Es ist eine Sensation, mit der man niemals rechnen durfte. YB schlägt das grosse Juventus Turin. Bern, ja grosse Teile der Schweiz in Freudentaumel. Und was macht Juve-Trainer Massimiliano Allegri in diesem Augenblick? Mit einer gewissen Gleichgültigkeit nimmt er auf dem Podest vor den Presseschaffenden Platz, sagt, dass man zwar enttäuscht sei, aber ja trotzdem Gruppenerster wurde. Woran es denn gelegen habe, wird er gefragt. «Wir waren müde und es fehlte vor allem an der Motivation», antwortet Allegri mit sonorer Stimme.

Logisch, für Juventus ging es nicht um Leben und Tod. Aber den Gruppensieg sichern sich die Turiner bloss, weil es Manchester United zur gleichen Zeit nicht fertigbringt, in Valencia zu gewinnen. Die Aussage ist ein Affront für die Berner, die mit diesem 2:1 einen der grössten Siege der Klubgeschichte auf internationalem Parkett feiern. Als YB-Coach Gerardo Seoane mit dieser Aussage konfrontiert wird, reagiert er leicht irritiert: «Ich hatte nicht den Eindruck, dass sie am Schluss müde waren im Gegensatz zu uns. Wir sind viel gelaufen, das Spiel hat uns viel abverlangt. Es ist nicht an mir, zu beurteilen, ob Juve nicht motiviert war. Ich habe genug mit meiner Mannschaft zu tun.»

Ronaldo: «Jetzt beginnt der schöne Teil der Champions League»

So sehr die Aussage Allegris für die Berner ein Affront sein mag, völlig unrecht dürfte der Italiener mit seiner Aussage nicht haben. Oder wie soll man Cristiano Ronaldos sonst verstehen, wenn er sagt: «Jetzt beginnt der schöne Teil der Champions League und ich habe keine Zweifel, dass wir hundertprozentig bereit sein werden. Heute hätte ich locker ein paar Tore schiessen können. Aber so ist Fussball, wir müssen jetzt aufs nächste Spiel fokussieren.»

Da geht es den Superstars aus Turin nicht anders als den Young Boys. Am Sonntag reisen sie zum Abschluss eines äusserst erfolgreichen Jahres nach Neuenburg zu Schlusslicht Xamax. Nur vier Mal haben die Berner 2018 bisher auf Schweizer Boden verloren. Gegen Basel, als die Meisterschaft längst in trockenen Tüchern war, gegen den FCZ im Cupfinal, gegen Luzern und gegen Manchester United. Eine Wahnsinnsbilanz.

«Ein sehr schönes Weihnachtsgeschenk»: Der YB-Matchwinner Guillaume Hoarau nach dem Sieg gegen Juventus überglücklich aber bescheiden. (Interview auf Französisch)

Benito: «Sind auf den Geschmack gekommen, wollen mehr»

Klein reden lassen sich die Berner den Sieg nicht. Der Hunger auf mehr scheint geweckt, wenn man YB-Verteidiger Loris Benito zuhört: «Es ist eine Schande, dass der Wettbewerb nicht jetzt erst beginnt. Wir haben in den ersten fünf Spielen viel gelernt und das wollten wir gegen Juventus zeigen. Ich denke, das ist uns gelungen. Wir machten schon in Manchester ein sehr gutes Spiel, jetzt zum Schluss sogar ein noch besseres. Wir wollen nächstes Jahr definitiv wieder dabei sein. Wir sind auf den Geschmack gekommen, wir wollen mehr davon.»

Das sind die Noten für die YB-Spieler nach dem 2:1 gegen Juventus: