In den Tagen nach dem Wimbledon-Final, den er nach zwei vergebenen Matchbällen und in knapp fünf Stunden gegen Novak Djokovic verloren hatte, fuhr er mit der Familie in einem Bus durch die Ostschweiz. Er wanderte im Alpstein. Später fuhr er mit dem Mountainbike durch die Bündner Bergwelt, wo er auch seinen 38. Geburtstag feierte. «Mirka hat einen Kuchen gebacken, die Kinder haben die Kerzen ausgeblasen und wir machten eine Wanderung», erzählt Roger Federer. Er liess nichts unversucht, die Dämonen der Vergangenheit zu vertreiben. «Als ich wieder zu trainieren begann, hatte ich Flashbacks – von den guten und schlechten Momenten. Es war schwierig», sagt Federer. Er, der die Kunst des Vergessens so gut beherrscht wie kaum ein anderer, grübelte.

Zehn Tage rührte er kein Racket an. Nun kehrt Roger Federer in Cincinnati in den Turnier-Zirkus zurück. Und er will den Blick wieder nach vorne richten, und nicht zur Geisel der Dämonen der Vergangenheit werden. Kein Ort sei dafür geeigneter als Mason, diese Kleinstadt im Bundesstaat Ohio mit 30'000 Einwohnern, wo das Turnier stattfindet. «Es ist ruhig und entspannt. Wir spielen ja oft genug in grossen Städten», sagt Federer, der von einem goldenen Spätsommer und Herbst träumt. Wie schon oft zuvor. Sieben Mal hat der Baselbieter das Turnier gewonnen - nur in Halle, Basel, Dubai und Wimbledon gewann er noch öfter den Titel. Bei seinen drei letzten Teilnahmen (2014, 2015 und 2018) stand er immer im Final. Letztmals gewann er vor vier Jahren.

Roger Federer beim Gasthaus Plattenbödeli am Sämtisersee.

Roger Federer beim Gasthaus Plattenbödeli am Sämtisersee.

Nadals Absage, Djokovics Rückkehr

Damals mit einem Final-Sieg gegen Novak Djokovic, dem er im Vorjahr im Final unterlag - wie vor vier Wochen in Wimbledon. Gleiches kann sich nicht wiederholen. Rafael Nadal zog zwar seine Teilnahme in Cincinnati nach dem Sieg in Montreal zurück, doch weil die Auslosung bereits über die Bühne gegangen war, hatte das keine Auswirkungen für Federer und Djokovic, der seit Wimbledon ebenfalls pausiert hatte. Die Rivalen könnten bereits in den Halbfinals aufeinandertreffen. Federers ersten Gegner ermitteln der Italiener Matteo Berrettini (23, ATP 26) und der Argentinier Juan Ignacio Londero (25, ATP 55). In den Achtelfinals könnte es zum Schweizer Duell gegen Stan Wawrinka kommen.

Für Federer bildet Cincinnati nicht nur den Auftakt, sondern auch gleich die Hauptprobe für die Ende August beginnenden US Open, das letzte Grand-Slam-Turnier des Jahres. Dort erreichte er von 2004 bis 2009 zwar sechs Mal in Folge den Final und gewann fünf davon. Doch seither stand er nur noch ein Mal im Final – 2015, als er gegen Novak Djokovic 19 von 23 Breakchancen ungenutzt liess und in vier Sätzen verlor. In New York musste Federer gegen Djokovic zwei weitere Niederlagen einstecken. 2010 und 2011 verlor er jeweils in den Halbfinals, nachdem er zwei Matchbälle nicht hatte nutzen können. Auch das sind so Dämonen der Vergangenheit, die Federer bis heute verfolgen.