Wimbledon

Roger Federer ist der Albtraum des Wimbledon-Rasenhüters

Roger Federer. Der Schweizer Tennisstar hat sich noch nie über den Zustand des Rasens beklagt.

Roger Federer. Der Schweizer Tennisstar hat sich noch nie über den Zustand des Rasens beklagt.

Neil Stubley ist in Wimbledon Herr über die Rasenplätze. Seine Arbeit beschert ihm regelmässig schlaflose Nächte.

Er schläft nur zwei Stunden pro Nacht, und wenn er doch einmal ein Auge zumacht, wird er von Albträumen geplagt. «Eine Putzfrau könnte eine Abkürzung über den Platz nehmen und Chemikalien ausschütten, oder ein Fuchs könnte aus dem Park über die Strasse auf die Anlage schleichen und mitten auf dem Centre Court seine Notdurft verrichten. Das hätte dann totes Gras und einen braunen Fleck zur Folge», sagt Neil Stubley. Es sei zwar noch nie passiert und es werde vielleicht auch nie passieren, «aber ich mache mir trotzdem dauernd Sorgen und denke 15 Horror-Szenarien durch». Auch Roger Federer spielte schon eine Hauptrolle in einem seiner Albträume. «Er rümpfte die Nase, als er den Centre Court betrat.»

Geschehen ist das noch nie. Viel zu gewissenhaft, viel zu systematisch, viel zu akribisch arbeitet der 47-jährige Stubley, der «Head Groundsman» und damit Herr über jeden einzelnen Grashalm, der auf den 18 Turnier- und 22 Trainingsplätzen in Wimbledon wächst. Pro Turnier müssen schliesslich 654 Spiele über die Bühne gehen. Das geht nur mit einem hochmodernen Maschinenpark, bestehend aus 19 Rasenmähern und 7 Walzen. Während des ganzen Jahres arbeiten 16 Gärtner vollamtlich mit Stubley, während des Turniers sind es gar deren 30. Ihnen stellt sich jedes Jahr die Herausforderung, die besten Rasenplätze der Welt herzurichten. Und das bei zum Teil widrigen Witterungsbedingungen.

Stubleys Arbeitstag beginnt um 5.30 Uhr. Dann werden die Grashalme frisch auf die acht Millimeter Länge getrimmt, die Plätze gewalzt und individuell bewässert und die Linien neu gezogen. Zweieinhalb Stunden nimmt das Prozedere in Anspruch. Doch, und darauf legt der Herr der Halme wert, das Gros der Arbeit geschieht in den Monaten vor den Championships. «Bis zu vier Wochen vor dem Turnier können wir alle Probleme bewältigen, nachher wird es schwieriger.» Dann geht es nur noch um Schadensbegrenzung. Stubley sagt das natürlich nicht so. Einem Fachmagazin erzählte er aber: «Wir bereiten die Plätze vor, bringen sie in Top-Zustand, dann kommen die Spieler und trampeln auf ihnen herum.»

Mit modernster Technik

Um die bestmöglichen Voraussetzungen zu schaffen, greifen die Gärtner auf modernste Technik zurück. Regelmässig werden die Dichte, Härte und Feuchtigkeit mit speziellen in den Untergrund eingeführten Detektoren analysiert. Stimmen die Werte nicht, muss etwas geändert werden. Ist der Boden zu trocken, schlagen die Bälle allzu schnell ab, ist er zu feucht, wird das Spiel zäh, und die Spieler rutschen aus. Beginnt es zu regnen, dauert es nicht länger als 28 Sekunden, bis der Platz abgedeckt ist. «Wir trainieren das in den Wochen vor dem Turnier immer und immer wieder. Die Geschwindigkeit ist essenziell. Wir müssen es so schnell wie nur irgendwie menschlich möglich schaffen», sagt Stubley.

So leidet der Rasen während des Turniers:

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Er ist überzeugt, dass in Wimbledon die 40 besten Rasenplätze der Welt wachsen. «Aber wir dürfen uns nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen.» Seit 2001 wird eine Mischung aus drei Sorten Weidelgras angepflanzt – je 33 Prozent mit den Bezeichnungen Pontiac und Melbourne und 34 Prozent Venedig. Zuvor wurden von einem Institut für Rasenforschung in Yorkshire im Norden Englands 100 Rasensorten getestet. Mit dem Rasen, den Durchschnittsbürger in ihrem Garten haben, hat das nichts gemeinsam. «Er wird so stark gewalzt, dass er fast so hart ist wie Beton», sagt Heinz Günthardt, der 1985 das Doppel gewann. «Damals war der Boden weicher, so rutschten die Bälle tiefer durch.»

«Er wird so stark gewalzt, dass er fast so hart ist wie Beton.»

Heinz Günthardt:

«Er wird so stark gewalzt, dass er fast so hart ist wie Beton.»

Eine Tellerwäscher-Karriere

Seit 2012 orchestriert Stubley das tägliche Rasen-Stakkato, als erst achter Head ouf Groundsman seit 1877. «In meiner Welt ist es der absolute Gipfel.» Zu den Rasenpflegern stösst er 1995 durch einen Studentenjob. Zuvor arbeitet er als Koch, absolviert dann eine dreijährige Ausbildung im Gartenbau. Unter dem langjährigen «Head of Groundsman», Eddie Seaward, lernt er das Handwerk von der Pike auf. «Ich hatte in dem Moment das Gefühl, den Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär geschafft zu haben.» Als Tennis-Fan bezeichnet sich Stubley indes nicht. «Wenn du über Jahre so viel Tennis siehst, gewöhnst du dich daran. Es ist für mich völlig normal geworden, Federer und Nadal hier spielen zu sehen.»

Was für die meisten Menschen ein grosses Highlight ist, ist für Neil Stubley völlig normal: Roger Federer spielen zu sehen.

Was für die meisten Menschen ein grosses Highlight ist, ist für Neil Stubley völlig normal: Roger Federer spielen zu sehen.

Obwohl er ihm schlaflose Nächte und Albträume bereitet, findet Stubley für Federer nur lobende Worte. «Meiner Meinung nach ist er der anmutigste und beste Tennisspieler, den ich hier bisher bei uns auf der Anlage gesehen habe. Er spielt in perfekter Balance, und seine Beinarbeit ist wie geschaffen für das Spiel auf Rasen.» Er gibt aber auch zu bedenken, dass sich das Spiel in den letzten Jahren stark verändert habe. «Djokovic spielt auch auf Rasen, als wäre es ein Sandplatz.» Während er seine Arbeit selbstkritisch betrachtet, verteidigt er seinen Rasen durch alle Böden. «Wenn man die Spieler, die ins Stolpern geraten, einmal genauer beobachtet, erkennt man, dass es eher an deren schlechter Beinarbeit liegt.»

Spieler dürfen mitreden

Bei seiner Arbeit verlässt sich Stubley nicht nur auf Daten. «Wir machen die Plätze für die Spieler, darum fragen wir sie auch nach ihrer Meinung.» Ihn interessiert dabei weniger, wie schnell oder langsam die Unterlage ist. Oberste Prämisse ist, dass die 23,77 Meter langen und 10,97 Meter breiten Rechtecke, unterteilt durch Linien und überspannt mit einem Netz, alle im gleichen Zustand sind. «Wenn sie in 50 Jahren wieder hierherkommen, kann ich ihnen drei Dinge garantieren: das Logo wird immer noch dasselbe sein, die Spieler werden immer noch Weiss tragen. Und das Gras ist immer noch grün.» Es sei denn, der Albtraum wird doch einmal wahr – und ein Fuchs pinkelt auf den berühmtesten Rasen der Welt.

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