So langsam wurde es etwas peinlich. Roger Federer stand an der Grundlinie und zirkelte im Stakkato-Stil Bälle über das Netz. Er wollte eine der im Feld aufgestellten grossen Plastiktonnen treffen, doch er verfehlte sie allesamt um Längen. Welch eine Blamage für den 17-maligen Grand-Slam-Sieger. Das Gejohle auf den Rängen der Rod-Laver-Arena wurde lauter, Hunderte Kinderstimmen quiekten vergnügt an diesem Kid’s Day im Melbourne Park.

Federer weiss eben ganz genau, wie das Spiel funktioniert. Und er amüsierte sich, mehr noch, als ihm Novak Djokovic schliesslich zur Hilfe eilte. Der serbische Weltranglistenzweite schnappte sich eine Tonne und ging damit demonstrativ Federers Bällen entgegen. Nun traf der Baselbieter endlich. Das Gejohle der Fans überschlug sich und Federer grinste diebisch. Er ist zurück auf jener Bühne, auf der er sich so wohl fühlt. Und die Tennis-Tour hat endlich ihr Zugpferd wieder.

So tief gesetzt wie 2001

Sechs Monate lang hatte der 35-Jährige wegen seiner Knieverletzung gefehlt, und wie sehr der Schweizer fehlte, spiegelte sich allein schon an den rückläufigen Zuschauerzahlen wider. Die Tour-Finals in London im Winter waren zum ersten Mal längst nicht ausverkauft, nicht einmal Lokalmatador Andy Murray vermochte den Ticketverkauf zu beleben.

Als Federer zum Jahresbeginn beim Hopman-Cup erstmals wieder aufschlug, freuten sich die Veranstalter in Perth gleich über einen neuen Zuschauerrekord. Federer indes glaubt selbst nicht an den «Federer-Effekt» und betont stets: «Der Sport ist grösser als ein einzelner Name. Wenn ich mal weg bin, kommt eben ein anderer. Das Tennis geht weiter.» Das ist glattes Understatement. Denn auch in Melbourne löste Federer den nächsten Hype aus. Sein Comeback ist das dominierende Thema, dazu als Nummer 17 der Welt so tief gesetzt wie seit 2001 nicht mehr.

Doch Federer geniesst seine neue Rolle als Underdog sichtlich. «Warum auch nicht? Das ist doch mal etwas anderes», sagte Federer augenzwinkernd, «natürlich bin ich lieber der Favorit. Aber Underdog ist okay, dann zittern vielleicht mal die anderen.»

Er hatte regelrechtes Losglück gehabt mit zwei Qualifikanten in den ersten beiden Runden. Wobei nun mit dem Österreicher Jürgen Melzer ein kniffliger Auftaktgegner wartet. Sie sind gleichaltrige Weggefährten und beide seit fast 20 Jahren auf der Tour. Sie mögen sich, sind sich auf dem Platz aber erstaunlich selten begegnet: nur dreimal, zuletzt vor sechs Jahren.

Federer und Melzer trafen in der vierten Runde von Wimbledon 2010 aufeinander.

Federer und Melzer trafen in der vierten Runde von Wimbledon 2010 aufeinander.

Melzer stand mal in den Top Ten, wurde aber immer wieder von Verletzungen zurückgeworfen. So kehrt Melzer auch jetzt nach langer Zwangspause wieder zurück, kämpft als Nummer 296 noch mal verbissen um den Anschluss.

Für beide sind diese Australian Open ein Schritt ins Ungewisse. «Man weiss nicht genau, wo man steht», sagte Federer, «aber dieses Gefühl haben wohl die meisten Spieler vor der neuen Saison. Das letzte Pflichtmatch ist bei allen lange her, man muss sich erst wieder an alles gewöhnen.»

Keine hohen Ziele

Umso wichtiger war es für den Schweizer, in der Vorbereitung in Dubai und beim Hopman-Cup mit Spitzenspielern trainieren zu können. Die Tendenz konnte Federer ablesen, und die ist positiv. Er wirkt frisch, entspannt und körperlich fit. Nach einem halben Jahr ohne Tourleben ist der Appetit auf Erfolg so gross wie eh und je.

«Ich habe die Matches vermisst, den Wettkampf», sagte Federer, «ich mag einfach die grosse Bühne. Aber mir haben auch die Menschen gefehlt, denen man auf der Tour begegnet. Ich habe in den vergangenen Jahren viele Freunde gefunden, und es ist schön, alle wiederzusehen.»

Doch bei allem Ehrgeiz und aller Freude steckt sich Federer dieses Mal keine hohen Ziele. Wo sonst immer der Turniersieg anvisiert war, will er nun erst ein paar Runden abwarten, bis er sich seiner Form sicherer sein kann. Federer will nichts überstürzen, denn er sei nicht zurückgekommen, um nur ein paar Monate zu bleiben. Nach der Pause habe er noch Energie für zwei, drei weitere Jahre. Für Fans und Veranstalter sind das gute Nachrichten.