootsklasse verglichen.

«Wenn Roman im Einer bei 95% im Vergleich mit der Weltbestzeit ist und zusammen mit Barnabé bei 96% steht, entscheiden wir uns für den Doppelzweier. Ist es andersrum, würde er alleine an den Start gehen. Wir wollen immer jenes Boot mit den besten Chancen», erklärt Blanc. Ganz einfach ist der Wechsel vom Einer in den Doppelzweier übrigens nicht: Schliesslich muss sich im Zweier ein Ruderer an den Rhythmus des anderen anpassen. Auch wer idealerweise wo im Boot sitzt, wird mit Messungen herausgefunden.

Eine weitere Frage ist für Blanc jeweils, ob man einen Athleten in einem Skullboot (zwei Ruder pro Person) oder einem Riemenboot (ein Ruder) an den Start schickt. Auch wenn in der Schweiz Skull traditionell ist, beherrschen die Topathleten auch die Technik für Riemenboote. «Jeder Topathlet muss beides können», so Blanc. Grosse Verbände wie etwa England bilden hingegen extra Riemenspezialisten aus. Trotzdem schickt die Schweiz mit dem «Vierer ohne» auch ein Riemenboot an den Start – weil die Messungen ergaben, dass dort die Chancen höher stehen.