Kommentar

Roger Federer und seine Entscheidung mit Weitsicht, Kopf und Herz, aber auch Kalkül

Vier Jahre nach dem Eingriff am linken Knie unterzieht sich Roger Federer einer Operation am rechten Knie. Er fällt damit bis im Sommer aus und verzichtet auf Dubai, Indian Wells, Miami und Paris. Es ist ein Entscheid mit Weitsicht, mit Kopf und Herz, aber auch Kalkül. Der Kommentar.

Für Roger Federer begann das Jahr, wie das vorherige geendet hatte: furios. Erst erreichte er bei den Australian Open die Halbfinals, eine Woche später spielte er in Südafrika, in der Heimat seiner Mutter, vor über 50'000 Zuschauern das Match for Africa. Das letzte Jahr hatte er mit eine Tour durch Lateinamerika beendet, die ihn in 7 Tagen durch 5 Länder, 19'000 Flugmeilen geführt hatte. Und mit einem Schaukampf in Hanghzou an der Küste Ostchinas. Ob er dabei immer auf die Signale seines Körpers gehört hat, weiss nur er selber. Nun, am Donnerstag, 20. Februar, teilte er mit, dass er sich einer Operation am rechten Knie unterzogen habe und auf die Turniere in Dubai, Indian Wells, Miami und auch die French Open verzichten muss. Federer dürfte frühestens im Juni zurückkehren.

Welcher Art die Verletzung ist, teilte er auf Anfrage nicht mit. Das Knie habe ihm schon eine Weile Probleme bereitet. Deshalb habe er sich am Mittwoch in der Schweiz einer Arthroskopie unterzogen. Bänderrisse werden heute meist arthroskopisch, also durch einen kleinen Einstich und mit mikrochirurgischen Instrumenten, behoben. Wenn aber Gelenk oder Knorpel betroffen sind, ist eine Arthroskopie nur ein initialer Eingriff, um die Diagnose zu bestätigen und eine Knorpelprobe zu entnehmen. Das ermöglicht in einem späteren Eingriff eine Knorpelzelltransplantation. Es gibt aber keine Anhaltspunkte, dass ein zweiter Eingriff geplant ist. Viel mehr dürfte die Entscheidung für eine etwas längere Pause mit Kopf, Herz und Kalkül getroffen werden sein. Wie schon so oft in seiner Karriere. 

Roger Federer beim Match in Africa in Kapstadt.

Roger Federer beim Match in Africa in Kapstadt.

Roger Federers Optimismus

Federer blickt einem dicht gedrängten Sommer entgegen, mit Wimbledon und den Olympischen Spielen in Tokio, seinen fünften, als Höhepunkte. Die Sandsaison spielte von Anfang an nur eine untergeordnete Rolle, Federer hätte lediglich in Roland Garros gespielt. Der Verzicht dürfte ihm insofern leichter gefallen sein als auch schon. Wimbledon und die Rasensaison sind ihm eine Herzensangelegenheit. Eine Teilnahme will er nicht durch Spiele auf Sand oder eine verfrühte Rückkehr leichtfertig aufs Spiel setzen. Als er sich im Januar 2016 den Meniskus im linken Knie gerissen und sich einer Operation hatte unterziehen müssen, pausierte er nur sechs Wochen.

Als er Mitte April kehrte er in Monte Carlo zurück, sagte «das Knie fühlt sich komisch an, als wäre es nicht mein Knie». In Rom kamen dann noch Rückenprobleme hinzu und als er sich auf Roland Garros vorbereitete, sass er mit seinem Fitnesstrainer Pierre Paganini im Hotelzimmer und sagte: «Was machen wir hier eigentlich?» Federer liess Paris aus, erreichte in Wimbledon dennoch die Halbfinals, zog aber danach die Notbremse. Er pausierte ein halbes Jahr, wanderte in den Schweizer Bergen, verbrachte Zeit mit der Familie und bereitete sich danach in Dubai auf seine Rückkehr vor. Eine Rückkehr, die zu einer seiner schönsten Geschichten wurde: dem Triumph bei den Australian Open 2017.

2017 gewann Roger Federer nach langer Pause die Australian Open.

2017 gewann Roger Federer nach langer Pause die Australian Open.

Federer versprüht in seiner Mitteilung Optimismus. Die Ärzte seien sehr optimistisch, dass er sich vollständig erhole. Das ist die gute Nachricht. Doch Federer wird sich auch die Frage stellen, wofür er sich im Alter von 38 Jahren vollständig erholen soll. Um noch einmal um Pokale und Rekorde zu spielen? Oder um später, wenn er sich aus dem Kegel des Scheinwerferlichts zurückzieht, mit seiner Familie ein beschwerdefreies Leben führen zu können? Es sind Überlegungen, die er sich schon vor vier Jahren ein erstes Mal gemacht hat, nachdem er sich in Melbourne beim Einlassen eines Bads für seine Kinder den Meniskus im linken Knie gerissen hatte. Einen kurzen Moment lang habe er damals, im Alter von 34  Jahren, daran gedacht, doch seine Frau Mirka habe ihn vom Gegenteil überzeugt. Sie wollte nicht, dass seine Karriere so endet. Und er auch nicht.

Nun stellt sich die Frage, ob sich diese Geschichte wiederholen kann. Ob er sie wiederholen will. Jüngst sagte Federer, der die Gedanken an seinen Rücktritt lange nicht zulassen wollte: «Er ist sehr real, der Rücktritt.» Seine Prioritäten haben sich in den letzten Monaten weiter verschoben. Im letzten Jahr reiste er bei den French Open erstmals ohne Familie an. In der Vorbereitung auf diese Saison machte er Kompromisse, in dem er auf den ATP-Cup verzichtete. Stattdessen wendete Federer sich anderen Interessen zu, reiste durch Lateinamerika und China. Er investierte einen «grossen Batzen» in den Schweizer Laufschuhhersteller «On», traf den Präsidenten von Namibia und sammelte Geld für seine Stiftung. Es ist kein langweiligeres Leben, das nach der Tennis-Karriere auf Roger Federer wartet. Das wird in den nächsten Tagen auch ihm durch den Kopf gehen. Speziell dann, wenn die Regeneration nicht reibungslos verläuft.  

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