US Open
Roger Federer, der Verweigerer

Obwohl er weit von seiner Bestform entfernt ist, übt sich Roger Federer weiter in Optimismus – mit gutem Grund.

Simon Häring
Drucken
Teilen
Roger Federer übersteht bei den US Open zwei Fünfsätzer.

Roger Federer übersteht bei den US Open zwei Fünfsätzer.

KEYSTONE

Es sind die kleinen Gesten, die erahnen lassen, dass Roger Federer (36) derzeit viel mehr mit sich selber als mit seinen Gegnern beschäftigt ist. Als er mit einem 6:1, 6:7, 4:6, 6:4, 6:2 gegen den Russen Michail Juschni (35, ATP 101) auch die zweite Runde der US Open nur mit Mühe überstanden hatte, gab er dem Schweizer Fernsehen im Bauch des Arthur-Ashe-Stadions eine erste Einschätzung. Während er über Return, Aufschlag und Rückhand sprach, perlte der Schweiss von seiner Stirn. Dann stellte er erst die Tasche mit den Handtüchern auf den Boden, die er über der linken Schulter getragen hatte. Wenig später auch die Tasche, die er über der rechten Schulter getragen hatte. Immer wieder stützte er sich mit der linken Hand an der Betonwand ab.

Was in einem Kurs für Benimmregeln wohl zu einer Verwarnung führen würde, sorgt im Fall von Federer für Fragen nach der Gesundheit, wie auch die Auftritte gegen Tiafoe und nun diesen Michail Juschni, den er in den 16 vorherigen Duellen immer geschlagen hatte. Es ist das erste Mal überhaupt, dass Federer in den ersten beiden Runden eines Grand-Slam-Turniers jeweils über fünf Sätze gehen muss. Und obwohl er weit von seiner Bestform entfernt zu sein scheint, weigert er sich, seine Erwartungen nach unten zu schrauben.

«Für mich ein enormer Schritt»

Fragen nach seinem Rücken, der ihn im Montreal-Final stark behindert und danach zum Verzicht auf Cincinnati gezwungen hatte, begegnet er mit jenem grenzenlosen Optimismus, der ihn seit je auszeichnet. «Ich habe praktisch nicht daran gedacht. Die Probleme sind eigentlich weg. Das ist für mich ein enormer Schritt nach vorne», sagte er. Und dennoch lies sein zweiter Auftritt in New York viele Fragen offen.

Roger Federer wankte schon zweimal, steht aber noch

Roger Federer wankte schon zweimal, steht aber noch

KEYSTONE/FR170905 AP/ANDRES KUDACKI

Nach 14 Minuten führte Roger Federer bereits mit 5:0. Nach einer Stunde servierte er zum Gewinn des zweiten Satzes, als er unvermittelt völlig aus dem Konzept geriet. Zwar konnte sich Federer nach zwei schwachen Sätzen gegen Ende des Spiels wieder deutlich steigern und geriet nie ernsthaft in Gefahr, tatsächlich zu verlieren. Dass er sich durchsetzte, war aber auch dem Umstand geschuldet, dass sein Gegner deutlich abbaute und ab Spielmitte mit Schmerzen zu kämpfen hatte.

Phasenweise wirkte Federer gegen den Russen nur wie ein Schatten seiner selbst. Unkonzentriert, ungenau, zum Teil fast schon apathisch. Doch es gebe gute Erklärungen. «Es ist völlig logisch, dass mir der Rhythmus fehlt nach dieser Vorbereitung, in der ich beinahe keine Returns hatte spielen können.» Das führe auch dazu, dass er im Match anfälliger auf Schwankungen sei. Bisher sei eben noch nicht eingetroffen, was er sich erhofft habe: nämlich die ersten Matches als Kompensation für die missglückte Vorbereitung zu nutzen.

Ungebrochene Zuversicht

Dass er nun zwei Mal fünf Sätze habe bestreiten müssen, sei nicht gut, er habe dadurch viel Energie verloren, «aber gut ist, dass ich immer noch im Turnier bin. Gegen Juschni gewann ich, weil ich fitter war. Das ist immer ein sehr gutes Gefühl», sagte Federer, in dessen Gesicht sich pure Erleichterung zeigte. In den drei Stunden zuvor hatte er selten dieselbe Zuversicht ausgestrahlt. Doch Federer bleibt ein Optimist. Nur wenige verstehen es wie er, schwierige Momente so schnell hinter sich zu lassen und den Blick gleich wieder in die Zukunft zu richten.

Roger Federer ist zuversichtlich für den Rest des US Open

Roger Federer ist zuversichtlich für den Rest des US Open

KEYSTONE/AP/JULIO CORTEZ

«Das Timing wird kommen. Ich bin zuversichtlich, dass es ab jetzt nur noch besser wird.»
Obwohl er sich mit zwei langen Matches in den Beinen in der Startwoche eines Grand-Slam-Turniers in einer für ihn ungewohnten Situation wiederfindet, will er nichts an seinen Routinen ändern. Er werde nun zwar mit einem Linkshänder trainieren, aber nicht sehr lange. «Hier geht es auch darum, sich zu erholen. Besonders jetzt. Ich liege wohl noch etwas länger auf dem Massagetisch als sonst. Jetzt muss der Physio einfach etwas mehr arbeiten. Ich hoffe, er will keinen freien Tag», sagt Federer.

Heute trifft er mit dem Spanier Feliciano Lopez (35, ATP 35) auf einen Altbekannten. Wie gegen Juschni hat Federer auch gegen den Linkshänder eine makellose Bilanz (12:0). «Ich kenne ihn gut, das wird mir natürlich helfen.» Vielleicht erinnert sich Federer auch an das Jahr 2003. Damals lag er schon vor dem Wimbledon-Achtelfinal im Rasen, weil ihm ein «stechender Schmerz» in den Rücken gefahren war. Andere hätten vielleicht aufgegeben, Federer aber weigerte sich und spielte dennoch. Er gewann die Partie und am Ende auch seinen ersten von 19 Grand-Slam-Titeln. Sein Gegner damals? Feliciano Lopez.

Aktuelle Nachrichten