RSC Anderlecht
René Weiler: Plötzlich ganz weit oben im Konzert des europäischen Fussballs

Der SchweizerTrainer René Weiler hat mit seinem Wechsel von Nürnberg zu Anderlecht alles richtig gemacht – eine Erklärung.

François Schmid-Bechtel
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René Weiler unterhält sich während des ersten Trainings beim RSC Anderlecht mit dem Talent Youri Tielemans. Imago

René Weiler unterhält sich während des ersten Trainings beim RSC Anderlecht mit dem Talent Youri Tielemans. Imago

imago/Panoramic International

Der 1. FC Nürnberg, auch Club genannt, tönt gross. Sicher aus unserer Perspektive, wo ganz Fussball-Deutschland gross und wuchtig wirkt. Ausserdem steckte der Club eben erst den Kopf durch die Tür des Fussball-Paradieses. Bis der Schweizer Haris Seferovic traf: Klassenerhalt für Frankfurt, Nürnberg bleibt in der 2. Liga.

Wären Sie in Nürnberg geblieben, wenn Seferovic in der Relegation nicht getroffen hätte? «Das ist hypothetisch», sagt Weiler. Er hätte auch sagen können: Wohl kaum. Denn Weiler wurde in knapp 20 Monaten zu einem gefragten Mann. Und Nürnberg ist eben doch nicht gross. Der Club ist mit 15 Millionen Euro verschuldet.

René Weiler scheiterte mit Nürnberg knapp am gesetzten Ziel in die 1. Bundesliga aufzusteigen, war aber dennoch ein gefragter Mann.

René Weiler scheiterte mit Nürnberg knapp am gesetzten Ziel in die 1. Bundesliga aufzusteigen, war aber dennoch ein gefragter Mann.

KEYSTONE/EPA/ARMIN WEIGEL

Dabei hat Weiler kräftig mitgeholfen, den Schuldenberg abzutragen. Alessandro Schöpf (zu Schalke) und Niklas Stark (zu Hertha Berlin) haben sich unter dem Schweizer so entwickelt, dass sie für sechs respektive dreieinhalb Millionen Euro verkauft werden konnten. Trotzdem muss im Frankenland weiter gespart werden. Die Kosten für das Kader sollen um einen Viertel reduziert werden. Bedenkt man, dass der Club unter Weiler mit Platz 3 die Grenzen verschoben hat, kann das Ziel für die kommende Saison nur ein Platz im Mittelfeld lauten.

Ein Abgang wie in Aarau

Weilers Abgang in Nürnberg erinnert an jenen in Aarau vor zwei Jahren. Auch damals hatte er noch einen laufenden Vertrag. Doch wie heute sah er auch damals die Möglichkeiten der Progression ausgeschöpft. Schlimmer noch: Er sah nicht mal die Chance, den Besitzstand zu wahren. Ein Verbleib war für Weiler, diesen gnadenlos ehrgeizigen Trainer, keine Option. Weder in Aarau noch in Nürnberg.

Ein solches Vorgehen irritiert bisweilen. Schliesslich sind es vorzugsweise die Klubs, die ein Vertragsverhältnis auflösen. Die Trainer indes gelten als blosse Bittsteller. Und so erstaunt es nicht, wenn unreflektierte Meinungen kursieren wie jene vom deutschen Magazin «Sport Bild», das Weiler als «grösste Ich-AG der Liga» abkanzelt. Nur: Hat man in Nürnberg adäquate Rahmenbedingungen für einen aufstrebenden Trainer geschaffen? Nein. Und wenn dieser Trainer das Interesse von höherklassigen Klubs (Leipzig, Augsburg, Ingolstadt, Anderlecht) weckt, ist ein Abgang jedenfalls legitim. Kommt dazu, dass Nürnberg durch Weilers Abgang mindestens 800 000 Euro Ablösesumme kassiert.

Nun also Anderlecht. Ein Abstieg? Gewiss nicht. Auch wenn vom belgischen Klub-Fussball kaum etwas bis in die Schweiz schwappt, während selbst die 2. Bundesliga hierzulande interessiert verfolgt wird. Doch der Wechsel nach Anderlecht katapultiert Weiler in den VIP-Raum der Schweizer Klub-Trainer. Anderlecht ist nicht nur belgischer Rekordmeister, sondern auch in Europa eine gepflegte Adresse: Position 38 im Uefa-Klub-Ranking. Klar, der FC Basel (19) ist besser positioniert. Aber Anderlecht liegt weit vor Martin Schmidts Mainz (105) oder Lucien Favres neuem Arbeitgeber Nizza (139), und auch weit vor den Berner Young Boys (85). Die Befürchtungen, Weiler würde in Belgien aus dem Fokus der grossen Ligen verschwinden, entbehren jeder Fachkenntnis.

Das Nonplusultra

In Belgien ist der Klub aus dem gleichnamigen Brüsseler Vorort das Nonplusultra. 33 Mal wurde Anderlecht Meister, das ist Rekord. Doch die Mannschaft ist im Umbruch, die letzten zwei Spielzeiten wurden mit Platz drei und zwei als enttäuschend gewertet. Allein das zeigt, welch hohe Erwartungen an den Trainer der «Königlichen» gestellt werden. In Anderlecht ist nur der Titel gut genug. Was Weiler bereits verinnerlicht hat. «Unser Ziel ist es, erfolgreicher zu sein als in den letzten zwei Jahren.»

Trotzdem: Wieso Anderlecht? Weiler sagt: «Anderlecht ist ein hochprofessionell geführter Klub. Das Engagement ist eine grosse, spannende Herausforderung und zudem eine neue, wertvolle Lebenserfahrung.» Viel mehr, beispielsweise über das Leben in Belgien, kann er noch nicht sagen. «Viel mehr als den Flughafen, das Stadion, das Trainingsgelände und das Hotel habe ich nicht gesehen.»

Der Anfang einer nun in Schwung gekommenen Trainerkarriere: René Weiler schaffte mit dem FC Aarau den Aufstieg in die Super League.

Der Anfang einer nun in Schwung gekommenen Trainerkarriere: René Weiler schaffte mit dem FC Aarau den Aufstieg in die Super League.

Keystone

Und wie organisiert er sein Leben? Bleibt die Familie in Zürich oder disloziert sie nach Belgien? «Das weiss ich alles noch nicht. Wir sind dran, die neue Situation zu regeln. Klar ist, dass das Wohl meiner Frau und meiner Kinder immer an erster Stelle steht. Hätten sie dem Wechsel nicht vorbehaltlos zugestimmt, wäre ich heute nicht hier.» Vielleicht kehrt Weiler ja schon bald wieder in die Schweiz zurück. In der 3. Qualifikationsrunde zur Champions League besteht die Möglichkeit, dass Anderlecht auf YB trifft.