Er wohnt schon lange nicht mehr hier, in der Region Basel. Hier, wo vor 20 Jahren alles begann. Die Weltkarriere eines Jungen, der von sich sagt, er habe sich erlaubt, grosse Träume zu haben. Roger Federer wollte nicht nur der Beste in Münchenstein sein. Er wollte der Beste der Welt sein. Und er war bereit, Opfer dafür zu erbringen. Mit 14 Jahren zog er in die Romandie. Er sprach kaum Französisch. Er wurde von Heimweh geplagt.

Heute sagt der Baselbieter, es seien die zwei prägendsten Jahre seines Lebens gewesen. Roger Federer ist heute mehr als die Hälfte des Jahres im Ausland unterwegs: in New York, in Tokio, in Schanghai, in Melbourne, in Dubai. Geblieben ist eine tiefe Verbundenheit zur Schweiz und ihren Werten. In Valbella holt er die Kinder von der Skischule ab. Er besucht die Fasnacht. Er fährt mit Tram und Bus in den Zoo. Oder er taucht am Mittwochnachmittag in einer Badi unter die Leute. Roger Federer aus Münchenstein, wohnhaft in Dubai und Valbella, ist ein Weltbürger, und doch Schweizer durch und durch. Hier erklärt er, was ihm Heimat bedeutet.

Das sind alle 98 Turniersiege von Roger Federer:

Roger Federer, was bedeutet Heimat für Sie persönlich?

Roger Federer: Die Schweiz. Zurück sein. Ankommen. Mit dem Auto unterwegs sein. Heimat ist für mich in erster Linie dort, wo meine Familie ist und dort, wo meine Erinnerungen sind. Ob das jetzt Basel, Ecublens, Biel oder in den letzten Jahren Valbella in den Bündner Bergen ist. Dort habe ich das Gefühl: Jetzt bin ich zu Hause. Und danach sehne ich mich manchmal auch.

Was verbinden Sie mit der Schweiz?

Die frische Luft hier! (lacht herzhaft) Ich war jetzt fast drei Monate unterwegs: In Schanghai, Tokio, Chicago und New York. Nur zwischendurch war ich ein paar Tage in der Schweiz. Hier kannst du einfach das Fenster öffnen und wenn du draussen bist, tief durchatmen, das ist ein herrliches Gefühl. Es sind diese kleinen Dinge, die unser Land so speziell machen.

Wenn man Bilder von Ihnen aus China, Australien oder den USA sieht, hat man den Eindruck, Sie seien überall ein wenig zu Hause. Stimmt das?

Ja, das stimmt. Aber es ist nicht wie in der Schweiz, das kann es ja auch nicht sein. Ich habe ja dort nicht gelebt. Und was ich dort erlebe, ich will nicht sagen, es sei eine Fantasiewelt, aber ich komme da hin als Tennis-Superstar. Ich bewege mich dann auch ein wenig wie in einer Blase. Dann versuche ich, einfach das zu machen, was ich am besten kann: Meinen Sport ausüben. Das Drumherum gehört einfach dazu.

Also mehr Arbeit als Vergnügen?

Nein, ich kann es schon geniessen und bin auch gerne als Tourist unterwegs. Die Kultur, das Essen, die Architektur – das interessiert mich sehr, keine Frage. Aber es ist natürlich nicht das Gleiche: zu Hause bin ich nicht Tennisspieler. Dort bin ich Mensch, normal. Hauptsache normal, Hauptsache ruhig. Nicht gerade gemächlich, ich bin ja schliesslich auch Vater von vier Kindern. Aber ich lasse dann schon gerne einmal die Seele baumeln. Treffe Freunde und Familie, mache Dinge, die ich als Mensch vermisse, wenn ich unterwegs bin.

Mussten Sie in diese Rolle reinwachsen? Finden Sie es nie befremdlich, wie überschwänglich man in anderen Ländern auf Sie reagiert hat?

Eigentlich nicht. Ich war immer der Typ, der sich extrem darüber gefreut hat. Als ich zum ersten Mal nach Miami gehen konnte, habe ich mir gedacht: «Wow, das ist ja Wahnsinn hier unten am South Beach.» Oder du bist in New York, läufst die Fifth Avenue runter oder stehst auf dem Times Square. Da denke ich mir: «Wow, sorry, aber das ist ja so cool, dass ich das erleben darf.» Ich habe das immer eher so gesehen. Ich war aber auch immer froh, wenn ich wieder nach Hause kommen konnte.

Sie denken sich also nie: Jetzt wäre ich lieber zu Hause?

Es ist schon so: Wenn du viel reist, hast du das Bedürfnis nach Normalität und Heimat. Darum bin ich froh, habe ich schon früh erkannt, dass ich in der Schweiz bleiben möchte, damit meine Kinder hier aufwachsen können, weil ich immer das Gefühl hatte, dass die Schweiz ein unglaubliches Land ist. Es gibt mir alles, was ich mir wünschen könnte: Sicherheit, Schönheit, nette Menschen, wunderbare Seen und Berge, Flüsse, Wälder. Die Strassen: Dieses Land funktioniert, es ist im Herzen von Europa, du kommst überall schnell hin. Darum freue ich mich extrem darauf, wenn ich längere Zeit hier sein kann.

Vermissen Sie es, dass das derzeit nur selten der Fall ist?

Ich habe immer beide Seiten gesehen: Ich geniesse das Weggehen, aber auch das Heimkommen, wenn ich lange unterwegs war. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie froh ich jetzt bin, hier zu sein. Ich freue mich riesig. Darum habe ich mir und meinem Umfeld auch gesagt: Diese Woche ist mir heilig und eminent wichtig. Denn danach geht es wieder Schlag auf Schlag weiter: London, Dubai, Ferien, Training, Australien. Ich freue mich ja auch, weil: «I love it.» Aber dann denke ich mir auch «heieiei, dann ist schon wieder Februar». Umso wichtiger ist es, dass ich diese Woche auch geniessen kann. Darum will ich es jetzt einfach so normal wie möglich.

Wie sieht so ein «normaler Tag» aus, wenn er in der Schweiz ist?

Es ist kein Tag wie der andere, das ist klar. Wir sind spontan und tun, was andere Familien auch tun. In der Schweiz ist das zum Glück einfach. Am Freitag zum Beispiel war ich mit meinen Kindern «füürle und brötle» im Wald und am Tag zuvor im Park. Oder wir gehen auf den Spielplatz. Mir ist es wichtig, dass wir viel draussen und in der Natur sind und auch ein wenig die Ruhe geniessen.

Schnappschüsse von Wanderungen im Alpstein: Roger Federer auf dem Weg zum Berggasthaus Aescher (unten) und am Ufer des Seealpsees.

Schnappschüsse von Wanderungen im Alpstein: Roger Federer auf dem Weg zum Berggasthaus Aescher (unten) und am Ufer des Seealpsees.

Wie reagieren die Menschen, wenn sie Roger Federer im Wald an einer Feuerstelle beim Bräteln eines «Glöpfers» treffen?

Das Schöne hier in der Schweiz ist, dass selten grosse Gruppen unterwegs sind. Diesmal kam es zu einer lustigen Situation. Es kam ein Herr vorbei, der einen Witz machte. «Nicht bräteln!», sagte er. «Sie dürfen hier kein Feuer machen!» Und ich so: «Ohne Witz jetzt?» Ich wusste, dass es im Sommer ein Feuerverbot gab, aber ich wusste nicht, dass es momentan auch dort gilt, wo wir an diesem Tag waren. Da sagte er: «Oh, sorry, ich wollte einen Witz machen. Ich dachte, Sie seien jemand anderes.» Eine witzige Begegnung.

Und was passiert, wenn Sie einmal Gipfeli beim Bäcker holen?

Die meisten Menschen schauen kurz, grüssen vielleicht nett, reagieren aber sonst nicht gross. Andere kommen auf mich zu und sagen: «Ah, das kann ja gar nicht sein, dass Sie das sind. Es freut mich mega, Sie einmal in echt zu sehen.» Ich habe das Gefühl, dass sich die Leute freuen, wenn sie mich sehen. Das Schöne in der Schweiz ist diese Höflichkeit, diese Zurückhaltung. Und wenn es jemanden nicht interessiert, dann lässt man diese Person einfach in Ruhe. Weil: Man will ja nicht aufdringlich sein, das ist ja das Letzte, das man hier sein will. Manchmal wünscht man sich, es wäre etwas mehr so. Aber ich denke, das ist es auch, was die Schweiz ausmacht, und so wünscht man es sich ja auch. Anderswo wäre es vielleicht ein wenig euphorischer, und das wäre wahrscheinlich in Ordnung.

Hatten Sie auch schon unangenehme Begegnungen?

Nein, wirklich noch nie. Generell habe ich in meinem Leben bis jetzt sehr, sehr, sehr, sehr wenig oder praktisch gar nichts Negatives erlebt. Darum bin ich gottenfroh und so glücklich hier. Darum: Ein grosses Dankeschön an alle Menschen, dank denen es uns hier so gut geht. Was es aber sicher gibt, sind komische Momente. Denn: Ich weiss, dass praktisch jeder mich kennt. Die Menschen schauen mich dann an, als würden wir uns schon seit Ewigkeiten kennen, weil sie zum Beispiel meine Spiele im Fernsehen verfolgen. Aber das ist niemals negativ gemeint.

Pflegen Sie Rituale während der Swiss Indoors in Basel?

Nicht im klassischen Sinne. Ich treffe möglichst viele Freunde und verbringe Zeit mit meiner Familie. Am Freitag war ich zum Beispiel bei meinen Eltern zum Essen eingeladen, meine Mutter hat gekocht. Ich habe meine Schwester Diana und ihre Familie gesehen. Aber es hängt natürlich auch davon ab, wie ich mich fühle und wie ich spiele.

Ihre Heimat, das Baselbiet, und Ihr Elternhaus haben Sie mit 14 Jahren in Richtung Romandie verlassen. Wie war das für Sie?

Sehr hart, vor allem wegen der Sprache. Ich hatte unglaubliches Heimweh. Dazu kam das dauernde Hin und Her mit dem Zug. Aber ich hatte riesiges Glück, weil ich zu einer super Pflegefamilie kam, zu der ich auch heute noch Kontakt habe. Sie hatten einen Sohn in meinem Alter, der unterdessen auch Kinder hat. Für mich ist er ein bisschen wie ein Bruder. Und die zwei Jahre dort waren für mich die zwei prägendsten Jahre meines Lebens. Ich musste mich durchbeissen und Willen zeigen. Es war mein Entscheid, es war nicht so, dass meine Eltern gesagt haben: «So, jetzt gehst du nach Ecublens.» Sie kamen auch praktisch nie vorbei, um nach dem Rechten zu schauen. Sie haben nur ab und zu mit den Coaches geredet, um nachzufragen, ob alles in Ordnung ist, weil sie gehört hatten, dass ich manchmal zu beissen hatte.

Die Ski-WM 2017 in St. Moritz besuchte Roger Federer spontan mit Familie und Freunden.

Die Ski-WM 2017 in St. Moritz besuchte Roger Federer spontan mit Familie und Freunden.

Sie hatten Heimweh, konnten die Sprache kaum, waren weg von der Familie, erst 14 Jahre alt. Wie haben Sie es geschafft, durchzubeissen?

Ich glaube, es gibt kein Rezept. Man muss einfach auf die Zähne beissen, bis es besser wird. Irgendwann hörst du einfach auf, zu heulen. Es wird ja nicht besser, wenn du heulst. Irgendwann sagte ich mir: «Reiss dich zusammen, jetzt wach mal auf. So schlecht ist es gar nicht.» Oder du telefonierst und das Mami beruhigt dich wieder. Ich glaube, was mir auch sehr geholfen hat, ist, dass meine Resultate besser geworden sind. Ich spielte auch erste Turniere im Ausland, und als ich die ersten sechs Monate überstanden hatte, fühlte ich mich besser. Ich lernte neue Kollegen kennen und mein Französisch wurde besser. Ich hatte auch nie Angst davor, Französisch zu reden, auch wenn ich viele Fehler machte, so wie auch heute noch. Und vielleicht bin ich in dieser Zeit einfach erwachsen geworden. Irgendwann merkte ich: Das ist jetzt mein neues Zuhause. Ich habe den harten Weg gewählt, aber ich habe es niemals bereut. Später bin ich dann nach Biel gezogen, wo ich mir mit Yves Allégro, Michi Lammer und Sven Swinnen eine Wohnung geteilt habe. In diesen Jahren habe ich Unglaubliches erleben dürfen und bin auch in der Schweiz herumgekommen. Darum fühle ich mich auch überall ein bisschen zu Hause.

Und für Ihre Kinder?

Das Leben auf der Tour gefällt ihnen, das ist das Wichtigste. Ihr Rückzugsort ist die Lenzerheide, das ist ihr Daheim. Auch mein Lebensmittelpunkt hat sich dadurch dorthin verschoben. Ich fühle mich dort zu Hause, wo die Familie ist. Das steht für mich an erster Stelle: Dass es für die Familie stimmt.

Als Sie länger pausierten, wanderten Sie im Alpstein, gingen in den Zoo, machten Ausflüge. Haben Sie Ihre Heimat dabei neu entdeckt?

Ja und Nein. Wir waren schon als Kinder oft wandern, insofern war das nichts Neues für mich. Ich wusste schon, in was für einem unglaublichen Land wir leben. Für mich ist die Schweiz das schönste Land. Du fährst eine Viertelstunde und du bist an einem wunderschönen Ort. Und wenn du dann auf einem Berg stehst und aufs Tal schaust, denkst du dir: «Wow, wir leben hier wie in einer Postkarte.» Als klar war, dass ich mehr Zeit habe, sagte ich mir: Okay, jetzt gehen wir in den Nationalpark im Bündnerland. Da sagt man sich sonst immer: Da gehe ich mal hin. Und am Ende machst du es doch nicht. Es gibt aber immer noch sehr vieles, das auf meiner Liste steht, das ich noch sehen will. Es ist schon so: Wenn man so viel unterwegs ist wie ich, lernt man das Land noch mehr schätzen. Und darum freue ich mich auch sehr auf die Zeit, in der ich wieder länger in der Schweiz sein kann.

In Valbella in den Bündner Bergen fühlt er sich heute am meisten zu Hause.

In Valbella in den Bündner Bergen fühlt er sich heute am meisten zu Hause.

Sie haben 1998 erstmals in Basel im Hauptfeld gespielt. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Das war gegen Andre Agassi, das war schon eine unglaubliche Geschichte für mich. Ich war ja fast noch ein Kind. Ich verlor klar. Fast noch prägender sind aber die Erinnerungen an das Jahr davor, als ich in der Qualifikation gespielt habe. Mit 16 lief ich da raus und habe mir gedacht: Hm, ist das der Anfang meiner Karriere? Da war eine riesige Vorfreude und Nervosität.

Ist das Gefühl heute ein anderes?

Total anders als das erste Mal. Das kann man gar nicht vergleichen. Heute weiss ich ganz genau, was mich erwartet. Aber ich werde immer noch nervös. Es kann sein, dass ich vor einem Spiel sehr angespannt bin, dass der Puls hochgeht und ich mich unsicher fühle. Das kommt noch immer vor. Das ist zwar stressiger, aber es ist auch schön. Dieses Kribbeln zeigt mir, wie viel mir das Tennis noch bedeutet.

Sie hatten im Sommer Probleme mit dem Handgelenk. Können Sie mehr dazu sagen?

Mit dem Handgelenk, mit dem Finger. Ich kann es gar nicht so genau sagen. Ich habe in Stuttgart nach einem Schlag im Training einen Schmerz gespürt. Das strahlte bis in den ganz Arm aus und hat mich den ganzen Sommer hindurch begleitet: In Stuttgart, Halle, Wimbledon und bis zu den US Open. Beim Handgelenk ist es einfach so, dass es viel Zeit braucht, bis es ausgeheilt ist. Ob das meine Resultate beeinträchtigt hat, weiss ich nicht. Es hat mir aber sicher ein ungutes Gefühl gegeben. Wichtig ist, dass jetzt wieder alles in Ordnung ist.