Der Jugendruhm verblasst. Wer das nicht weiss, wird es im Alter lernen. Damit kann man leben. Aber darf man nicht hoffen, ein bisschen Spätglanz dort noch zu finden, wo alles entstand, sozusagen am Herd des Ruhms? Gewiss darf man hoffen. Kommt es trotzdem anders, ist die Enttäuschung doppelt stark. Mehr noch: Das Dämpfen berechtigter Hoffnung fühlt sich an wie eine Kränkung.

Das ist Roger Wehrli widerfahren. Dem 68-fachen Internationalen der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft, 25-mal ihr Captain. Aus ganz besonderem Anlass. Am schönsten Tag seines Lebens, in Erinnerung ans Spiel seines Lebens.

Brief an den SFV

«Sehr geehrter SFV», so begann Stevens Brief an den Schweizerischen Fussballverband SFV: «Mein Name ist Steven Wehrli, ich bin der Sohn von Roger Wehrli,
der für Sie in den Jahren 1978–1989 68 Länderspiele absolvierte.»

Ein Spiel hebt der Sohn hervor: den 30. Mai 1981. St. Jakob-Stadion in Basel, WM-Qualifikation. Jenen denkwürdigen 2:1-Sieg der Schweiz über England. Davon habe der Vater heute noch Wimpel und Bilder hängen, zu Hause an der Bar, wo «wir gerne beieinandersitzen», schreibt der Sohn. Jetzt spielt die Schweiz wieder gegen England. Im umgebauten Wembley am 8. September. Wieder geht es um die Qualifikation an ein grosses Turnier, die EM in Frankreich.

Könnte man sich den Zusammenhang von Brief-Vater-Spiel da nicht schon zusammenreimen? Und gleichsam ohne weiterzulesen, sofort zustimmen? Ach herrjeh – da bittet ein Sohn um drei Billette ins Wembley. Als Geburtstagsüberraschung für den Père, der 59 wird. In fast schüchterner Erwähnung von dessen Verdiensten um die Nationalmannschaft: «Ich verstehe, dass dies eine grosse Bitte ist.» Selbstverständlich wollte er die Billette nicht gratis; er hätte sie anstandslos bezahlt.

Und was passierte dann? Ach herrjeh – nur das heute Übliche.

Wir treffen Roger Wehrli zum Gespräch. Er freut sich: Die Reise nach London ist gebucht. Nicht mehr allein die Söhne kommen mit, sondern die ganze Familie, mit Anhang. Am Montagmorgen früh fliegen sie ab, sehen sich das Spiel an, hängen einen Stadtbummel dazu und kommen am Mittwoch zurück. Da aber lächelt Wehrli schief. Für Männer seines Schlags ist ein schiefes Lächeln bitter genug. «Es klappte am Schluss bei den Engländern», sagt er.

Hatte der Schweizerische Fussballverband etwa nicht reagiert? «Null-acht-fünfzehn», sagt Wehrli, und er hat recht. Die Antwort der Dame vom Ticketing liegt uns vor: «Bitte haben Sie Verständnis . . . blablabla.» Vorgestanztes Gewäsch, Computerdeutsch. Wohl der gleiche Text für alle. Vermutlich hat niemand Stevens Anfrage gründlich gelesen. Abschüfele auf die Houmpeitsch, das Übliche heute.

Wehrli hat noch einmal recht, wenn er sagt: «Stellen Sie sich vor, Altobelli würde beim italienischen Verband nachfragen. Oder Klaus Fischer in Deutschland. Die müssten kaum anklopfen, die wären vorher schon eingeladen.»

Die Welt dreht sich weiter

Aus Wehrli und der Funktionärskaste wird offenbar auch spät kein treuseliger Kameradenverein mehr. Da gab es immer einen Wesensunterschied. Hört man Wehrli zu, wie er aus seiner Warte Fussballgeschichte und -geschichten erzählt, spürt man, wie viel sich im Stadion verändert hat. Eigentlich das Gleiche wie ums Stadion. Alles wird verwaltet, unterdelegiert, beinahe anonym gemanagt. Keiner hat mehr allein oder gar einsam die Verantwortung. Bewundert Wehrli deshalb Sepp Blatter – weil der auf alleinige Faust viel angerissen hat?

Früher arbeiteten Funktionäre ehrenamtlich, genossen aber ein paar Privilegien. Im Flieger «vorn zu sitzen», in der 1. Klasse. «Das stellen wir jetzt mal ab», sagte Paul Wolfisberg damals und platzierte seine Spieler vorn. Wolfisberg, als Nati-Trainer zu Beginn noch als «Wilhelm Tell» belächelt, wurde der heimliche Star der Mannschaft, in der es sonst kaum Stars gab. Unvergessen die «Blick»-Schlagzeile: «Mit den Wölfen gegen eine Atommacht.» (Es setzte dann zwar eine empfindliche 0:4-Schlappe gegen die Sowjets ab).

Grosse Bewunderung

Am meisten aber rühmt Wehrli den deutschen Trainer Hennes Weisweiler: «Das waren Welten zu anderen Trainern.» Er rühmt den Menschen, die Trainingsplanung, das Verständnis für jeden Spieler, obwohl Weisweiler wider jede Psychologie heute dem auch sagte: «Hau bloss ab! Es gibt kein Einzelgespräch!» Ein Mann, der sich zutraute, auf dem Platz alles zu bestimmen.

Wehrli lacht herzhaft bei den TV-Szenen heute: Nach einem Tor des Stürmers springen Heerlager dicklicher Assistenten im Sponsorendress von der Bank auf, verdunkeln Rasengrün und Himmel, um erst den Cheftrainer in ihrer Mitte zu erdrücken, ehe der Torschütze tausend wedelnde Pfoten abklatschen muss: Hilfstrainer, Goalietrainer, Stürmertrainer, Sportchef, Medienberater, eine Kompanie Physio- und Psychoonkel – jeder Lakai muss schliesslich sein Salär rechtfertigen.

Seine direkte Art

Roger Wehrli war noch vieles in einer Person gewesen, als Spielertrainer von Aarau sowieso. Er hätte seine liebe Mühe, heute wegen jeder Entscheidung beim Verwaltungsrat katzbuckeln zu gehen. «Meine direkte Art», sagt er, «würde niemand ertragen.» Er wäre wohl, sagt er, ein ausgezeichneter Nachwuchstrainer (was er vier Jahre lang mal gewesen war, in Luzern).

Und dann sagt Wehrli, so entwaffnend wie berührend: «Als Trainer heute muss man etwas intelligenter sein als die anderen.»

Zurück zu England gegen die Schweiz, zurück zum «Spiel seines Lebens», zu jenem 30. Mai 1981. «Wir liefen uns eine halbe Stunde vor dem Match ein», erzählt Wehrli, «als die Engländer erst aus dem Bus stiegen. Noch in den feinen Klamotten. Sie sahen ein wenig zu, rauchten und lachten uns aus. Aber dann brausten sie trotzdem los wie Töffs.»

Keine Angst vor den Engländern

Doch die Schweiz führte zur Halbzeit 2:0. «Durch Fredy Scheiwiler und Ruedi Elsener oder Claudio Sulser, ich weiss es nicht mehr so genau (es war Sulser – die Red.). Das Tor der Engländer machte McDermott.» Was Wehrli nicht sagt: Er meldete Englands Stürmerstar Kevin Keagan eine Halbzeit lang ab. Nachher übernahm Klopfer Heinz Lüdi den Mann.

Dann spricht Wehrli von einem Mysterium, einem Phänomen mit Seltenheitsgrad damals: «Für einmal brachten wir eine enorme Geschlossenheit auf den Platz.» Denn gewöhnlich spielten die Deutschschweizer und die Welschen alles andere als harmonisch. Neben dem Platz grüsste man sich kaum über den Röstigraben hinweg. In den Beizen jasste man separiert. Warum rauften sie sich gerade an jenem Tag zusammen? «Keine Ahnung», sagt Wehrli und fügt an: «Hätte es diesen Röstigraben nicht gegeben – wir hätten uns wohl für ein grosses Turnier qualifiziert.»

Überhaupt die Rivalität. «Im Grunde», sagt Wehrli, «gab es pro Jahr für uns bei GC nur zwei Matches: die beiden Derbys gegen den FCZ. Die musstest du gewinnen, sonst durftest du dich im Ausgang nicht blicken lassen.» (Wehrli wurde mit GC viermal Schweizer Meister, einmal mit Luzern.) Diese Umarmungen der Spieler heute – Wehrli kann kaum zuschauen: «Ich würde wohl irgendwohin starren, ins Blaue hinauf».

Es klingt, als wäre Roger Wehrli heilfroh, dem Gschpürschmi-Kitsch entgangen zu sein. Er bevorzugt die «ehrliche Rivalität».