Kommentar
Roger Federer und seine Entscheidung mit Weitsicht, Kopf und Herz, aber auch Kalkül

Vier Jahre nach dem Eingriff am linken Knie unterzieht sich Roger Federer einer Operation am rechten Knie. Er fällt damit bis im Sommer aus und verzichtet auf Dubai, Indian Wells, Miami und Paris. Es ist ein Entscheid mit Weitsicht, mit Kopf und Herz, aber auch Kalkül. Der Kommentar.

Simon Häring
Simon Häring
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103. Titel, Basel 2019 Alex De Minaur 6:2, 6:2
103 Bilder
102. Titel, Halle 2019 David Goffin 7:6, 6:1
101. Titel, Miami 2019 John Isner, 6:1, 6:4
100. Titel, Dubai 2019 Stefanos Tsitsipas. 6:4, 6:4
99. Titel, Basel 2018 Marius Copil, 7:6, 6:4
98. Titel, Stuttgart 2018 Milos Raonic, 6:4, 7:6
97. Titel, Rotterdam 2018 Grigor Dimitrov, 6:2, 6:2
96. Titel, Australian Open 2018 Marin Čilić, 6:2, 6:7, 6:3, 3:6, 6:1
95. Titel, Basel 2018 Juan Martín del Potro, 6:7, 6:4, 6:3
94. Titel, Shanghai 2017 Rafael Nadal, 6:4, 6:3.
93. Titel, Wimbledon 2017 Marin Cilic, 6:3, 6:1, 6:4
92. Titel, Halle 2017 Alexander Zverev, 6:1, 6:3
91. Titel, Miami 2017 Rafael Nadal, 6:3, 6:4
90. Titel, Indian Wells 2017 Stan Wawrinka, 6:4, 7:5.
89. Titel, Australian Open 2017 Rafael Nadal, 6:4, 3:6, 6:1, 3:6, 6:3.
88. Titel, Basel 2015 Rafael Nadal, 6:3, 5:7, 6:3.
87. Titel, Cincinnati 2015 Novak Djokovic, 7:6 (7:1), 6:3.
86. Titel, Halle 2015 Andreas Seppi, 7:6 (7:1), 6:4
85. Titel, Istanbul 2015 Pablo Cuevas, 6:3, 7:6 (13:11)
84. Titel, Dubai 2015 Novak Djokovic, 6:3, 7:5.
83. Titel, Brisbane 2015 Milos Raonic, 6:4, 7:6, 6:4. - Es war Federers 1000. ATP-Karriere-Sieg.
82. Titel, Basel 2014 David Goffin, 6:2, 6:2.
81. Titel, Schanghai 2014 Gilles Simon, 7:6 (8:6), 7:6 (7:2)
80. Titel, Cincinnati 2014 David Ferrer, 6:3, 1:6, 6:2.
79. Titel, Halle 2014 Alejandro Falla, 7:6, 7:6
78. Titel, Dubai 2014 Tomas Berdych, 3:6, 6:4, 6:3.
77. Titel, Halle 2013 Michail Juschni, 6:7 (5:7), 6:3, 6:4.
76. Titel, Cincinnati 2012 Novak Djokovic, 6:0, 7:6 (9:7)
75. Titel, Wimbledon 2012 Andy Murray 4:6, 7:5, 6:3, 6:4
74. Titel, Madrid 2012 Tomas Berdych 3:6, 7:5, 7:5.
73. Titel, Indian Wells 2012 John Isner, 7:6, 6:3.
72. Titel, Dubai 2012 Andy Murray, 7:5 6:4.
71. Titel, Rotterdam 2012 Juan Martin Del Potro, 6:1, 6:4.
Federer feiert 2011 an den ATP World Tour Finals in London den 70. Titel im 100. Final Jo-Wilfried Tsonga, 6:3, 6:7, 6:3
69. Titel in Paris-Bercy Jo-Wilfried Tsonga, 6:1, 7:6
68. Titel in Basel 2011 Kei Nishikori, 6:1, 6:3
67. Titel in Doha 2011 Nikolay Davydenko, 6:3, 6:4
66. Titel an den World Tour Finals in London 2010 Rafael Nadal, 6:3, 3:6, 6:1
65. Titel in Basel 2010 Novak Djokovic, 6:4, 3:6, 6:1
64. Titel in Stockholm 2010 Florian Mayer, 6:4, 6:3
63. Titel in Cincinnati 2010 Mardy Fish, 6:7, 7:6, 6:4
62. Titel: Federer gewinnt die Australian Open 2010 Andy Murray, 6:3, 6:4, 7:6
61. Titel in Cincinnati 2009 Novak Djokovic, 6:1, 7:5
60. Titel: Wimbledon 2010 Andy Roddick, 5:7, 7:6, 7:6, 3:6, 16:14
59. Titel: Ein emotionaler Titel! Federer gewinnt 2009 endlich die French Open in Paris Robin Söderling, 6:1, 7:6, 6:4
58. Final in Madrid 2009 Rafael Nadal, 6:4, 6:4
57. Final in Basel 2008 David Nalbandian, 6:3, 6:4
56. Titel: Federer gewinnt die US Open 2008 Andy Murray, 6:2, 7:5, 6:2
55. Titel in Halle 2008 Halle. Philipp Kohlschreiber, 6:3, 6:4
54. Titel in Estoril 2008 Nikolay Davydenk0, 7:6, 1:2 (w.o.)
53. Titel in Schanghai 2007 David Ferrer, 6:2, 6:3, 6:2
52. Titel in Basel 2007 Jarkko Nieminen, 6:3, 6:4
51. Titel: US Open-Sieg 2007 Novak Djokovic, 7:6, 7:6, 6:4
50. Titel in Cincinnati 2007 James Blake, 6:1, 6:4
49. Titel: Skpektakulärer Wimbledon-Triumph 2007 Rafael Nadal, 7:6, 4:6, 7:6, 2:6, 6:2
48. Titel in Hamburg 2007 Rafael Nadal, 2:6, 6:2, 6:0
47. Titel in Dubai 2007 Mikhail Juschni, 6:4, 6:3
46. Titel: Federers Sieg an den Australian Open 2007 Fernando Gonzalez, 7:6, 6:4, 6:4
45. Titel in Schanghai 2006 James Blake, 6:0, 6:3, 6:4
44. Titel in Basel 2006 Fernando Gonzalez, 6:3, 6:2, 7:6.
43. Titel in Madrid 2006 Fernando Gonzalez, 7:5, 6:1, 6:0
42. Titel in Tokio 2006 Tim Henman, 6:3, 6:3
41. Titel: Federer gewinnt 2006 auch die US Open Andy Roddick, 6:2, 4:6, 7:5, 6:1
40. Titel in Toronto 2006 Richard Gasquet, 2:6, 6:3, 6:2
39. Titel, Federer gewinnt 2006 Wimbledon Rafael Nadal, 6:0, 7:6, 6:7, 6:3
38. Titel in Hamburg 2006 Tomas Berdych, 6:0, 6:7, 6:2
37. Titel in Miami 2006 Ivan Ljubicic, 7:6, 7:6, 7:6
36. Titel in Indian Wells 2006 James Blake, 7:5, 6:3, 6:0
35. Titel: Ein emotionaler Titel: Federer gewinnt 2006 die Australian Open Marcos Baghdatis, 5:7, 7:5, 6:0, 6:2
34. Titel in Doha 2006 Gaël Monfils, 6:3, 7:5
33. Titel in Bangkok 2005 Andy Murray, 6:3, 7:5
32. Titel: Federer gewinnt 2005 die US Open Andre Agassi, 6:3, 2:6, 7:6, 6:1
31. Titel in Cincinnati 2005 Andy Roddick, 6:3, 7:5
Federer gewinnt Wimbledon 2005, sein 30. Titel Andy Roddick, 6:2, 7:6, 6:4
29. Titel in Halle 2005 Marat Safin, 6:4, 6:7, 6:4
28. Titel in Hamburg 2005 Richard Gasquet, 6:3, 7:5, 7:6
27. Titel in Miami 2005 Rafael Nadal, 2:6, 6:7, 7:6, 6:3, 6:1
26. Titel in Indian Wells 2005 Lleyton Hewitt, 6:2, 6:4, 6:4
25. Titel in Dubai 2005 Ivan Ljubicic, 6:1, 6:7, 6:3
24. Titel in Rotterdam 2005 Ivan Ljubicic, 5:7, 7:5, 7:6
23. Titel in Doha 2005 Ivan Ljubicic, 6:3, 6:1
22. Titel in Houston 2004 Lleyton Hewitt, 6:3, 6:2
21. Titel in Bangkok 2004 Andy Roddick, 6:4, 6:0
Federer gewinnt zum ersten Mal die US Open, sein insgesamt 20. Titel Lleyton Hewitt, 6:0, 7:6, 6:0
19. Titel in Toronto 2004 Andy Roddick, 7:5, 6:3
18. Titel in Gstaad 2004 Igor Andrejev, 6:2, 6:3, 5:7, 6:3
Der zweite Wimbledon-Titel 2004: Sein insgesamt 17. Titel Andy Roddick, 4:6, 7:5, 7:6, 6:4
16. Titel in Halle 2004 Mardy Fish, 6:0, 6:3
15. Titel in Hamburg 2004 Guillermo Coria, 4:6, 6:4, 6:2, 6:3
14. Titel in Indian Wells 2004 Tim Henman, 6:3, 6:3
13. Titel in Dubai 2004 Feliciano Lopez, 4:6, 6:1, 6:2
Der erste Autralian Open-Sieg: Jahr 2004, sein 12. Titel Marat Safin, 7:6, 6:4, 6:2
11. Titel in Houston 2003 Andre Agassi, 6:3, 6:0, 6:4
10. Titel in Wien 2003 Carlos Moya, 6:3, 6:3, 6:3
Federers erster Grand Slam-Sieg: Wimbledon 2003 Mark Philippoussis, 7:6, 6:2, 7:6
8. Titel in Halle 2003 Nicolas Kiefer, 6:1, 6:3
7. Titel in München 2003 Jarkko Nieminen, 6:1, 6:4
6. Titel in Dubai 2003 Jiri Novak, 6:1, 7:6
5. Titel in Marseille 2003 Jonas Bjorkman, 6:2, 7:6
4. Titel in Wien 2002 Jiri Novak, 6:4, 6:1, 3:6, 6:4
3. Titel in Hamburg 2002 Marat Safin, 6:1, 6:3, 6:4
2. Titel in Sydney 2002 Juan Ignacio Chela, 6:3, 6:3
Roger Federers erster Titel auf der ATP-Tour, Mailand 2001 Julien Boutter, 6:4, 6:7, 6:4

103. Titel, Basel 2019 Alex De Minaur 6:2, 6:2

Keystone

Für Roger Federer begann das Jahr, wie das vorherige geendet hatte: furios. Erst erreichte er bei den Australian Open die Halbfinals, eine Woche später spielte er in Südafrika, in der Heimat seiner Mutter, vor über 50'000 Zuschauern das Match for Africa. Das letzte Jahr hatte er mit eine Tour durch Lateinamerika beendet, die ihn in 7 Tagen durch 5 Länder, 19'000 Flugmeilen geführt hatte. Und mit einem Schaukampf in Hanghzou an der Küste Ostchinas. Ob er dabei immer auf die Signale seines Körpers gehört hat, weiss nur er selber. Nun, am Donnerstag, 20. Februar, teilte er mit, dass er sich einer Operation am rechten Knie unterzogen habe und auf die Turniere in Dubai, Indian Wells, Miami und auch die French Open verzichten muss. Federer dürfte frühestens im Juni zurückkehren.

Welcher Art die Verletzung ist, teilte er auf Anfrage nicht mit. Das Knie habe ihm schon eine Weile Probleme bereitet. Deshalb habe er sich am Mittwoch in der Schweiz einer Arthroskopie unterzogen. Bänderrisse werden heute meist arthroskopisch, also durch einen kleinen Einstich und mit mikrochirurgischen Instrumenten, behoben. Wenn aber Gelenk oder Knorpel betroffen sind, ist eine Arthroskopie nur ein initialer Eingriff, um die Diagnose zu bestätigen und eine Knorpelprobe zu entnehmen. Das ermöglicht in einem späteren Eingriff eine Knorpelzelltransplantation. Es gibt aber keine Anhaltspunkte, dass ein zweiter Eingriff geplant ist. Viel mehr dürfte die Entscheidung für eine etwas längere Pause mit Kopf, Herz und Kalkül getroffen werden sein. Wie schon so oft in seiner Karriere.

Roger Federer beim Match in Africa in Kapstadt.

Roger Federer beim Match in Africa in Kapstadt.

Keystone

Roger Federers Optimismus

Federer blickt einem dicht gedrängten Sommer entgegen, mit Wimbledon und den Olympischen Spielen in Tokio, seinen fünften, als Höhepunkte. Die Sandsaison spielte von Anfang an nur eine untergeordnete Rolle, Federer hätte lediglich in Roland Garros gespielt. Der Verzicht dürfte ihm insofern leichter gefallen sein als auch schon. Wimbledon und die Rasensaison sind ihm eine Herzensangelegenheit. Eine Teilnahme will er nicht durch Spiele auf Sand oder eine verfrühte Rückkehr leichtfertig aufs Spiel setzen. Als er sich im Januar 2016 den Meniskus im linken Knie gerissen und sich einer Operation hatte unterziehen müssen, pausierte er nur sechs Wochen.

Als er Mitte April kehrte er in Monte Carlo zurück, sagte «das Knie fühlt sich komisch an, als wäre es nicht mein Knie». In Rom kamen dann noch Rückenprobleme hinzu und als er sich auf Roland Garros vorbereitete, sass er mit seinem Fitnesstrainer Pierre Paganini im Hotelzimmer und sagte: «Was machen wir hier eigentlich?» Federer liess Paris aus, erreichte in Wimbledon dennoch die Halbfinals, zog aber danach die Notbremse. Er pausierte ein halbes Jahr, wanderte in den Schweizer Bergen, verbrachte Zeit mit der Familie und bereitete sich danach in Dubai auf seine Rückkehr vor. Eine Rückkehr, die zu einer seiner schönsten Geschichten wurde: dem Triumph bei den Australian Open 2017.

2017 gewann Roger Federer nach langer Pause die Australian Open.

2017 gewann Roger Federer nach langer Pause die Australian Open.

Keystone

Federer versprüht in seiner Mitteilung Optimismus. Die Ärzte seien sehr optimistisch, dass er sich vollständig erhole. Das ist die gute Nachricht. Doch Federer wird sich auch die Frage stellen, wofür er sich im Alter von 38 Jahren vollständig erholen soll. Um noch einmal um Pokale und Rekorde zu spielen? Oder um später, wenn er sich aus dem Kegel des Scheinwerferlichts zurückzieht, mit seiner Familie ein beschwerdefreies Leben führen zu können? Es sind Überlegungen, die er sich schon vor vier Jahren ein erstes Mal gemacht hat, nachdem er sich in Melbourne beim Einlassen eines Bads für seine Kinder den Meniskus im linken Knie gerissen hatte. Einen kurzen Moment lang habe er damals, im Alter von 34 Jahren, daran gedacht, doch seine Frau Mirka habe ihn vom Gegenteil überzeugt. Sie wollte nicht, dass seine Karriere so endet. Und er auch nicht.

Nun stellt sich die Frage, ob sich diese Geschichte wiederholen kann. Ob er sie wiederholen will. Jüngst sagte Federer, der die Gedanken an seinen Rücktritt lange nicht zulassen wollte: «Er ist sehr real, der Rücktritt.» Seine Prioritäten haben sich in den letzten Monaten weiter verschoben. Im letzten Jahr reiste er bei den French Open erstmals ohne Familie an. In der Vorbereitung auf diese Saison machte er Kompromisse, in dem er auf den ATP-Cup verzichtete. Stattdessen wendete Federer sich anderen Interessen zu, reiste durch Lateinamerika und China. Er investierte einen «grossen Batzen» in den Schweizer Laufschuhhersteller «On», traf den Präsidenten von Namibia und sammelte Geld für seine Stiftung. Es ist kein langweiligeres Leben, das nach der Tennis-Karriere auf Roger Federer wartet. Das wird in den nächsten Tagen auch ihm durch den Kopf gehen. Speziell dann, wenn die Regeneration nicht reibungslos verläuft.