Gschobe #6

Ronaldo! Bussi!

François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

Sie stammen aus dem gleichen Dorf im Appenzellerland, sind zwischen 45 und 48, treffen sich einmal pro Woche und jassen oder spielen Boule. Pius, Qualitätsmanager, Appenzell. David, Lehrer, Speicher AR. Tobias, Consultant, Zürich. Flavio, Sozialarbeiter, Kirchberg SG. François, Journalist, Windisch.

Flavio: Der Moment ist wieder gut, um gegen Portugal zu spielen.

François: Wieso? Ronaldo ist im Vergleich zum Heimspiel dabei.

Flavio: Schon. Aber er ist gekränkt. Im Sommer war nicht er das grosse Thema, sondern Dembélé, Mbappé und vor allem Neymar. Und was ist passiert? Gefrustet, weil nicht er für Schlagzeilen sorgt, rastet er im Supercup aus und wird vom Platz gestellt. Und siehe da: In der Meisterschaft hat er bis jetzt noch kein Tor erzielt.

Pius: Ronaldo ist gewiss einer der grössten Narzissten, den der Fussball je gesehen hat. Trotzdem ist deine These doch ziemlich abenteuerlich.

Tobias: Die Menschen, die ihn kennen, sagen: Ronaldo ist ein absoluter Top-Profi, der sein ganzes Leben auf den Fussball ausrichtet. Nebenbei macht er Show und Vermarktung. Es gibt kaum einen Sportler, der den Spagat zwischen seriöser Berufseinstellung und Vermarktung derart perfekt beherrscht wie Ronaldo.

François: Aber er steht gerne im Mittelpunkt, was im Sommer definitiv nicht der Fall war.

Tobias: Wahrscheinlich wurde er im Supercup auf die primitivste Art beleidigt und ist deshalb ausgerastet.

Pius: Aber Materazzi, der Provokateur vor dem Herrn, stand doch gar nicht auf dem Platz. Der ist doch zurückgetreten.

Cristiano Ronaldo

Cristiano Ronaldo

Flavio: Ich bitte euch, lasst Materazzi aus dem Spiel. Wir Italiener haben es schon schwer genug. Aber warum bezahlt Paris 222 Millionen für Neymar und nicht für Ronaldo? Ich sags euch: Weil Ronaldo eben doch nicht so perfekt ist, dass er in jede Mannschaft passt.

Tobias: Dafür hat die Schweiz eine perfekte Mannschaft. Jedenfalls glaubt das Shaqiri.

Pius: Was hat er gesagt?

Tobias: Er sagte: «Für mich sind bei uns alle Weltklasse.» Auch wenn seine Aussage etwas übertrieben ist und sich eher auf den Teamspirit statt die einzelnen Spieler bezieht, finde ich es cool, wenn sich ein Schweizer so selbstbewusst gibt.

Pius: Aber redet er sich damit nicht auch ein bisschen Mut ein? Wie das Kind, das Angst vor Geistern hat und sich gebetsmühlenhaft einredet: Es gibt keine Geister, es gibt keine Geister.

François: Das ist sehr gut möglich. Aber lieber so als umgekehrt.

Flavio: Shaqiri hat auch gesagt, dass er nicht auf Ronaldos Trikot aus ist. Noch so eine Mantra-Geschichte.

François: Item. Die relevante Frage lautet doch: Wie stoppt man Ronaldo? Gescheiterte Versuche gibt es viele.

Pius: Wir müssen es machen wie Barcelona. Wir müssen Ronaldo zur Weissglut treiben.

François: Schon, aber die Schweizer Spieler schauen allen Beteuerungen zum Trotz eher zu Ronaldo hoch als auf ihn runter.

Tobias: Das ist unsere Chance, Ronaldo aus dem Konzept zu bringen.

François: Wie jetzt? Indem wir zu ihm hochschauen?

Tobias: So ähnlich. Make love not war. Ronaldo hat doch schon alles erlebt, was man auf dem Fussballplatz gemeinhin erleben kann. Aber dass ihn ein Gegner während des Spiels küsst, hat auch er noch nicht erlebt. Lichtsteiner küsst Ronaldo. Das bringt ihn sicher aus der Fassung. Und wir gewinnen.

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