Ski Nordisch
Renndirektor Walter Hofer blickt zurück auf 25 Jahre Vierschanzentournee

Der Österreicher Walter Hofer lenkt seit 1992 als Renndirektor die Geschicke des Skispringens. Vor dem Jubiläum seiner 25. Vierschanzentournee blicken wir mit dem 61-Jährigen auf persönliche Erfahrungen mit dem Kultanlass zurück.

Rainer Sommerhalder
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Walter Hofer an der Eröffnung der neuen Skisprunganlage in Kandersteg im August dieses Jahres.

Walter Hofer an der Eröffnung der neuen Skisprunganlage in Kandersteg im August dieses Jahres.

Keystone

Die ältesten Erinnerungen an die Tournee

Walter Hofer: «Da ich bereits seit 1982 als Betreuer und Trainer der Österreicher und später der Deutschen an der Vierschanzentournee dabei war, betrachtete ich den Anlass zehn Jahre lang durch die Brille einer einzelnen Mannschaft. Und hier ist der Horizont sehr eingeengt. Man ist fokussiert auf die eigenen Bedürfnisse wie Unterkunft, Verpflegung, Training. Es fehlt die Übersicht über die Komplexität, die eine solche Veranstaltung ausmacht. Dennoch halfen mir die zehn Jahre für meinen Einstieg als Renndirektor. Ich musste mich aber als Erstes lösen von der Sicht eines Trainers und für alle da sein. Seither bestehen die 25 Jahre für mich als eine Ansammlung von Erfahrungen.»

Walter Hofer

Der Österreicher Walter Hofer ist der dienstälteste Angestellte des internationalen Skiverbandes FIS. Seit 1992 ist er Renndirektor im Skispringen.

Die grössten Herausforderungen

«Skispringen hat als Randsport in diesen 25 Jahren ein immer grösseres Interesse von Medien und Publikum erlebt. Jedes Jahr stiessen wir aufs Neue an die Grenzen unserer Kapazitäten, und dies hält noch immer an. Es ist für mich das Schönste überhaupt, wenn ich von einem Veranstalter höre, dass er von Akkreditierungen überrannt wird, keine Zimmer mehr frei hat, die Parkplätze nicht reichen. Das sind Indikatoren dafür, dass wir noch immer wachsen.»

Der speziellste Moment

«Das war 2005/06, als ich in Garmisch mit den Veranstaltern nach dem Wettkampf runter vom Turm gestiegen bin. Jakub Janda führte in der Wertung vor Janne Ahonen. Es war das erste Mal, dass es für den Gesamtsieger der Tournee ein Auto zu gewinnen gab. Ich fragte, was sie machen würden, wenn es am Schluss zwei Ex-aequo-Sieger gebe. Man hat mich nur ausgelacht und gesagt, so etwas sei ja wohl nach acht Sprüngen kaum realistisch. Am Schluss gewannen aber Janda und Ahonen gemeinsam die Tournee und das kostete die Organisatoren dann halt zwei Autos.»

Jakub Janda nach seinem Sieg an der Tournee.

Jakub Janda nach seinem Sieg an der Tournee.

Keystone

Die freudigsten Augenblicke

«Wenn man an der Siegerehrung den Athleten in die Augen schaut. Man realisiert, dass man eine Bühne gebaut hat, auf welcher diese Protagonisten ihre Träume verwirklichen. Und danach im intimen Rahmen bei der Materialkontrolle. Da bekommt man sehr persönliche Aussagen von den Sportlern mit und realisiert, wie sie sich in diesem Moment fühlen.»

Walter Hofer im Gespräch mit dem ehemaligen Schweizer Skispringer Andreas Küttel.

Walter Hofer im Gespräch mit dem ehemaligen Schweizer Skispringer Andreas Küttel.

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Die ärgerlichsten Situationen

«Verschiebungen und Absagen. Dinge, die nicht wie geplant ablaufen. Man lebt dann von der Improvisation und weiss nicht, ob es aufgeht. Zum Beispiel mussten wir vor zwei Jahren in Oberstdorf den Wettkampf an einemSonntagabend absagen. Wir entschieden, am Montag zu springen. Doch die Polizei konnte uns nicht garantieren, dann auch vor Ort zu sein. Es gab am Montagmorgen einen Schichtwechsel und die neue Belegschaft wusste noch nichts von ihrem Glück. Wir mussten ins Blaue hinaus planen. Da lehnt man sich sehr weit aus dem Fenster. Man muss auch mitten in der Ferienzeit innert kürzester Zeit 500 Hotelbetten für eine zusätzliche Nacht organisieren. Und immer mit der Gefahr, dass am nächsten Tag wieder nicht gesprungen werden kann.»

Oberstdorf Schattenberg-Arena. – Schanzenrekord: Sigurd Pettersen/NOR 143,5 Meter. – Freitag, 30. Dezember: 1. Tourneespringen (16.45 Uhr).
4 Bilder
Garmisch-Partenkirchen Olympiaschanze. – Schanzenrekord: Simon Ammann/SUI 143,5 Meter. – Samstag, 31. Dezember: Qualifikation (14 Uhr). Sonntag, 1. Januar: 2. Tourneespringen (14.00 Uhr).
Innsbruck Bergisel-Stadion. – Schanzenrekord: Michael Hayböck/DE 138 Meter. – Dienstag, 3. Januar: Qualifikation (14.00 Uhr). Mittwoch, 4. Januar: 3. Tourneespringen (14.00).
Bischofshofen Paul-Ausserleitner-Schanze. – Schanzenrekord: Daiki Ito/JAP 143 Meter. – Donnerstag, 5. Januar: Qualifikation (16.45 Uhr). Freitag, 6. Januar: 4. Tourneespringen (16.45 Uhr).

Oberstdorf Schattenberg-Arena. – Schanzenrekord: Sigurd Pettersen/NOR 143,5 Meter. – Freitag, 30. Dezember: 1. Tourneespringen (16.45 Uhr).

KEYSTONE/AP/MATTHIAS SCHRADER

Der grösste Schreckmoment

«Als wir 1999 das erste Mal eine Seilkamera für TV-Aufnahmen verwendeten, crashte diese in Bischofshofen direkt über einem Springer. Das war ein bitterer Moment. 2014 hatten wir einen Unfall in Garmisch, als ein Zug mit einem Lastwagen kollidierte, der TV-Equipment zur Schanze hätte bringen sollen.»

Die heftigsten Diskussionen

«Das Gefährlichste sind die Ruhetage. Bloss dann keinen Anruf annehmen! Da brauchen alle ihre Geschichten, weil auf der Schanze nichts läuft. Das ist natürlich ein wenig ironisch ausgedrückt, aber ich bin schon froh, wenn auf den ersten Plätzen der Springen möglichst viele Nationen vertreten sind. So ist jede Nation mit dem momentanen Erfolg beschäftigt und zufrieden. Dann drehen sich auch die Diskussionen um Sport, das ist mir am liebsten.»

Selbst ist der Mann: Walter Hofer packt bei der Jubiläumsausgabe im Jahr 2012 mit an.

Selbst ist der Mann: Walter Hofer packt bei der Jubiläumsausgabe im Jahr 2012 mit an.

Keystone

Die lustigste Episode

«Es war zwar tragisch-komisch, aber ich erzähle es trotzdem. Es war während der letzten Tournee von Andreas Goldberger. Er wurde in Garmisch Zweiter und ich hatte an diesem Anlass meine Frau und meine zwei kleinen Töchter dabei. Danach musste ich weiter nach Innsbruck zu einer Besprechung mit dem TV und meine Frau fuhr zurück nach Salzburg. Mitten in der Sitzung erhielt ich einen Anruf von meiner Tochter. Sie stammelte ins Telefon: ‹Du, Papa, der Goldi ist tot!› Mir stockte vor Schreck der Atem. Viele Gedanken schossen durch meinen Kopf: Was passiert jetzt mit der Tournee? Wie kann so etwas geschehen? Wieso ist er nicht mit der Mannschaft gereist? Wenn das meine kleine Tochter weiss, wieso weiss es der ORF nicht? Ich rief meine Frau zurück, um mich nochmalszu erkundigen. Sie klärte mich auf. Unser Wellensittich, der Goldi hiess, war gestorben. Er hat die Silvesterkracher nicht überlebt.»