Tennis

Roger Federer als Tanzbär der Eliten – weshalb seine Lateinamerika-Reise problematisch ist

Roger Federer reiste in 7 Tagen durch fünf Länder Lateinamerikas, und damit in eine Region, die derzeit von sozialen Unruhen destabilisiert sind.

Roger Federer reiste in 7 Tagen durch fünf Länder Lateinamerikas, und damit in eine Region, die derzeit von sozialen Unruhen destabilisiert sind.

7 Tage, 5 Länder, 19'000 Flugmeilen, zehn Millionen Dollar. Roger Federers Reise nach Lateinamerika war rein geschäftlich motiviert. Und sie hat problematische Aspekte.

«Everywhere is Home», Überall zu Hause, heisst der Streifen, der Roger Federers Reise durch Lateinamerika von Ende November dokumentiert und Anfang Dezember vom US-TV-Sender «ESPN» ausgestrahlt wurde. Er ist eindrückliches Zeugnis dafür, wie populär der Tennis-Spieler überall auf der Welt ist. Immer lauscht ein Mikrofon mit, immer ist eine Kamera dabei. Alles wird gezeigt. Wie Federer in Bogotá Salsa tanzt. Wie er mit Kindern Tennis spielt. Wie er in Argentinien eine 107-jährige Anhängerin trifft, die in Deutschland zur Welt kam. Wie Federer dem Publikum in Buenos Aires schmeichelt, als er sagt, er habe schon in vielen Ländern gespielt, aber nirgendwo sei es wie in Argentinien. Der Streifen zeigt auch, wie Federer nach der Absage des Schaukampfs in Kolumbien in Tränen ausbricht und von seinem Begleiter, Alexander Zverev, getröstet wird.

Am vierten Tag seiner Reise, die ihn in sieben Tagen von Buenos Aires über Santiago de Chile, Bogotá und Mexiko Stadt nach Quito führt, machen Federer soziale Unruhen in Kolumbien einen Strich durch die Rechnung. Kolumbiens Präsident Ivan Duque verhängt eine Ausgangssperre. Die Konsequenz: Das Spiel wird abgesagt. «Ich fühlte mich dabei nicht wohl. Die Menschen müssen sicher wieder nach Hause kommen. Da wusste ich: Wir sollten nicht spielen», sagt Federer. Es fliessen Tränen. Sie sind nicht gespielt, wie ihm mancherorts unterstellt wird. Denn Federer kann das Versprechen nicht einlösen, das er zuvor abgegeben hatte. Er wollte Lateinamerika in dunklen Zeiten etwas Licht schenken und Freude bereiten, «und es gleichzeitig auch selbst geniessen», wie er sagte. Er bereise Südamerika nicht in politischer Mission, hielt er im Vorfeld fest.

Roger Federer trifft 107-jährige Anhängerin

Roger Federer trifft 107-jährige Anhängerin

Damoklesschwert Armut über dem Mittelstand

Südamerika ist der Kontinent der sozialen Ungleichheit. Die Eliten leben in verbarrikadierten Enklaven des Luxus, mit Privatschulen und exzellenter medizinischer Versorgung, mit Chauffeuren, mit Leibwächtern und Haushaltshilfen. Wie weit sich Südamerikas Reiche von der Alltagsrealität entfernt haben, zeigt ein Satz des chilenischen Staatspräsidenten Sebastián Piñera, selber Unternehmer und Multimillionär. Sein Land sei eine «Oase der Stabilität», behauptete er. Wenige Tage später brachen im Land, das bisher als Musterschüler des Kontinents galt, schwere soziale Unruhen aus. Seit Wochen demonstriert die Bevölkerung gegen den neoliberalen Kurs der Regierung. Es geht um einen besseren Zugang zum Gesundheitssystem und Bildung. Fast täglich gehen Hunderttausende auf die Strasse. Über 20 Menschen wurden getötet, Hunderte verletzt.

Viele Gesellschaften der Region bestehen noch immer aus einer kleinen, sehr reichen Oberschicht, einer dünnen Mittelklasse und einer grossen, in ärmlichen Verhältnissen lebenden Unterschicht. Entstanden ist der Protest aber nicht etwa in der Unterschicht, sondern in der Mittelschicht, die sich wesentlich von jener in westlichen Ländern unterscheidet. Das mittlere Einkommen (50 Prozent der Einkommensbezieher liegen über bzw. unter ihm) macht nur etwa die Hälfte des nationalen Durchschnitts aus, in Brasilien sogar nur ein Drittel, während etwa in den USA das Median-Einkommen 90 Prozent des Durchschnittseinkommens beträgt. Die Folge: Grosse Teile der Mittelschicht fallen in die Armut, wenn sich die wirtschaftlichen Bedingungen verschlechtern, wie es seit 2011 der Fall ist. Über dem Mittelstand schwebt ständig das Damoklesschwert Armut.

Gala-Dinner mit Federer für 1500 Dollar

Roger Federers Reise nach Lateinamerika war rein geschäftlich motiviert. Sie brachte ihm in 7 Tagen kolportierte 10 Millionen Dollar ein. So nahm er in Buenos Aires an einem Gala-Dinner teil, das satte 1500 Dollar pro Person kostete. Anders als 2012, als er mit Cristina Fernández de Kirchner die damalige Präsidentin Argentiniens traf, vermied Federer diesmal den Kontakt mit Amtsträgern. Er steht damit auch nicht im unmittelbaren Verdacht, sich für politische Zwecke instrumentalisieren zu lassen. Gleichwohl ist gerade die Haltung, den Menschen eine Freude bereiten zu wollen, problematisch und naiv. In Kolumbien beträgt der gesetzliche Mindestlohn rund 240 Franken, in Chile wurde er jüngst auf 470 Franken angehoben. Nicht viel höher liegt das mittlere Einkommen: knapp 1000 Franken in Chile, und nur gerade 437 Franken in Kolumbien.

42'157 Zuschauer wohnen Roger Federers Schaukampf gegen Alexander Zverev in der « Plaza de Toros », der Stierkampfarena von Mexiko-City, bei. Weltrekord.

42'157 Zuschauer wohnen Roger Federers Schaukampf gegen Alexander Zverev in der « Plaza de Toros », der Stierkampfarena von Mexiko-City, bei. Weltrekord.

Für das günstigste Ticket für das Spiel zwischen Federer und Zverev in Bogotá verlangten die Veranstalter 132 Franken, für die teuersten 470 Franken. Für die überwältigende Mehrheit der Menschen in diesen Ländern waren die Eintritte unerschwinglich. Jene, die Zugang erhielten, waren jene, gegen welche die Massen auf der Strasse protestieren. Die Reichen drinnen, die Armen draussen. Sie lehnen sich gegen eine korrupte Elite auf, die mit Arbeitsmarkt- und Rentenreformen zu Lasten der Arbeiter, Rentner und Berufsanfänger noch mehr Geld verdienen wollen, so der Vorwurf der Gewerkschaften. Roger Federer ist nicht verantwortlich für die Missstände in Lateinamerika. Er ist nicht verantwortlich für die soziale Ungerechtigkeit. Er ist nicht dafür verantwortlich, dass sich die Eliten auf Kosten der Ärmsten und der Mittelschicht immer weiter bereichern.

Molotow-Cocktails, Steine und Gummischrot

Roger Federer hat sich nie in politische Debatten eingemischt. Er hat nie für jemanden Partei ergriffen. Er äussert sich nicht zum Klimawandel, nicht zu Menschenrechten, nicht zu Wahlen und Abstimmungen. Er steht wie kein zweiter für Konsens und Diplomatie. Im Prinzip ist erstaunlich wenig dazu bekannt, nach welchem moralischen Kompass er lebt. Das ist sein gutes Recht. Niemand verlangt von ihm, dass er die Probleme dieser Welt löst. Zumal der Sport in der Schweiz wie fast überall in Europa nicht als Teil der Gesellschaft begriffen wird, der sich auch abseits der Arenen abspielt. Doch in Südamerika greift das Argument nicht, wonach ein Athlet mit der Strahlkraft eines Roger Federer sich gänzlich unpolitisch verhalten kann. Denn dort durchdringt der Sport jeden Lebensbereich. Er ist Machtinstrument, Projektionsfläche und Spiegelbild der Gesellschaft.

Das war auch in jener Nacht nicht anders, als Federer in Bogotá hätte spielen wollen. Drinnen waren die obersten Zehntausend, die Hautevolee, die Eliten. Und draussen, in den Barrios, die Luft geschwängert von Tränengas, flogen Molotow-Cocktails, Steine und Gummischrot. Dort, wo die Bevölkerung für soziale Gerechtigkeit demonstriert. Gegen die Machtelite, die sich im Glanz der Lichtgestalt Federer hätte sonnen wollen. Und ob er es wollte oder nicht – er wäre an diesem Abend zum Tanzbären dieser Elite geworden. Weil Sport in Südamerika eben mehr ist als ein Spiel. Freude hätte er damit vor allem jenen bereitet, die ohnehin auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Zwei Stunden später verliess Federer Kolumbien, sichtlich aufgewühlt, im Privatjet in Richtung Mexiko.

Letzte Station auf der Südamerika-Reise: Roger Federer und Alexander Zverev spielen am Äquator, auf dem Mitad del Mundo (Mitte der Welt) in Ecuador.

Letzte Station auf der Südamerika-Reise: Roger Federer und Alexander Zverev spielen am Äquator, auf dem Mitad del Mundo (Mitte der Welt) in Ecuador.

Denn wie heisst es zu Beginn von «Everywhere is Home»? «Für Roger Federer zählt nicht, was übrig bleibt. Sondern was als nächstes kommt.» Er hat die Bühne, die ihm seine Bekanntheit eröffnet, nie missbraucht und für anderes genutzt, als um für seine Stiftung Geld zu sammeln. 50 Millionen Dollar sind es inzwischen bereits. Geld, das Kindern im südlichen Afrika, aber auch in der Schweiz Zugang zu besserer Bildung verschafft. Am 7. Februar bestreitet Federer gegen Rafael Nadal den nächsten «Match for Africa». Erstmals tritt er dabei in Südafrika an, in der Heimat seiner Mutter Lynette. Die Reise führt ihn nach Kapstadt und Johannesburg und ist ihm eine Herzensangelegenheit. Darüber hinaus will Roger Federer aber nur eines: Tennis spielen und den Menschen damit Freude bereiten. So nobel dieser Gedanke ist, so naiv ist er zuweilen auch.

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