Es hatte etwas Magisches. Diese eine Drehung, dieses entscheidende Tor. Dieser eine Moment, der ein ganzes Land staunen liess. Der Moment, der Wales in den EM-Halbfinal brachte. Hal Robson-Kanu heisst der Held aus Wales. Und wenn er über sein Tor gegen Belgien spricht, dann tönt das so: «Der Ball sprang in meine Füsse. Dann habe ich es irgendwie geschafft, mich zu drehen – und den Ball ins Tor zu spedieren.» Es war, als hätte Robson-Kanu in diesem Moment vergessen, sich selbst zu sein.

Belgien - Wales - 2:1 Robson-Kanu

Robson-Kanu und der Fussball – es ist keine Liebesgeschichte. Aber wer weiss, ob das nach diesem Freitagabend in Lille doch noch passiert. 27-jährig ist der Stürmer. Und arbeitslos. Ausgerechnet am 1. Juli, am Tag des EM-Viertelfinals Wales-Belgien, ist sein Vertrag beim FC Reading in der zweithöchsten englischen Liga ausgelaufen. Es war eine enttäuschende Saison. Fünf Tore in 33 Spielen gelangen RobsonKanu. Sein Team schaffte es immerhin bis in den Viertelfinal des FA-Cups. Seit 12 Jahren schon spielt er bei Reading. «Ich war immer loyal, leistete viel für den Verein – aber nun habe ich mich während der Saison entschieden, den Vertrag auslaufen zu lassen. Es ist wichtig für meine Familie und mich, die Zukunft in den eigenen Händen zu halten.» Bis am Freitag interessierte sich noch kein Verein für ihn.

Der Besuch der Kriegshelden

Dass Robson-Kanu überhaupt für Wales spielen kann, verdankt er seiner walisischen Grossmutter. Nur ihretwegen konnte er die Nation wechseln. Als Junior spielte er noch für die englische U19- und U20-Auswahl. Und beinahe hätte er auch die EM verpasst. «Er zog sich in der Vorbereitung eine Verletzung zu, die ihn zehn Tage gekostet hat. Aber er kämpfte sich zurück – das Tor nun hat er sich wahrlich verdient», erzählt Wales Trainer Chris Coleman. Und Robson-Kanu selbst? Er sagt: «Wir schweben auf Wolke 7. Wir kamen als Underdogs nach Frankreich, aber wir haben um unsere Qualität gewusst. Wir haben so lange dafür gearbeitet, um unsere Nation stolz machen zu dürfen.»

Robson-Kanu jubelte auch schon gegen die Slowakei nach seinem Treffer.

Robson-Kanu jubelte auch schon gegen die Slowakei nach seinem Treffer.

Erstmals seit der WM 1958 ist Wales an einem grossen Turnier dabei. Der Vorstoss in den Halbfinal erinnert an ein Märchen. In Tagen, in denen ganz Europa über Island spricht, haben die Waliser gute Chancen, plötzlich selbst zur grössten Sensation des Turniers zu werden.
Trainer Chris Coleman sagt nach der bisher schönsten Nacht des walisischen Fussballs: «Zusammenhalt und Charakter eines Teams zeigen sich nicht dann, wenn du mit zwei Tore in Führung liegst. Sondern dann, wenn du mit dem Rücken zur Wand stehst. Genau das ist uns gelungen.»

Die Reaktion der Waliser nach dem 0:1-Rückstand gegen die hochgelobten Belgier war in der Tat beeindruckend. Und Coleman erinnert noch einmal daran, woher sein Team kommt. «Vor vier Jahren hätten wir nicht weiter weg sein können von einem Erfolg wie diesem. Wir sind wohl gerade ein schönes Beispiel dafür, wie weit einen der Glaube an sich selbst bringen kann. Wobei es natürlich ohne ein bisschen Talent auch nicht geht.» Vor gut vier Jahren war Wales die Nummer 177 der Fifa-Weltrangliste.

Damals lag der walisische Fussball am Boden. Die Nation musste ein Drama um Nationaltrainer Gary Speed verkraften, der sich in der eigenen Garage erhängte. Nachfolger Coleman gelang es erst nach einiger Zeit, sich von den Methoden seines engen Freundes Speed zu lösen. Schritt für Schritt baute er ein Team, das an eine Familie erinnert. Ein Team, dem sich auch ein Superstar wie Gareth Bale unterordnet. Bezeichnend ist jene Geschichte aus dem November 2014. Anstatt nach dem EM-Qualifikationsspiel in Belgien wieder nach Hause zu fliegen, besucht das gesamte Team ein gut 150 Kilometer entfernt gelegenes Denkmal aus dem Ersten Weltkrieg und erweist den gefallenen walisischen Kriegshelden von damals die Ehre.

Das Duell der Real-Stars

Nun also der Halbfinal am kommenden Mittwoch gegen Portugal. «Ich denke, drei Millionen Leute in unserer Heimat drehen gerade durch vor Freude. Sie verdienen es, den Triumph zu geniessen», sagt Coleman. Bevor er anfügt: «Wir denken nicht darüber nach, ob wir das Turnier gewinnen können. Wir denken nur über die nächste Herausforderung nach – und diese ist Portugal.»

Wales im Portrait

Wales im Portrait

   

Wales gegen Portugal. Das ist auch Gareth Bale gegen Cristiano Ronaldo, das Duell der Superstars von Real Madrid. Aber darauf will Bale gar nicht erst eingehen: «Es ist Wales gegen Portugal, nicht mehr!» Wie wahr. Wales hat bewiesen, mehr als eine «Gareth-Bale-AG» zu sein. Und darum ist es auch nicht auszuschliessen, dass die Mannschaft gegen Portugal den Ausfall des gesperrten zweiten Stars, Aaron Ramsey, ebenfalls kompensieren kann.
Zur Not muss eben ein Arbeitsloser im Sturm für den nächsten magischen Moment sorgen.