Ski-WM St. Moritz
Riesenslalom Männer: Die Schweiz steckt in einer «Riesen»-Krise – aber die Zukunft sieht gut aus

Bereits schon fast acht Jahre liegt der letzte Medaillengewinn der Schweizer im Riesenslalom zurück. Aber unsere «Riesen»-Spezialisten sind viel besser als ihr Ruf.

Richard Hegglin, St. Moritz
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Carlo Janka sorgte 2009 für das letzte Schweizer WM-Riesenslalom-Highlight bei den Männer.

Carlo Janka sorgte 2009 für das letzte Schweizer WM-Riesenslalom-Highlight bei den Männer.

Keystone

Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann lässt sich in seinem Unmut in Adelboden zitieren: «Ich sage lieber nichts, sonst sage ich etwas Falsches». Ein Jahr vorher kritisierte Adolf Ogi: «Das hätte zu meiner Zeit kein Direktor überstanden.» In drei Adelboden-Riesenslaloms hintereinander nie ein Schweizer in den Top 20, da fällt Zuversicht schwer. Dabei deuten viele Faktoren auf einen Turnaround – vielleicht schon in St. Moritz?

Pirmin Zurbriggen und Joël Gaspoz waren die Aushängeschilder der 80er-Jahre. Bevor die vier Musketiere Michael von Grünigen, Urs Kälin, Paul Accola und Steve Locher neue Massstäbe setzten. In den Neunzigerjahren fuhren sie unter ihrem schillernden Trainer Fritz Züger 21-mal aufs Podest.

Der Rücktritt des 23-fachen Weltcupsiegers und zweifachen Weltmeisters Mike von Grünigen 2003 bildete einen ersten Break. Speedfahrer Didier Cuche hielt während ein paar Jahren die Fahne hoch, warnte aber schon damals: «Wenn man weiterhin die Kurse so eng ausflaggt, werden Abfahrer in dieser Disziplin keine Chance mehr haben.»

Die Materialrevolution

So dauerte es sechs Jahre, bis nach von Grünigens Abgang sich Schweizer wieder in die Siegerliste eintrugen. Die Ski-Zwillinge Daniel Albrecht und Marc Berthod liessen die Tradition wieder aufleben. Und Albrecht kündigte an: «Passt auf, da kommt einer, der ist mindestens so gut – Carlo Janka.» Tüftler Albrecht war während der Materialrevolution, bei der Atomic mit seinem «Doppeldecker» und Salomon mit dem identischen «Powerliner» der Konkurrenz enteilten, quasi der Testpilot für den Bündner.

Dieser räumte ein: «Materialtests sind nicht meine ultimative Stärke.» Sogar Marcel Hirscher gestand nach seinem ersten Weltcupsieg 2009 in Val d’Isère: «Ich habe Dani im Riesenslalom viel zu verdanken. Ich konzentrierte mich vor allem auf die Entwicklung der Slalom-Ski.»

So verlief Tag 11 in St. Moritz mit dem Riesenslalom der Frauen:

Tessa Worley lässt sich feiern.
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Die Weltmeisterin hält stolz ihre Landesflagge hoch.
Auch Bronzemedaillengewinnerin Sofia Goggia präsentiert ihre Farben.
Das Podest: Tessa Worley gewinnt vor Mikaela Shiffrin (l.) und Sofia Goggia (r.).
Melanie Meillard jubelt nach dem zweiten Lauf.
Die erst 18-jährige Walliserin verbesserte sich im zweiten Lauf von Rang 21 auf Rang 13.
Die frischgebackene Weltmeisterin lässt ihren Emotionen freien Lauf.
Hautnah dabei: Der Kameramann filmt Mikaela Shiffrin nach ihrem zweiten Lauf,
Silbergewinnerin Mikaela Shiffrin gratuliert Weltmeisterin Tessa Worley (l.)
Schneegestöber beid er Zieleinfahrt: Simone Wild wird 14.
Glücklich mit dem 14. Platz: Simone Wild.
Die 23-Jährige startete im ersten Lauf als 15. und klassierte sich auf dem guten fünften Zwischenrang.
Melanie Meillard flitzt bei schönstem Engadiner Wetter die Piste hinunter.
Werden die Schweizer Fans auch nach dem Riesenslalom der Frauen eine Medaille zu bejubeln haben?

Tessa Worley lässt sich feiern.

Keystone

Nach Albrechts schwerem Unfall in Kitzbühel für acht Jahren wurde Janka Weltmeister und Olympiasieger. Der Walliser machte aus seinem Herzen keine Mördergrube: «Einige Male ist es mir schon durch den Kopf gegangen, was hätten sein können, wenn ...». Die Entwicklung bei Skihersteller Atomic konzentrierte sich in der Zwischenzeit immer mehr auf den neuen Superstar Hirscher. Bei Janka spürte man die Verunsicherung: «Ich weiss gar nicht, was in der Firma läuft.» Wenig später wechselte er nach 14 Jahren Atomic zu Rossignol.

Vorher hatte Janka, nach Rücken- und Herzproblemen sowie einer mysteriösen Viruserkrankung den Riesenslalom in Kranjska Gora gewonnen, eine Hundertstelsekunde vor dem aufstrebenden Alexis Pinturault. Das war am 5. März 2011. Nur zwei Wochen vorher war er am Herzen operiert worden.

Durststrecke in der Paradedisziplin

Dieses Datum ist deshalb von Relevanz, weil seither Swiss Ski eine der schmerzhaftesten Krisen in seiner einstigen Paradedisziplin durchlitt. An jenem Tag feierte die Schweiz nicht nur ihren letzten Sieg, es blieb auch der letzte Podestplatz – bis heute. Sogar Top-Ten-Plätze sind fast an einer Hand abzuzählen.

Der Gründe gibt es einige: Der wichtigste war die Materialumstellung. Wegen zahlreicher Kreuzbandrisse verbot die FIS die stark taillierten Ski. Diese wurden länger, erlaubten nicht mehr einen so engen Radius und sollten dafür weniger Knieverletzungen provozieren. Dieses Ziel wurde erreicht, dafür nahmen die Rückenverletzungen zu. Vor allem junge Fahrer hatten nicht die nötige Rumpf-Muskelkraft, um die sperrigen Bretter zu bändigen.

Man schuf eine Art Inzucht. Die Spezialisten blieben unter sich. Kaum einer schaffte es, in diese geschlossene Gesellschaft einzubrechen, höchstens der eine oder andere Slalom-Spezialist wie das Jahrzehnt-Talent Henrik Kristoffersen. Die Kurssetzung erlaubte es den Slalomfahrern, sich wieder etwas näher an die «Riesen»-Spezialisten heranzupirschen. Dafür verloren die Speedfahrer, wie seinerzeit zu Cuche-Zeiten, definitiv den Anschluss. Janka ist noch der beste. Und wenn dieser sagt: «Ich würde meinen WM-Startplatz zur Verfügung stellen», sagt das wohl alles.

Der einstige Cheftrainer Osi Inglin hatte schon vor Jahren gefordert: «Wir müssen wieder Riesen-Spezialisten heranbilden, sonst haben wir keine Chance.» Doch genau in jener Periode fehlten Swiss Ski talentierte Nachwuchsfahrer. Inglin-Nachfolger Tom Stauffer sagte es einmal offen: «Bei vielen reicht es zu Platzierungen in den Top 20 und im optimalen Fall Grenze Top 10.»

Die bisherigen Schweizer Medaillengewinner an der Ski-WM:

Lara Gut: Bronze im Super-G Sie hätte die Königin dieser WM werden sollen. Es kommt anders. Als grosse Favoritin auf den WMTitel im Super G gestartet, reicht es zu Platz 3. Beim Einfahren zum Kombinations-Slalom der Horror-Sturz. Kreuzband gerissen. Meniskus beschädigt. Saison-Ende. Aus der designierten Königin (25) ist die tragische Figur der WM geworden. Die ganze Ski-Welt leidet mit ihr.
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Wendy Holdener: Gold in der Kombination Irgendwann gehört er ihr, der Platz ganz zuoberst auf dem Podest. Nicht nur in der Kombination. Auch im Slalom. Irgendwann wird Wendy Holdener (23) den US-Überflieger Mikaela Shiffrin besiegen. Wir leiden mit. Und freuen uns bis dahin an Kombi-Siegen und zweiten Rängen. Sie kann für das Schweizer Highlight am letzten WM-Wochenende sorgen.
Michelle Gisin: Silber in der Kombination Wer eine grosse Schwester hat, die auch ein Ski-Star war und erst noch Olympiasiegerin, der hat es schwer. In St. Moritz ist Michelle Gisin erstmals aus dem Schatten von Dominique Gisin herausgetreten. Silber in der Kombination. Stark auch in der Abfahrt. Die quirlige 23-Jährige ist ein Versprechen für die Zukunft. Oder schon für den Slalom vom Samstag?
Beat Feuz: Gold in der Abfahrt Vielleicht ist er als Kind in einen Topf voller Gefühl fürs Skifahren gefallen. In seinem linken Knie war schon alles einmal kaputt, was kaputt sein kann. Vor fünf Jahren wusste nicht einmal er selbst, ob er je wieder Rennen fahren kann. Nun sorgt Beat Feuz, der sympathische 30-jährige Emmentaler, auch «Kugelblitz» genannt, für das emotionale Highlight der WM. Was für eine Geschichte!
Luca Aerni: Gold in der Kombination Gut unterwegs, schnelle Schwünge – und dann doch ausgeschieden. Wie häufig hat er das im Slalom erlebt! Dabei denkt sich der Zuschauer stets: Der Aerni, der könnte doch bald auf dem Podest landen! Und jetzt ist der 23-Jährige plötzlich da. Gold in der Kombination! Gold dank einem sensationellen Slalom-Lauf. Gold vielleicht auch dank der perfekten Position 30 nach der Abfahrt.
Mauro Caviezel: Bronze in der Kombination Immer wieder verletzt. Immer wieder abgeschrieben. Gar nie so richtig wahrgenommen. Das ist das Schicksal von Mauro Caviezel. 28 Jahre alt ist er mittlerweile. Zeitweise kann er nicht einmal mehr eine Treppe hochsteigen. Sein jüngerer Bruder Gino hat ihn längst überholt. Aber der Bündner gibt nicht auf. Und erfüllt sich in seinem Heimatkanton den Traum einer Medaille.
Wendy Holdener: Silber im Slalom Die Schwyzerin konnte sich im Slalom nicht gegen die US-Amerikanerin Mikaela Shiffrin durchsetzen, die in dieser Disziplin als unschlagbar gilt.

Lara Gut: Bronze im Super-G Sie hätte die Königin dieser WM werden sollen. Es kommt anders. Als grosse Favoritin auf den WMTitel im Super G gestartet, reicht es zu Platz 3. Beim Einfahren zum Kombinations-Slalom der Horror-Sturz. Kreuzband gerissen. Meniskus beschädigt. Saison-Ende. Aus der designierten Königin (25) ist die tragische Figur der WM geworden. Die ganze Ski-Welt leidet mit ihr.

KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

Ob die Schweizer die Materialänderung unterschätzt haben oder Fehler in der technischen Ausbildung begangen haben, darüber streiten sich die Gelehrten. Von Grünigen sagte einmal: «Wenn ich unsere Fahrer mit jenen vergleiche, die an der Spitze sind, stelle ich fest, dass Defizite in der Technik und der Linienwahl bestehen. Die Tore müssten anders angefahren werden.»

Die Zukunft stimmt zuversichtlich

Fakt ist: Der so spektakuläre Riesenslalom geriet zu monotoner Privatangelegenheit einiger weniger Exponenten wie Hirscher, Ted Ligety oder zuletzt Pinturault, die über 80% aller Rennen gewannen. Bei dieser elitären Solisten-Show gingen die Schweizer «Riesen»-Piloten völlig unter.

Doch trotz vieler kritischer Stimmen zeichnet sich Morgenröte ab. Cuche ortete schon bei der Saisonpremiere in Sölden: «Es wächst ein starkes Team mit talentierten jungen Fahrern wie Justin Murisier, Loïc Meillard oder Marco Odermatt heran.» Von diesen fällt Junioren-Weltmeister Odermatt verletzt aus. Aber Murisier und Meillard ist in St. Moritz ein Exploit zuzutrauen. Und vielleicht wächst auch Gino Caviezel wieder mal über sich hinaus.

Dagegen wird Janka wohl erst in der nächsten Saison zu alter Stärke zurückfinden, wenn die nächste Materialänderung mit wieder stärker taillierten Ski in Kraft tritt. Auch Murisier, Meillard, Odermatt und Co. werden dann sicher nicht schwächer. Ein Ende des Tunnels ist sichtbar.

Das sind die letzten Schweizer WM-Riesen-Medaillengewinner:

2009: 1. Carlo Janka

2007: 2. Daniel Albrecht. 3. Didier Cuche

2001: 1. Michael von Grünigen

1999: 3. Steve Locher

1997: 1. Michael von Grünigen

1996: 2. Urs Kälin. 3. Michael von Grünigen

1991: 2. Urs Kälin

1989: 3. Pirmin Zurbriggen

1987: 1. Pirmin Zurbriggen

1985: 2. Pirmin Zurbriggen