Tennis
Roger Federers grosse Chance in New York

Kein anderer Spieler trat in diesem Sommer so dominant auf wie Roger Federer. Die Chancen auf einen sechsten US-Open-Triumph stehen deshalb günstig. Die wahrscheinlichsten Spielverderber dürften ab Montag Weltnummer 1 Novak Djokovic und Landsmann Stan Wawrinka sein.

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Favoritenrolle

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Keystone

Hat Roger Federer seine letzte Chance verpasst, einen 18. Grand-Slam-Titel zu gewinnen? Das fragten manche Kommentatoren am Tag nach der nervenaufreibenden Fünfsatz-Niederlage des Schweizers im Wimbledon-Final gegen Novak Djokovic. Nur eineinhalb Monate später folgt nun aber die nächste Möglichkeit. Und nach den Auftritten der vergangenen Wochen erscheinen die Chancen in New York mindestens ebenso gut wie in London.

An den Masters-1000-Turnieren in Toronto und Cincinnati, an denen die gesamte Weltspitze ausser Rafael Nadal (der auch am US Open fehlen wird) spielte, verlor Federer einzig den Final in Kanada gegen Jo-Wilfried Tsonga unter speziellen Umständen. Er spielte seine erste Partie bei Tageslicht nach vier Nachtmatches. "Ich spiele zurzeit so, wie ich spielen will", bilanzierte Federer nach seinem 80. ATP-Titel in Cincinnati zufrieden.

Vor einem Jahr im Jammertal

Er reiste damit unter diametral anderen Umständen ans US Open als vor einem Jahr. Von Rückenproblemen handicapiert und ohne Selbstvertrauen, verlor er damals im Achtelfinal gegen den Spanier Tommy Robredo - so früh wie zuvor letztmals im Jahr 2003. Diesmal scheint alles zu stimmen für einen sechsten Titel im Big Apple - den ersten seit 2008. Er würde damit als alleiniger Rekordhalter in der Profi-Ära (seit 1968) Jimmy Connors und Pete Sampras übertrumpfen. Vor allem aber wäre er mit 33 Jahren der erste Ü30-Champion in New York seit Sampras 2002 und der älteste Sieger überhaupt seit dem 35-jährigen Australier Ken Rosewall 1970.

Auch die Auslosung ist für Federer durchaus günstig ausgefallen. Den Auftakt macht er gegen den Australier Marinko Matosevic (ATP 77), den er Anfang Jahr in Brisbane mit 6:1, 6:1 deklassiert hat. Es folgen Albert Ramos-Viñolas (96) oder Sam Groth (105) in der zweiten Runde, danach Aufschlagriese Ivo Karlovic (29), Fabio Fognini (17) und Grigor Dimitrov (8) als weitere mögliche Gegner auf dem Weg in den Halbfinal. Vor allem ein Viertelfinal gegen den in der Vergangenheit als "Baby-Federer" bezeichneten Wimbledon-Halbfinalisten Dimitrov könnte sehr reizvoll sein. Designierter Gegner in der Runde der letzten vier ist die Weltnummer 5 David Ferrer, den Federer in 16 Partien 16 Mal bezwungen hat, zuletzt in Toronto und Cincinnati.

Wawrinka und Djokovic auf Formsuche

Damit geht der Basler, der mit einem Turniersieg den fehlenden Titelverteidiger Nadal als Nummer 2 der Weltrangliste ablösen würde, sowohl Novak Djokovic als auch Stan Wawrinka aus dem Weg. Der Serbe und der Waadtländer könnten wie im vergangenen Jahr im Halbfinal aufeinandertreffen, als sich die Weltnummer 1 in fünf dramatischen und hochstehenden Sätzen durchsetzte. An den Turnieren dieses Sommers konnten jedoch beide nicht überzeugen.

Wawrinka, der am Donnerstag mit Jugendlichen aus dem finanziell nicht auf Rosen gebetteten Stadtteil Queens spielte, verlor im Achtel- respektive Viertelfinal. Die Grand-Slam-Turniere mit den Partien auf drei Gewinnsätze geben dem als Langsamstarter bekannten Romand jedoch etwas mehr Zeit, um seine Form zu finden. Dies sollte auch angesichts seiner ersten Gegner möglich sein. In der ersten Runde trifft der als Nummer 3 gesetzte Australian-Open-Champion erstmals auf den 21-jährigen Tschechen Jiri Vesely. Mit voraussichtlich Jérémy Chardy (ATP 35) und dann Tommy Robredo (18) kann er sich ab der dritten Runde an höhere Aufgaben herantasten. Im Viertelfinal würde gemäss Papierform mit dem zweiten Wimbledon-Halbfinalisten Milos Raonic (6) einer der - neben Dimitrov und Tsonga - heissesten Aussenseiter warten.

Djokovic, der in den vergangenen vier Jahren am US Open immer im Final stand, aber nur einmal (2011) gewann, dürfte nach einem ruhigen Start ab den Achtelfinals gefordert werden. Zuerst vom 2,08-m-Hünen John Isner, dann vom Sieger des Duells Andy Murray gegen Tsonga. In Toronto und Cincinnati, den ersten beiden Turnieren seit seinen Flitterwochen, gewann der Serbe nur je ein Spiel.

Endlich wieder Serena Williams?

Bei den Frauen gibt es wie immer nur eine Favoritin: Serena Williams. An den ersten drei Grand-Slam-Turnieren dieses Jahres kam sie jedoch nie über die Achtelfinals hinaus. Der Weltnummer 1 droht das erste Jahr ohne grossen Titel seit 2011, als sie erst in Wimbledon in die Saison einsteigen konnte. Wie Federer strebt die 32-Jährige ihren sechsten Erfolg am US Open an. Sie würde damit zu Profi-Rekordhalterin Chris Evert aufschliessen.

Weniger hohe Ambitionen haben die vier Schweizerinnen. Immerhin trifft keine zum Auftakt auf eine gesetzte Gegnerin, sodass die Chancen auf die zweite oder dritte Runde absolut intakt sind. Belinda Bencic (WTA 59) spielt bei ihrem ersten US Open bei den Profis gegen die Belgierin Yanina Wickmayer (64). Auch Timea Bacsinszky (78) bekommt es mit einer Spielerin aus der selben Ranglisten-Region zu tun, der Holländerin Kiki Bertens (84). In der zweiten Runde würde als Lohn für einen Sieg wohl ein Center-Court-Auftritt gegen die zweifache US-Open-Siegerin Venus Williams winken.

Noch nicht bekannt war gestern Abend die Gegnerin von Stefanie Vögele (67), die auf eine Qualifikantin trifft. Die schwierigste Aufgabe hat die nach erneut hartnäckigen Verletzungen auf Position 157 zurückgefallene Romina Oprandi gegen die routinierte Slowakin Daniela Hantuchova (36). (si)

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