Nicht nur seine Erfolge machen Roger Federer im Tennis-Zirkus zum Sonderfall. Sondern auch die Dauer seiner Karriere. Seit seinem Profi-Debüt in Gstaad im Juli 1998 hat er 1334 Einzel bestritten und 1088 davon gewonnen.

Dass ein Athlet im Alter von 35 Jahren noch zur Weltspitze gehört, war bis vor wenigen Jahren undenkbar. Doch Federer ist auch hier ein Wegbereiter. Heute sind fast die Hälfte (43) der 100 Besten über 30 Jahre alt. Es ist auch das Resultat sorgfältiger Karriere-Planung und kalkulierter Pausen.

ATP-Turniere locken viele Zuschauer

Die goldene Ära um Federer, Rafael Nadal, Novak Djokovic und Andy Murray trägt auch dazu bei, dass die Profi-Vereinigung ATP floriert. Die 63 Turniere auf sechs Kontinenten zogen knapp fünf Millionen Zuschauer in die Stadien.

Eine Milliarde verfolgte die Spiele am Fernsehen. Weil die vier Grand-Slam-Turniere vom internationalen Tennisverband ITF ausgetragen und damit nicht Teil der ATP World Tour sind, bilden die neun Masters-1000-Turniere das Herzstück des Geschäfts.

Obligatorische Teilnahme

Ihr Erfolg steht und fällt mit der Teilnahme der Aushängeschilder. Deswegen werden jene Spieler, die per Stichtag am 7. November 2016 zu den 30 Besten der Weltrangliste gehören, als sogenannte «Commitment Player» eingestuft.

Sie sind zur Teilnahme an den neun Masters-1000-Turnieren verpflichtet. Erfüllen sie diese Pflicht nicht, müssen sie Kürzungen beim Preisgeld in Kauf nehmen. Davon betroffen sind in erster Linie jene Spieler, die sich am Ende des Jahres für die World Tour Finals, den Saisonfinal der acht Jahresbesten, qualifizieren und damit an einem Bonus partizipieren, der ihnen im Erfolgsfall bis zu drei Millionen Dollar zusätzlich in die Kassen spülen kann.

Zwei Spieler mit Narrenfreiheit

Allerdings gibt es drei Ausnahmen, von denen inzwischen 16 der 30 «Commitment Player» profitieren. Ist ein Spieler per 1. Januar mindestens 31 Jahre alt, darf er auf eines der Pflichtturniere verzichten, ohne Ende Jahr bei den Bonuszahlungen Abstriche in Kauf nehmen zu müssen. Gleiche Regelung gilt für jene, die seit mindestens 12 Jahren auf der Profi-Tour spielen und jene, die in ihrer Karriere mehr als 600 Siege haben einfahren können.

Erfüllt ein Athlet alle drei Kriterien, darf er auf alle Masters-1000-Turniere verzichten. Weil Federer der erste Spieler war, auf den das zutraf, wird die Regelung als «Lex Federer» bezeichnet. Seit zwei Jahren gehört auch der Spanier David Ferrer zu diesem exklusiven Klub.

Regeländerung gibt Gegensteuer

Die Ausnahmen, die auf Seite 13 des 381 Seiten umfassenden Regelbuchs festgehalten sind, sollten ursprünglich verdiente Spieler schützen und so längere Karrieren begünstigen. Doch inzwischen torpedieren sie immer mehr die Interessen der Profi-Tour, weil ein Grossteil der Besten bei den Masters-1000-Turnieren von Ausnahmeregelungen profitiert.

Mit einer Ergänzung des Regelwerks gibt die ATP seit diesem Jahr Gegensteuer. Sie besagt, dass ein «Commitment Player» unter keinen Umständen das gleiche Masters-1000-Turnier in zwei aufeinanderfolgenden Jahren auslassen darf. So soll verhindert werden, dass Spieler wie Djokovic, Nadal, Murray oder Stan Wawrinka einem Turnier mehrfach in Folge fernbleiben.

Schutz für Turnierveranstalter

Während Federer und Ferrer von diesem Passus nicht betroffen sind, ist offen, wie sich dieser auf andere Topspieler auswirkt. Fehlt ein Spieler, der Anrecht auf einen folgenlosen Verzicht hat, bei einem Turnier zweimal in Folge, müsste er nach dieser Regelung bereits Einbussen bei der Verteilung der Bonusgelder in Kauf nehmen, obwohl er die Teilnahmepflicht innerhalb eines Jahres erfüllt. Der Wirrwarr ist somit perfekt. Die ATP war für eine Präzisierung nicht zu erreichen.

Sicher ist: Bei einem Jahrespreisgeld von 90 Millionen Dollar sind Einbussen im sechsstelligen Bereich verkraftbar. Stan Wawrinka zum Beispiel hat in seiner Karriere 28,5 Millionen Dollar Preisgeld verdient. Lex Federer hin oder her.