Tennis
Roger Federer beendet Marcus Willis’ Rasen-Märchen in Wimbledon

Tennis Roger Federer steht in Wimbledon in Runde 3. Für Schlagzeilen sorgte aber vor allem sein Gegner.

Petra Philippsen, Wimbledon
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Tennislehrer Marcus Willis. key

Tennislehrer Marcus Willis. key

KEYSTONE

Es kommt eigentlich nie vor, dass ein Spieler mehr Applaus bekommt als Roger Federer. In welchem Stadion der Welt, gegen welchen Gegner auch immer – der Baselbieter ist einfach der globale Publikumsliebling. Und in Wimbledon lieben sie ihn sowieso. Doch Federer wird es den Briten gestern Abend verziehen haben, als er den Centre Court betrat und sie für einen anderen förmlich ausflippten.

Denn die Geschichte von diesem Marcus Willis ist derart verrückt und dabei so herzerwärmend, dass sie gerade richtig kam, um die tief enttäuschte englische Seele nach dem peinlichen Aus bei der Fussball-EM zu trösten. Ein Verlierer, ein Nobody, der zum Helden wird – das taugt zum Wimbledon-Märchen. Als Nummer 772 der Welt trat Willis also auf den heiligen Rasen zu einem Match gegen den 17-maligen Grand-Slam-Sieger. Der 25-jährige Brite konnte selbst nicht aufhören zu strahlen. Wie war ihm das bloss passiert?

Dabei gibt Willis doch eigentlich Kindern Tennisunterricht im Warwick Boat Club, für 30 Pfund die Stunde. Mit dem Profidasein hatte es nicht wirklich funktioniert, Willis wollte schon aufhören und eine Trainerstelle in Philadelphia annehmen. «Dann aber traf ich ein Mädchen, sie sagte, ich bin ein Idiot – und ich soll doch jetzt einfach weitermachen», erzählte Willis. Die Liebe zu jener Zahnärztin Jenny Bate rettete also seine Tenniskarriere. Gut lief es aber dennoch nicht, der Grund war offensichtlich: sein Gewicht.

Elegant und akrobatisch: Roger Federer zeigte auf dem Centre Court in Wimbledon einige Zauberschläge.

Elegant und akrobatisch: Roger Federer zeigte auf dem Centre Court in Wimbledon einige Zauberschläge.

KEYSTONE/EPA/FACUNDO ARRIZABALAGA

Vor dem Match gegen Federer kursierte in den sozialen Medien ein Video, das Willis zeigt, wie er noch vor zwei Jahren beim Seitenwechsel Cola trinkt und einen Schokoriegel futtert. «Ich stand vor dem Spiegel und sah einen übergewichtigen Verlierer. Ich sagte mir: Du bist ein besserer Kerl als der, den du gerade siehst», erkannte Willis schliesslich und speckte 25 Kilo ab.

Mehr durch Zufall rutschte er nun in die Pre-Quali von Wimbledon und erkämpfte sich eine Wildcard für die Qualifikation. Die überstand Willis und gewann dann auch noch in der ersten Runde gegen Ricardas Berankis – und damit sein erstes Match überhaupt auf Tour-Level. Die Sensation war perfekt. Aber dieses ehemalige Pummelchen wollte nun gegen Federer antreten?

«Ich finde, das ist eine fantastische Geschichte für den Sport», schwärmte der Schweizer jedoch vorab. Er hatte den Lauf des Briten verfolgt und wusste genau, was ihn erwarten würde: «Das war keine Lachnummer oder ein Exhibition-Match», betonte Federer, «für mich war es sehr wichtig, dass ich mal gegen einen atypischen Spieler spiele, so musste ich die ganze Zeit extrem konzentriert bleiben.» Das gelang Federer auch, obwohl unter dem Dach des Centre Courts Willis’ Anhänger stimmlich alles gaben. Die ersten sieben Spiele in Folge gewann Federer, bis Willis sein erstes Game schaffte. Die Arena tobte und Willis liess sich feiern, als hätte er das Turnier gewonnen.

Spezielle Ratschläge

Bei jedem Punkt, den er machte, strahlte er. Es war seine Bühne, sein Moment. Und er kam immer besser in die Partie, obwohl er natürlich nie eine echte Chance hatte. Das war egal. 6:0, 6:3 und 6:4 hiess am Ende das nüchterne Ergebnis eines Abends, den er nie wieder vergessen dürfte. «Ich bin fertig», sagte Willis hinterher, «und ich habe mir jetzt ein paar Bier verdient.» Damit hätte er dann auch fast den Rat des ehemaligen Champions Goran Ivanisevic befolgt, der meinte: «Willis soll sich vor dem Match gegen Federer betrinken und danach seine Karriere beenden. Besser wird es sowieso nicht mehr für ihn.»

Für Federer dagegen war es bei seiner Formsuche ein weiterer Schritt in die richtige Richtung und dazu eine interessante Erfahrung der besonderen Art – denn Willis hatte in einem seiner Shirts gespielt. «Ich musste kurz lachen, als ich das RF-Logo auf seinem Ärmel sah», meinte Federer, «aber dann fand ich es irgendwie doch ganz cool.» (pph)