Es ist einer der wenigen Sommertage im Juni. Das Thema aber ist düster. Ana Paula Oliveira verlor vor der Fussball-WM in Brasilien ihren Sohn, der durch die Polizei erschossen wurde. Maria de Penha Macena wurde aus ihrem Haus vertrieben. Es musste dem Olympia-Park weichen.

Sportliche Grossanlässe sorgen in Rio immer wieder für Tragödien. Darüber möchten die zwei Frauen sprechen. Einen Tag, nachdem sie bei einem UN-Side-Event mit dem Thema «Sportanlässe und Menschenrechte» in Genf ihre Leidensgeschichten erzählen durften, treffen die beiden Brasilianerinnen in Lausanne auf einen Vertreter des Internationalen Olympischen Komitees. Im Anschluss trifft man sich zum Interview im Büro von «Terre des hommes». Es ist eine eindrückliche, emotionale Begegnung mit zwei Menschen, die sich gegen die Willkür in ihrem Land auflehnen.

Was werden Sie beide am 5. August tun?

Maria da Penha Macena: Ich werde in meinem Haus sein bei meiner Familie. Ich habe keinerlei Erwartungen bezüglich der Olympischen Spiele.
Ana Paula Oliveira: Ich werde beten, dass es keine Polizeieinsätze in unserer Favela geben wird.

Rechnen Sie damit?

Ana Paula Oliveira: Ja. Es wird Hausdurchsuchungen geben, Strassensperren und Identitätskontrollen. Die Polizeiaktionen werden sicher intensiviert.

In Rio existieren so viele Probleme. Spürt man in der Bevölkerung überhaupt eine Art Vorfreude?

Maria da Penha Macena: Das Thema Olympia belastet uns seit dem Zeitpunkt, als Rio als Austragungsort gewählt wurde.

Aber freuen tut sich niemand?

Ana Paula Oliveira: Also ich kenne niemanden, der sich in irgendeiner Form mit den Olympischen Spielen beschäftigt. Zumindest nicht innerhalb der Favela. Wir haben ja nicht mal Geld, um nur schon daran zu denken, Tickets für die Anlässe zu kaufen.

Im Vorfeld der Fussball-WM 2014 kam es in Brasilien immer wieder zu Massenprotesten. Während des Turniers blieb es dann relativ ruhig. Denken Sie, dass es während der Olympischen Spiele anders sein wird? Rechnen Sie mit Kundgebungen?

Maria da Penha Macena: Während der WM wurden die Proteste durch die Polizei unterdrückt. Viele Menschen wurden verhaftet, viele Menschen verletzt. Die Leute wurden eingeschüchtert. Dasselbe gilt jetzt auch für Olympia. Die Favela-Bewohner, die armen Leute möchten gerne protestieren und auf die Probleme aufmerksam machen. Aber die Angst vor Repressalien ist zu gross.

Also vor Polizeigewalt?

Ana Paula Oliveira: Ja. Die Behörden haben bereits klargemacht, dass Proteste während der Olympischen Spiele nicht toleriert werden. Es wurde ein Anti-Terrorismus-Gesetz erlassen, welches Demonstranten als Terroristen einstuft und entsprechend verurteilt.

Wie muss man sich das vorstellen?

Ana Paula Oliveira: Ich gebe Ihnen ein Beispiel. 2013 wurde im Rahmen einer der vielen Proteste vor der WM ein junger, schwarzer Mann verhaftet, der nicht an einer Demonstration teilnahm, sich aber «im Kontext» bewegte. Er hatte ein Putzmittel dabei und wurde später als Terrorist verurteilt, weil man ihm vorwarf, er hätte eine explosive Flüssigkeit auf sich getragen.

Haben Sie irgendeine Möglichkeit, etwas gegen diese Willkür zu tun?

Ana Paula Oliveira: Ich, als Favela-Bewohnerin, als Schwarze, als Mutter, die ein Kind bei einem Polizeieinsatz verloren hat, steuere schon viel zum Kampf gegen diese Willkür bei, indem ich nach Europa reise und vor der UN oder dem IOC auf unsere Lage aufmerksam mache. Ich spreche nicht nur als Mutter von Jonathan, sondern anstelle von Tausenden von Müttern in Brasilien, die dasselbe Schicksal erlitten haben. Das Traurige ist, dass ich in ein anderes Land kommen muss, um nach Hilfe zu schreien, weil die Behörden bei uns keine Anstalten machen, irgendetwas zu verändern.

Ihr Sohn Jonathan wurde 2014 im Rahmen einer Polizeiaktion erschossen. Wurde der betreffende Polizist dafür belangt?

Ana Paula Oliveira: Nein. Man stufte die Aktion als «Notwehr» ein. Und das, obwohl mein Sohn hinterrücks erschossen wurde! Der betreffende Polizist war schon vorher in die Tötung von drei Jugendlichen involviert. Nachdem er meinen Sohn getötet hatte, arbeitete er ungestraft weiter als Polizist. Er ist ein freier Mensch, während ich dazu verurteilt wurde, den Rest des Lebens ohne meinen Sohn verbringen zu müssen (weint). Das Minimum, was ich vom Staat erwarten darf, ist Gerechtigkeit. Das verdiene nicht nur ich, sondern alle betroffenen Familien.

Haben Sie die Hoffnung, dass Sie
je Gerechtigkeit erhalten werden?

Ana Paula Oliveira: Ja. Ich habe diese Hoffnung. Weil ich an meinen Kampf gegen die Ungerechtigkeit glaube. Ich habe in dieser schweren Zeit viele Menschen getroffen, die sich mit mir und meiner Mission solidarisiert haben.Zusammen können wir eine Kette bilden, die etwas bewirken kann.

Frau de Penha Macena, Sie haben durch die Olympischen Spiele Ihre Gemeinde verloren. Ist diese Art der erzwungenen Entwurzelung in Brasilien üblich?

Maria da Penha Macena: Nicht nur meine Heimat, die Vila Autódromo, war betroffen, sondern auch viele andere Familien mit älteren Häusern. Diese wurden teilweise für die Fussball-WM und für die Olympischen Spiele abgerissen, obwohl die Menschen seit Jahrzehnten dort wohnten. Der Regierung ist das alles egal. Die Politiker hören nicht auf uns. Sie verkaufen Rio in aller Welt als wunderschöne Stadt. Darum müssen wir uns auf der ganzen Welt Gehör verschaffen.

Was steckt hinter diesen Aktionen?

Maria da Penha Macena: Jedes Mal, wenn es einen sportlichen Grossanlass gibt, leiden besonders die Bewohner der Favelas darunter.

Rechneten Sie damit, dass es so weit kommen könnte?

Maria da Penha Macena: Ja, wir waren sehr besorgt, weil wir schon im Zusammenhang mit Aktionen rund um die Panamerika-Spiele von 2007 wussten, was auf uns zukommt. Schon damals wurden wir bedroht und aufgefordert, unsere Häuser zu verlassen. Es gab viele Polizeiaktionen. Und das Problem ist, dass diese Polizisten im Umgang mit den Favelas nicht geübt sind. Deshalb gibt es immer wieder Tote. Soweit dürfte es nie kommen.
Ana Paula Oliveira: Es war zu befürchten. Die arme Bevölkerung spielt in Brasilien keine Rolle. In den Favelas hat man sehr oft keinen Zugang zu medizinischer Hilfe und es gibt keine Schulen. Die Infrastruktur ist generell schlecht. Aber wir sind den Politikern egal. Ausser, wenn es um die Sicherheit geht. Dann dient die Ausrottung der ärmeren Menschen der öffentlichen Sicherheit. Die Favelas sind der ideale Sündenbock für alles, was in Rio nicht funktioniert.

Wurde die Situation nach der Fussball-WM wieder besser?

Ana Paula Oliveira: Nein. Auch nach der WM blieb die Armee in den Favelas präsent und beging viele Menschenrechtsverletzungen. Es kam immer zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, in welchen Leute verletzt oder gar getötet wurden. Bisweilen hat es bei uns ausgesehen wie in einem Krieg. Man sah Bilder, die man sich sonst nur aus Kriegsgebieten gewohnt war. Es standen sogar Panzer herum!

Also wird während der Olympischen Spiele die Armee präsent sein?

Ana Paula Oliveira: Ja, das haben die Behörden bereits angekündigt. Ich habe Angst, dass andere Leute nun dasselbe Schicksal durchmachen müssen und ihre Kinder verlieren. Seit 2013 sind allein in meiner Favela acht schwarze Jugendliche durch Polizeigewalt gestorben.

Wäre das alles nicht passiert, wenn in Brasilien keine dieser Grossanlässe stattgefunden hätte?

Ana Paula Oliveira: Nein, weil die Situation so oder so verheerend ist. Und zwar hauptsächlich deshalb, weil die Regierung kein Interesse daran hat, etwas zu verändern. Das Problem ist, dass die Behörden aufgrund der Sportanlässe den Zwang verspüren, der Stadt ein besseres Image zu verpassen – vor allem bezüglich Sicherheit. Das führt zu mehr Polizei in den Strassen, was wiederum für noch mehr Gewalt in den Favelas sorgt. Und die Polizisten töten dann mit dem Segen der Behörden.

Ohne Olympische Spiele würden Sie noch in Ihrem Haus wohnen, oder?

Maria da Penha Macena: Ja, die ganze Gemeinde würde noch stehen. Olympia war der Schlüsselfaktor, um die Bewohner zum Verlassen der Favela zu zwingen.