Dieses Mal hatte das Timing nicht ganz hingehauen. Eigentlich ist Boris Becker inzwischen zu einem sehr akribischen Planer geworden, was das Training und die täglichen Abläufe seines Schützlings Novak Djokovic angeht. Doch gegen Naturgewalten ist eben auch der jüngste Wimbledon-Champion aller Zeiten machtlos. So musste Becker das Training mit dem Serben am Mittwochabend spontan verkürzen, als die angekündigten, heftigen Gewitterstürme über dem Melbourne Park hereinbrachen.

Doch Djokovic hatte nach seinem Marathonsieg über Gilles Simon tags darauf gar nicht trainiert und danach trotzdem den Japaner Kei Nishikori im Viertelfinale vom Platz gefegt. Also gab es keinen Grund zur Unruhe für Becker und der 48 Jahre alte Deutsche hatte zumindest Gelegenheit, um im kleinen Pressekreis über den bevorstehenden Halbfinal zwischen Djokovic und Roger Federer zu sinnieren. Becker hatte jüngst bei den US Open noch ein paar Giftpfeile in Richtung des Schweizers verschickt, aber nun lobte er Federer in höchsten Tönen.

«Ich glaube, dass Federer heute besser spielt als noch vor zwei, drei Jahren», begann Becker seine Lobhudelei, «das ist eigentlich ein Phänomen, mit 34 Jahren so eine Leistung zu bringen. Und Novak hat noch nie besser gespielt als in den letzten 18 Monaten. Jetzt trifft er auf einen Federer, der sagenhaftes Tennis spielt.»

Beckers Kehrtwende

In New York hatte Becker da noch ganz anders geklungen. Da gab er sich grosse Mühe, der Welt mitzuteilen, Federer sei ja gar nicht immer der nette Kerl, für den ihn alle hielten. Und dass er es leid sei, dass sich niemand traue, den 17-maligen Grand-Slam-Champion auch mal zu kritisieren. Zum Beispiel für dessen SABR, denn richtig unsportlich sei diese Halbvolley-Attacke auf den Aufschläger. Und er, Becker, hätte zu seiner Zeit einen Federer, der sich das erlaubt hätte, einfach mit dem Service abgeschossen. Punkt.

Dass Becker so vehement versucht hatte, Federers enorme Sympathiewerte anzukratzen, lag daran, dass jene seines Schützlings weit niedriger sind. Djokovic polarisiert, egal, welche Rekorde er einfährt oder wie sehr er Federer angreift. Das hat Becker offenbar mittlerweile verstanden. Und mehr noch – er hat gemerkt, dass die beiden sich als Super-Rivalen fantastisch vermarkten lassen. So fiebert auch ganz Melbourne einmal mehr einem grossen Duell entgegen, wenn es auch bereits im Halbfinal geschieht.

«Bei den beiden ist doch nichts normal»

«Da sind zwei aussergewöhnliche Spieler und das ist das Spiel, das alle Tennisfans auf der Welt sehen wollen», sagte Becker, «deshalb ist Tennis so populär. Einen besseren Match gibt es derzeit nicht.» Damit liegt der dreimalige Wimbledon-Champion sicher richtig, denn Djokovic und Federer haben sich in ihrer Rivalität inzwischen auf den Höhepunkt hochgeschaukelt.

«Die beiden letzten Grand-Slam-Endspiele waren das Beste, was beide spielen können», betonte Becker. Und beide Partien, Wimbledon und New York, gingen an Djokovic. Ob das im Normalfall am Donnerstag in der Nightsession auch so laufen werde? «Bei den beiden ist doch nichts normal», fügte Becker an und würdigte die Ausnahmestellung der Weltnummer eins und drei: «Die Rivalität zwischen Novak und Roger – und Rafael Nadal muss man dazunehmen – ist einmalig im Welttennis. Das hat es in keiner Generation vorher gegeben, dass zwei Profis 45 Mal gegeneinander spielen.»

Becker mag das bedauern, stammt er doch aus einer ganz anderen Tenniszeit. Damals gab es noch eine Weltrangliste, die Spieler quasi bestrafte, die viele Turniere spielten. Denn diese Anzahl fungierte als Punkteteiler. Becker aber war jung und wollte viel spielen, und so wurde er kurioserweise erst nach seinem fünften Grand-Slam-Titel die Nummer eins. Den gewann er vor genau 25 Jahren in Melbourne, und auch seine zweite Trophäe aus Down Under jährt sich gerade zum 20. Mal. Es war Beckers letzter Major-Titel 1996.

Tradition der grossen Duelle

«Damals war man als Spieler mit 28 Jahren alt», erinnerte er sich, «daher war es ein absoluter Höhepunkt und eine grosse Befriedi gung, da noch einmal alles richtig gemacht zu haben.» Sein Schützling Djokovic ist jetzt 28 Jahre alt und in der Form seines Lebens. Die Zeiten haben sich geändert, das Tennis hat sich gewandelt. Aber der Reiz an den Kontrasten ist geblieben. Der Charaktere, der Systeme.

Final ATP Finals Federer - Djokovic

Die letzte Begegnung zwischen Federer und Djokovic: Den Final an den ATP-World-Tour-Finals gewann der Serbe klar mit 6:3 und 6:4.

Borg gegen McEnroe. Becker gegen Agassi. Federer gegen Djokovic. Der beste Baseliner gegen den besten Offensivspieler, «das macht das Ganze so spannend», sagt Becker. Nun wartet also das Spiel aller Spiele, die ultimative Herausforderung für die beiden Ausnahme-Akteure. Und nicht nur Becker wird hoffen, dass sie ihren Zenit noch lange nicht erreicht haben.