Reportage
Vor EM-Spiel Italien-Schweiz: Rom erwacht aus dem Corona-Schlaf – und der Fussball? «Hier kennt keiner Granit Xhaka»

4000 Schweizer Fans werden am zweiten EM-Spiel der Nati in Rom sein. Wie viel Fussball ist in der Stadt zu spüren am Tag vor dem grossen Spiel? Ein Stadtrundgang in Rom, wo die Sperrstunde seit Montag aufgehoben ist.

Etienne Wuillemin
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Ort der Sehnsucht Italiens: Der Circus Maximus.

Ort der Sehnsucht Italiens: Der Circus Maximus.

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Wir beginnen unseren Rundgang in Rom beim Circus Maximus. Da, wo in der Antike die legendären Wagenrennen stattgefunden haben, feiert Italien seine grössten Erfolge. Den WM-Titel 2006 beispielsweise. Der Circus Maximus ist also auch in diesem Sommer der grosse Sehnsuchtsort der Italiener. Gibt es endlichen einen nächsten Titel?

«Das Turnier beginnt für Italien erst im Viertelfinal.» Gianluca und Nicolas beim Espresso.

«Das Turnier beginnt für Italien erst im Viertelfinal.» Gianluca und Nicolas beim Espresso.

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Gianluca und Nicolas sitzen gerade beim Espresso in einem Café in der Nähe. Das Spiel gegen die Schweiz am Mittwochabend? «Ein Sieg, ein Zwischenschritt, mehr nicht», sagt Gianluca. Er traut Italien den grossen Wurf durchaus zu. «Wie Trainer Roberto Mancini das Team nach der verpassten WM 2018 zusammengeschweisst hat, ist grossartig.» Aber eines sei klar, wirf Nicolas ein:

«Für uns beginnt das Turnier im Viertelfinal. Bis dahin geht es darum, die Kräfte möglichst gut zu verteilen.»

Wie so viele in der Stadt ist Nicolas Supporter der AS Roma. Die baldige Ankunft von Star-Trainer José Mourinho lässt ihn an eine bessere Zukunft glauben. «Von der Art und Weise, wie er Fussball spielen lässt, bin ich zwar nicht überzeugt. Da hätte ein Maurizio Sarri besser zu uns gepasst. Aber seine Winner-Mentalität ist grossartig. Er wird uns gut tun.» Vielleicht wird auch der Schweizer Captain Granit Xhaka an der besseren Zukunft des Klubs mitwirken, sein Wechsel von Arsenal steht noch immer im Raum. Kennen Sie Xhaka? «Nein, hier kennt keiner Granit Xhaka», sagt Nicolas.

Die Stadt Rom: So leer wie noch nie

Autor mit Elektro-Trottinett

Autor mit Elektro-Trottinett

ZVG

Um möglichst rasch vorwärts zu kommen, hat sich der Autor dieser Zeilen eines der zahlreichen Elektro-Trottinetts geschnappt, die überall herumstehen. Über das Kapitol und das Forum Romanum, wo im alten Rom jeweils der Markt stattgefunden hat, geht es weiter zum Kolosseum, diesem Wahnsinnsbau der Antike.

Blick über das «Forum Romanum.»

Blick über das «Forum Romanum.»

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Knapp 4000 Schweizer Fans werden am Mittwoch am Spiel im «Stadio Olympico» in Rom sein. Darunter auch die «Gruppe Sunneschii», wie sich die fünf Männer aus der Region Luzern nennen. Eigentlich hätten sie bereits Tickets für das Spiel gegen Wales in Baku gehabt, «aber dann hätten wir in Rom nicht einreisen dürfen, wir mussten uns also entscheiden». Die Hoffnung ist gross, dass nach dem 1:1 im Auftaktspiel keine weitere Enttäuschung mehr dazukommt.

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Weiter geht's in Richtung «Fontana di Trevi.» Doch zunächst ein kurzer Boxenstopp in einem Restaurant ein paar Meter vor dem legendären Brunnen. Rina arbeitet seit 17 Jahren hier, Mario seit 15 Jahren. Seit dem 26. April dürfen sie ihr Lokal wieder geöffnet halten. «Etwa 80 Prozent weniger Einnahmen wie sonst», rechnet Rina vor. «Schau mal, Rom ist so leer wie nie - normalerweise würde man den Brunnen gar nicht sehen, weil sie viele Leute davor stehen», sagt Mario. Gelassenheit und Fröhlichkeit sind den beiden gleichwohl nicht abhandengekommen.

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Immerhin: Seit Montag ist Rom «zona bianca». Heisst: Die Ausgangssperre ist aufgehoben, die Lokale dürfen auch nach Mitternacht offen halten. Und vorbei ist auch die Beschränkung auf vier Personen an den Esstischen. Es ist deutlich zu spüren: Rom erwacht zu neuem Leben. Geblieben ist einzig die Maskenpflicht, auch im Freien. Es halten sich so ziemlich alle dran.

Am Trevi Brunnen stehen Ruedi aus Auenstein und seine Freunde Giampi und Orlando aus Buochs. Kennengelernt haben sie sich 2010 in Montenegro, als die Schweiz 0:1 verlor und darum später die Qualifikation für die EM 2012 verpasste. «Mein Bauchgefühl sagt: Wir holen ein Unentschieden gegen Italien und nehmen danach gegen die Türkei die Euphorie mit», sagt Giampi. Ruedi pflichtet bei:

«Die Schweiz sieht häufig besser aus gegen stärkere Gegner.»

Eine Glücksmünze in den Brunnen werfen, ganz nach alter Tradition, ist den drei Freunden (und allen anderen Besuchern) indes untersagt. Zu gross wäre die Gefahr von Menschenansammlungen. Steht trotzdem mal jemand ein bisschen zu lange am Brunnen, sorgen die Carabinieri sofort für ohrenbetäubenden Lärm mit ihren Trillerpfeifen.

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Der Cappuccino auf der Piazza? Neun Euro

Die Fanzone liegt an der Piazza del Popolo. Dort treffen wir Martina. Sie ist eine von etwa 1000 Volunteers in Rom. Sie stammt aus Turin. Während knapp zwei Wochen arbeitet sie nun hier für die Uefa. Warum? «Ich studiere Sport-Management. Mein Ziel ist es, in naher Zukunft für die Olympischen Spiele 2026 in Mailand und Cortina d’Ampezzo zu arbeiten. Die EM wird eine gute Erfahrung sein für mich.»

Der Rundgang führt weiter an die spanische Treppe. Beim Vorbeischlendern an einem kleinen, schönen Restaurant kommen einem die Worte von Yann Sommer in den Sinn, der schon 2019, in Mitten einer nationalen Shaqiri-Krise: «Wir wollen doch alle im EM-Sommer auf einer Piazza in Rom Cappuccino trinken.» Was nicht alle wollen: neun Euro dafür ausgeben.

Ein Foto bei Valerio und Angelo?«Kostet nochmals fünf Euro extra!»

Ein Foto bei Valerio und Angelo?«Kostet nochmals fünf Euro extra!»

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Den Cappuccino geniessen wir dafür bei Valerio und Angelo in der Bar Mannocchi. Sie liegt direkt an der Piazza Mancini. Nein, der Name ist nicht Italiens Trainer gewidmet, sondern einem der bedeutendsten Maler des Landes. Egal. Ein Cappuccino und ein Liter Mineralwasser am Tresen für 3.40 Euro. Ein Foto? «Klar, kostet einfach nochmals 5 Euro,» ruft Valerio und lacht schallend. Ehe er, als er erfährt, dass der Gast aus der Schweiz kommt.

«Kennen Sie Sierre und Crans Montana? Da habe ich einmal für sechs Monate gearbeitet - welch wunderbare Flecken der Erde!»

Zum Abschied wünschen sie der Schweiz viel Glück im Spiel gegen die «Squadra Azzura». Das Lächeln verrät sie: Die wichtigen Spiele für Italien kommen erst noch.

Das Stadio Olympico. Hier fordert die Schweiz am Mittwochabend um 21 Uhr Italien.

Das Stadio Olympico. Hier fordert die Schweiz am Mittwochabend um 21 Uhr Italien.

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