Leichtathletik
René Fasel über Russlands Suspendierung: «Diese Aktion ist sehr politisch»

Das hat es so noch nie gegeben. Ein ganzer Sportverband wird kollektiv bestraft. Eine notwendige Massnahme im Kampf gegen Doping oder ein von der Politik gesteuerter Versuch, Wladimir Putin und Russland zu schaden?

Klaus Zaugg
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Verstehen sich gut: René Fasel (l.) und Wladimir Putin – hier anlässlich eines Eishockey-Freundschaftsspiels in Sotschi am 5. Oktober 2015.keystone

Verstehen sich gut: René Fasel (l.) und Wladimir Putin – hier anlässlich eines Eishockey-Freundschaftsspiels in Sotschi am 5. Oktober 2015.keystone

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Er kennt Wladimir Putin und ist wahrscheinlich der westliche Sportpolitiker mit der grössten Sensibilität für die Kultur und den Sport in Russland. Dr. René Fasel präsidiert seit 1994 den internationalen Eishockeyverband (IIHF) und gehört seit 2008 zum IOC-Exekutivrat. Eine makellose Karriere ohne den Schwefelgeruch des Skandals.

Die Bekämpfung des Dopingmissbrauchs und der Spielmanipulationen sind für René Fasel zentrale Anliegen. Gerade deshalb sieht er die Suspendierung Russlands kritisch. «Ich bin gegen Kollektivstrafen. Hier handelt es sich um eine kollektive Bestrafung, die auch Athletinnen und Athleten trifft, die sich nichts haben zuschulden kommen lassen. Diese Suspendierung ist auch juristisch heikel. In einem Rechtsstaat ist es üblich, dass die Schuld bewiesen werden muss und nicht die Unschuld. Der gesamte Bericht zu diesem Fall enthält sehr viele unbewiesene Vermutungen.»

Logische Schlussfolgerung: Wenn eine Bestrafung juristisch fragwürdig ist, dann ist es ein politisch motiviertes Vorgehen. René Fasel sagt: «Ja, diese Aktion ist sehr politisch. Es geht einfach nicht, dass gleich vermutet wird, Wladimir Putin habe mit dieser Sache etwas zu tun. Er hat wahrlich anderes zu tun. Es sind zwar zwei verschiedene Fälle – aber trotzdem erlaube ich mir diese Bemerkung: Es ist auch niemandem eingefallen, den US-Präsidenten mit dem Fall Armstrong in Zusammenhang zu bringen.»

Das Denken des Kalten Krieges ist zurück

René Fasel sagt, die Annahme, es gebe in Russland einen von oben gesteuerten oder gar angeordneten Dopingmissbrauch sei ein Missbrauch des Sports für politische Ziele und Zwecke. Das Denken des Kalten Krieges sei zurück und der ganze Fall habe seinen Ursprung in Nordamerika. «Das ist sehr bedauerlich. Wenn wir die Probleme dieser Welt lösen wollen, dann müssen wir endlich dieses Denken überwinden. Dann müssen wir endlich begreifen, dass wir nur gemeinsam Lösungen finden können.»

Gibt es in Russland eine böse Betrugs- und Dopingkultur? Tickt Russland im Sport anders als der Rest der Welt? «Nein», sagt René Fasel. «Der Sport hat in Russland eine sehr grosse Bedeutung – wie in anderen Ländern auch. Wladimir Putin ist sportbegeistert und er freut sich über russische Erfolge – wie andere Staatsoberhäupter auch. Aber es ist auch so, dass die Russen verlieren können. Sie akzeptieren Niederlagen. Ein gutes Beispiel dafür ist das olympische Eishockey-Turnier in Sotschi. Die Viertelfinalniederlage gegen Finnland war für die Russen eine sehr, sehr schmerzliche. Auch und gerade für Wladimir Putin. Wir haben nach dem Spiel gesprochen und er hat diese Niederlage akzeptiert und selber gesagt: Wir waren nicht gut genug, die Finnen waren besser. Die Russen haben noch nie versucht, im Eishockey mit politischem Druck etwas zu erreichen. Sie akzeptieren sportliche Entscheidungen. Wir müssen uns von dieser Vorstellung eines bösen Russland lösen und die Zusammenarbeit suchen. Nicht die Konfrontation.»

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