Tennis

Roger Federer beherrscht die Kunst des Vergessens

Längst mit positiven Emotionen überschrieben: Roger Federer nach der US-Open-Finalniederlage 2015.Keystone

Längst mit positiven Emotionen überschrieben: Roger Federer nach der US-Open-Finalniederlage 2015.Keystone

Federer zieht sein Spiel durch, egal ob er gewinnt oder verliert. Bei einem Sieg freut er sich und bei einer Niederlage lässt er seinen Kopf nicht hängen. Weil er keine Zeit mit Dingen verschwendet, die er nicht ändern kann, steigt Federer als Favorit in die US Open.

Wer die Trophäensammlung bestaunt und das unvergleichliche Palmarès studiert, der könnte zum Schluss kommen, Roger Federer sei als Sieger geboren worden. Doch das Gegenteil ist der Fall. «Für mich war es früher ganz normal, zu verlieren, sogar oft zu verlieren», sagt er im Februar in Dubai. Besonders im Tennis, wo Sieger rar gesät sind. Zwar stehen in seiner persönlichen Vitrine 19 Duplikate von Grand-Slam-Pokalen, und hat er insgesamt 93 Titel gewonnen, doch dem stehen inzwischen auch alleine auf der Profi-Tour 248 Niederlagen gegenüber.

Roger Federer musste bereits 248 Niederlagen einstecken. keystone

Roger Federer musste bereits 248 Niederlagen einstecken. keystone

Zum Vergleich: Lionel Messi (30) hat beim FC Barcelona nur 69 Partien verloren. Für einen Athleten wie Federer, der in seinem Sport neue Massstäbe gesetzt hat und bei dem bei den US Open in diesem Jahr selbst einer Halbfinal-Niederlage fast apokalyptisches Ausmass zugeschrieben würde, bedeutet das: Positiv denken, dicke Haut zulegen, Niederlagen ausblenden.

Gerade in New York, wo er zwischen 2004 und 2008 fünf Mal in Folge gewann, seither aber nur noch 2015 im Final stand, hat der 36-Jährige einige seiner schmerzhaftesten Niederlagen einstecken müssen. Zwei Mal in Folge, 2010 und 2011, verlor er jeweils nach vergebenen Matchbällen in den Halbfinals gegen Novak Djokovic. Andere wären daran zerbrochen, Federer hingegen nicht. «Roger ist wahnsinnig gut darin, im Moment zu leben. Das ist auch eine Art Schutz. Es ist eindrücklich, wie schnell er umschalten, vorwärtsschauen und sagen kann: ‹Die Situation ist jetzt einfach so, nun holen wir das Beste aus ihr heraus›», sagt Trainer Severin Lüthi im Sommer zum «Tages-Anzeiger».

Gesunde Gleichgültigkeit

Wirkte Federer in den letzten Jahren nach Niederlagen oft zerknirscht, hat er im Umgang damit inzwischen offenbar eine gesunde Gleichgültigkeit entwickelt. Ein Wandel, den wohl die sechsmonatige Pause im letzten Jahr erst ermöglicht hat, wie TV-Experte Mats Wilander vermutet. Federer habe offenbar beschlossen, als besserer Spieler zurückzukehren oder gar nicht. Nach dem unerwarteten Erfolg bei den Australian Open, wo er im Final mit Rafael Nadal erstmals seit 2007 bei einem Major-Turnier seinen Erzrivalen wieder hat bezwingen können. Federer ziehe sein Spiel durch, egal, was der Gegner tue. Es kümmere ihn nicht mehr. Gewinne ich: super. Falls nicht: auch nicht so schlimm. Hauptsache, ich habe mein Spiel gespielt.

Roger Federer: «Hauptsache ich habe mein Spiel gespielt.»

Roger Federer: «Hauptsache ich habe mein Spiel gespielt.»

Roger Federer selber bestätigt diesen Eindruck. Erstmals seit Jahren habe er das Gefühl, nichts verlieren zu können. «Die Frische, das Unbekümmerte – ich konnte mir einreden, es sei eigentlich egal, ob ich verliere oder nicht», sagt er in Australien. Spätestens seit diesem Erfolg versprüht er wieder die Verspieltheit und Leichtigkeit, die er zuweilen verloren zu haben schien. Was ihm in Zeiten ohne Grand-Slam-Siege als Ignoranz und Sturheit ausgelegt wird, ist wohl Teil seines Erfolgsgeheimnisses: die Kunst des Vergessens, die der irische Dramatiker

Oscar Wilde als Herzstück der Lebenskunst herausdestilliert hatte.
Bezeichnend ist auch jener Satz, den er 2014 nach dem Turniersieg in Cincinnati und vor den US Open sagt: «Fast habe ich vergessen, wie es ist, Punkte zu verlieren. Es fühlt sich wieder alles so einfach an.» Es zeigt, was Federer neben Arbeitsethos und unvergleichlichem Schlagrepertoire auch auszeichnet: die Fähigkeit, Negatives auszublenden und das Gute zu speichern. «Eine positive Haltung ist wichtig», sagt er im Februar im Interview zur «Schweiz am Wochenende». Sie sei absolut elementar.

«Du darfst niemals nachgrübeln»

Wie sehr er jenen Habitus verinnerlicht hat, lässt sich auch zwischen Ballwechseln erkennen. Sein Ritual spielt sich in nur 16 Sekunden und vier Phasen ab: 1. Emotion und Reaktion, 2. Entspannung, 3. Konzentration, 4. Aktivierung. Es ist, was an der Weltspitze die Spreu vom Weizen trennt. Und das, was der schwedische Poet Lars Gustafsson so beschreibt: «Über einen Ball, der geschlagen ist, darfst du niemals nachgrübeln.

Er ist wirklich fort, ob er nun gut oder schlecht war. Es gibt niemals einen anderen Ball als den, den du gerade vor dir hast.» Wer im Tennis, wo selbst der Sieger fast die Hälfte der Ballwechsel verliert, als Sieger in Erinnerung bleiben will, muss das Vergessen beherrschen.

Aus dem nichts drei Grand-Slams?

Roger Federer hat 2017 nur drei Spiele verloren. Bei fünf der acht Turniere, die er bestritten hat, holte er den Titel. Weil mit Novak Djokovic (Ellbogen) und Stan Wawrinka (Knie) zwei ehemalige Sieger fehlen und Andy Murray Probleme mit der Hüfte hat, scheinen die Perspektiven für einen sechsten US-Open-Erfolg so gut wie lange nicht mehr. Zumal Federer in den letzten Tagen auch Bedenken wegen seines Rückens entkräften konnte.

Löst Roger Federer Rafael Nadal von der Spitze ab?

Löst Roger Federer Rafael Nadal von der Spitze ab?

Gewinnt er den Titel, löst er auch Rafael Nadal (31) an der Spitze der Weltrangliste ab. Geht es nach Drehbuch, messen sich die beiden erstmals bei den US Open. Bei allen anderen Grand-Slam-Turnieren sind Federer und Nadal schon mehrfach auch im Final aufeinandergetroffen. Anders als zuletzt vor Wimbledon wehrt sich Federer vor der Favoritenrolle. «Es wäre ein Witz, wenn ich in diesem Jahr aus dem Nichts drei Grand Slams gewinnen würde.»

Für ihn bedeuten die US Open das erste Grand-Slam-Turnier, das er auslassen musste und zu dem er nun zurückkehrt. «Ich fühle mich wie ein Junior», sagt Federer, als er in diesem Jahr erstmals die Anlage betritt. Auch darum lohnt sich das Vergessen. Das Siegen aber hat sich tief in sein Bewusstsein gebrannt. «Schon so ist es ein magisches Jahr. Also warum nicht noch ein grossartiges Turnier spielen?»

Die vier Top-Favoriten auf den Gewinn der US Open

Roger Feder

Roger Federer

Roger Federer

Sein Comeback-Jahr bezeichnet Roger Federer (36) als märchenhaft. Er geniesse es, wieder über Tennis reden zu können – und nicht über seinen Körper. Doch nach Montreal macht ihm wieder der Rücken zu schaffen. Inzwischen gab der Sieger von 2004 bis 2008 Entwarnung. Der mit 63 Titeln erfolgreichste Hartplatzspieler der Geschichte gilt auch bei den Buchmachern als Favorit in die US Open.

Rafael Nadal

Rafael Nadal

Rafael Nadal

Nach zwei Jahren übernahm Rafael Nadal (31) zum vierten Mal die Führung in der Weltrangliste. Dass er dabei auch von der Formschwäche von Djokovic und Murray sowie dem schlanken Kalender von Roger Federer profitierte, lässt den Spanier kalt. Zwar hat er die US Open 2010 und 2013 gewonnen, seither aber nie mehr die Viertelfinals erreicht. Seit 2014
ist er ohne Turniersieg auf einem Hartplatz.

Grigor Dimitrov

Grigor Dimitrov

Grigor Dimitrov

«Wenn ich ehrlich bin, hätte ich von Dimitrov mehr erwartet», sagt Roger Federer in Wimbledon. Wie ihm geht es vielen. Seit er mit Andy Murrays ExTrainer Dani Vallverdu zusammenarbeitet, zeigt die Formkurve von Grigor Dimitrov (26, ATP 9) aber steil nach oben. In Cincinnati feierte der Bulgare jüngst seinen ersten Masters-Titel. Bei den US Open erreichte er bisher zwei Mal die Achtelfinals.

Alexander Zverev

Alexander Zverev

Alexander Zverev

Mit Titeln in Washington und beim Masters-Turnier in Montreal, wo er im Final Federer besiegt, hat sich Alexander Zverev (20, ATP 6) in die Rolle des Mitfavoriten gespielt. Zudem rückt er nach den Absagen von Wawrinka und Djokovic in der Setzliste auf Rang vier vor. «Vor einem Grand-Slam-Turnier habe ich mich noch nie so gut wie jetzt gefühlt», sagt er. Bei den US Open kam er noch nie in die dritte Runde.

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