Renato Steffen, wie sehr nervt es Sie, dass Sie ausgerechnet das Spiel gegen Ihren Ex-Club YB verpassen?

In Spielen gegen YB bin ich sicher immer zusätzlich motiviert, aber schlussendlich ist es ein Gegner wie jeder andere. Darum ist es vielleicht auch halb so schlimm, dass ich nicht spielen kann. Es nervt aber schon ein bisschen, weil es schön gewesen wäre, zu Hause gegen sie zu spielen.

Wie unterscheidet sich ein Heimspiele gegen YB von einem in Bern?

Hier höre ich weniger, dass die YB-Fans pfeifen (lacht). Nein im Ernst, mit den Fans im Rücken und in diesem Stadion ist es sowieso immer schön, wenn es dann noch das Spiel Erster gegen Zweiter ist umso mehr. Natürlich kommen unsere Fans auch zahlreich nach Bern, aber es ist immer etwas gehässiger, wenn ich dort spielen muss.

Können Sie nachvollziehen, dass Ihnen die YB-Fans den Transfer nach wie vor übel nehmen?

Ja, sicher. Der FCB ist ein direkter Konkurrent von YB und hat die Nase immer vorne. Aber am Schluss geht es um meine Karriere, da kann ich nicht auf Wünsche von einzelnen Fans Rücksicht nehmen. Ich muss schauen, was für mich am besten ist. Wenn ich zurückschaue, war bislang jeder Schritt richtig und wichtig. Und ich weiss auch, dass ich jeder Station viel zu verdanken habe.

Haben Sie gewusst, auf was Sie sich mit dem Wechsel einlassen?

Das war mir bewusst, von beiden Seiten her. Aber es war noch nie so, dass ich den einfachen Weg genommen habe und das werde ich auch nie. Ich werde immer versuchen, den harzigen zu nehmen. Das zeigt, dass ich die Motivation habe, um mich durchzubeissen. Das will ich beibehalten.

Brauchen Sie diesen Widerstand?

Ja, ein bisschen brauche ich das schon. Ich habe es nicht gerne, wenn es zu einfach geht. Ich muss immer den Ansporn haben, dass ich mich beweisen muss. Daher habe ich meine Schritte auch immer so gewählt.

Woher kommt das?

Mir wurde von klein auf nie etwas geschenkt. Ich musste immer mehr machen als alle anderen. Dass ich das beibehalte, hat den Grund, dass bei mir eine Lockerheit aufkommt, wenn es zu einfach geht. Und die habe ich nicht gerne.  Dann ist die Motivation nicht so da. Das ist ein riesen Kreislauf, unter dem die Leistung leiden würde.

Sie erlebten vor ihrem Wechsel zu YB einen kometenhaften Aufstieg – mussten in Bern dann anfangs aber ziemlich kämpfen. Wie kam das?
Dort waren andere Faktoren im Spiel. Ich hatte das erste Mal viel verdient, habe das alles nicht gekannt und es war, glaube ich, erst mein zweites Jahr im Profisport. Ich wusste noch nicht, wie ich mich genau verhalten musste. Der Verein war grösser, das Geld war mehr. So wurde das erste halbe Jahr zu einer Lernphase, die ich durchlaufen musste. Das war eine schwierige Zeit, in der ich weniger oder gar nicht spielte. Aber ich bin auch einer, der oft erst den Kopf anschlagen muss, bis er etwas merkt. Im Winter hatte ich dann ein Gespräch mit Trainer Uli Forte und dem Präsidenten, in dem sie mir vor Augen führten, dass es so nicht weitergehen kann, weil ich sonst keine Zukunft hätte bei YB. Das war der Anstoss, den ich brauchte, um das Ganze ernst zu nehmen und etwas zu ändern.

Bei YB spielte Steffen unter Trainer Forte.

Bei YB spielte Steffen unter Trainer Forte.

Sie haben kürzlich in einem Interview gesagt, in dieser Zeit Fehler gemacht zu haben. Welche das waren?
Ich habe mich zu fest vom Fussball abdrängen lassen. Ich habe mich anfangs bei YB unantastbar gefühlt, so, als könnte mir niemand etwas anhaben. Und so habe ich dann auch gelebt. Ich bin viel raus gegangen, habe mir ein schönes Auto gekauft. Das hätte ich mir im Nachhinein auch gekauft, vielleicht einfach zu einem anderen Zeitpunkt und nicht zwei Monate nach meinem Wechsel zu YB. Das sind alles Sachen, die ich jetzt nicht mehr so machen würde. Aber ich bereue sie nicht.

Gibt es etwas, was Sie bereuen?
Nein, eigentlich nichts. Bei allem, was ich mache, auch wenn es nicht immer gut ist, stehe ich dazu, dass ich es gemacht habe. Es hat immer einen Grund, wieso ich Dinge tue. Vielleicht manchmal auch genau darum, um umzufallen und etwas daraus zu lernen.

Also lernen Sie auch tatsächlich etwas aus Ihren Fehlern.
Das wäre noch von Vorteil. Wenn ich Fehler mache, versuche ich diese nicht zweimal zu machen. Und die kann ich mir eingestehen. Auch wenn es manchmal etwas Zeit braucht und ich das nicht gerne tue.

Machen Sie solche Fehler vielleicht auch deshalb, weil Sie sehr emotional sind?
Auf jeden Fall. Hinzu kommt, dass ich in der Phase, in der ich frisch bei YB war, viele Freunde hatte, die mir gut zugeredet haben. Solche, von denen ich lange nichts mehr gehört hatte, aber auch Leute, die ich neu kennengelernt hatte. Denen wollte ich eine Chance geben, ich bin ein offener Mensch. Aber so vertraut man auch mal den falschen Menschen, denen, die nur profitieren wollen. Als es mir dann nicht so lief, ich wenig oder gar nicht gespielt habe, hat sich dann gezeigt, wer wirklich zu mir steht und wer meine richtigen Kollegen sind. So hat sich mein Umfeld gefiltert und verkleinert, wurde zeitgleich aber umso wichtiger.

Nach Ihrem Wechsel zu Basel kamen Sie in ein neues Umfeld, in die Höhle des Löwen. Sie trauten sich anfangs gar nicht in die Stadt. Hat sich das etwas geändert?
Mittlerweile bin ich schon viel mehr in der Stadt, ja. Ich will den Ort, an dem ich wohne und spiele, auch kennenlernen. Ich bewege mich zwar immer etwa an den gleichen Orten, gehe aber immer neue Wege, damit ich mich langsam zurechtfinden kann. Und es gibt ja genügend Leute, die mir zeigen können, wo ich hin soll. Tauli (Xhaka, Anm. d. Red.) zum Beispiel.

Renato Steffen im Video-Porträt – so stellte der FC Basel seinen Neuzugang vor.

Renato Steffen im Video-Porträt – so stellte der FC Basel seinen Neuzugang vor.

War er auch dabei, als Sie sich erstmals in die Stadt wagten?
Nein, da war Tauli nicht dabei, da war ich mit meiner Familie unterwegs. Das war im Sommer letzten Jahres. Wir wollten einkaufen gehen und ich ihnen die Stadt zeigen. Und genau dann ist einer auf mich zugekommen und hat mich dumm angemacht. Vor meiner Familie. Wenn du dann mal raus gehst und gleich so einen Eindruck bekommst, ist das natürlich schade.

Was ist genau passiert?
Der Typ hat mich gesehen, ist zu mir gekommen und hat mir gesagt, ich solle aus Basel weggehen, er wolle mich hier nicht haben. Dann habe ich ihm gesagt, dass er keinen Respekt habe, mir so etwas vor meiner Familie zu tun. Er solle das irgendwo sonst machen, aber nicht, wenn meine Familie dabei ist. Ich wollten doch einfach nur durch Basel laufen.

Ist so etwas seither noch einmal passiert?
Nicht mehr wirklich. Eher das Gegenteil war der Fall, dass Leute zu mir gekommen sind und Freude haben, dass ich da bin. Die haben ihre Meinung geändert, waren anfangs nicht einverstanden mit meinem Transfer aber finden es mittlerweile gut und sagen mir das auch. Das finde ich schön, dass es auch solche Leute gibt, die offen sind und sich umstimmen lassen.

Es ist ja vor allem ihre emotionale Art, die provoziert. Das hat man ja zuletzt in St. Gallen gesehen, als Sie unter einem gellenden Pfeifkonzert den Platz verliessen. Auch wenn die Pfiffe da auch Davide Callà gegolten haben könnten…
Ich glaube, die waren für beide (lacht).

Wie gehen Sie damit um, fast überall ausgepfiffen zu werden?
Wenn du immer wieder mit Situationen konfrontiert wirst lernst du irgendwann, damit umzugehen. Am Anfang hat es mich gestört, mittlerweile ist es eher das Gegenteil. Ich finde es gut, wenn laute Stimmung herrscht. Dann bin ich nämlich immer top motiviert.

Also frei nach Cristiano Ronaldo: Pfiffe als Antrieb.
Ja, das kann man schon ein bisschen so sehen. Denn genau in diesen Spielen kann ich den Leuten zeigen, dass sie keinen Grund dazu haben.

Ist Ronaldo Ihr Vorbild? Früher war es ja David Beckham.
An Beckham hat mich immer seine elegante Art fasziniert. Schade, dass er nicht länger gespielt hat. Daher ja, liegt der Fokus jetzt auf Ronaldo. Er ist mein grosses Vorbild.

Was beeindruckt Sie an ihm?
Vor allem die Art, wie er mit Situationen umgeht. Er zieht immer seine Linie durch, es ist ihm egal, was die Leute sagen, und er weiss, was er kann. Das ist sehr beeindruckend für mich.

Wie hat Ihnen die Statue gefallen?
Eine Katastrophe! Die ist wirklich richtig schlecht! Aber als Fussballer ist es sicher schön, wenn man so etwas gewidmet bekommt.

Der Renato-Steffen-Flughafen in Basel, das wäre doch auch was.
(Lacht) Ich weiss nicht, ob da jeder Freude hätte!

Zurück zu den Pfiffen. Erstmals damit konfrontiert wurden Sie in Thun nach Bekanntwerden des Transfers zu YB.
Das war nicht schön. Ich hatte eine gute Saison, ein gutes Gefühl, auch mit den Fans. Und dann haben sie mich im Spiel gegen St. Gallen ausgepfiffen. Das mochte mich sehr und das wiederum hat sich auf dem Platz widergespiegelt. Ich habe sehr ängstlich gespielt und musste früh raus. Gleich im Anschluss hatte ich dann das Gespräch mit Urs, der mir sagte, ich müsse damit umgehen können.  Aber ich habe ihm dann erklärt, dass ich vielleicht noch ein paar Mal so reagieren werde. Wenn etwas neu ist, dann brauche ich meine Zeit, um mich daran zu gewöhnen.

Bei Thun gelingt Steffen der Durchbruch.

Bei Thun gelingt Steffen der Durchbruch.

Das Eine waren die Pfiffe, das Andere, als Sie als Noch-Thun-Spieler bereits im YB-Trikot posierten.
Das würde ich nicht mehr machen. Aber in dem Moment hatte ich einfach nur Freude – und es war, glaube ich, auch nicht nur meine Aufgabe, zu erkennen, dass das falsch ist.

Zuerst der Wechsel zwischen den Kantonsrivalen, dann der zum FCB, obwohl YB sie gerne behalten hätte. Wieso sind Sie trotzdem gegangen?
Einerseits war ich nicht ganz einverstanden damit, wie sie die Vertragsverlängerung gehandhabt haben. Die Verlängerung, oder zumindest der Vorschlag dafür, hätte früher kommen müssen. Ich habe damals bewusst nicht viel dazu gesagt, weil das nicht meine Art ist. Aber so habe ich die Wertschätzung nicht gespürt. Hätten sie mich unbedingt behalten wollen – was sie wollten, das weiss ich – dann hätten sie frühzeitig auf mich zukommen müssen. Ich war im letzten Jahr meines Vertrages. Sie hätten mir einen Vertrag hinlegen können und damit zeigen, dass sie mich wollen und ich wichtig bin. Als ich dieses Zeichen nicht bekommen habe, hat es mir abgelöscht. Wie es dann gekommen ist, sieht man ja.

Sie haben beide Vereine von innen erlebt. Wie turbulent ist YB wirklich?
Von Innenleben der Mannschaften her war es auch bei YB ruhig. Auch in schwierigen Zeiten. Wir wussten, was wir können, und auch, dass wir mehr gekonnt hätten. Aber hier beim FCB hat das ganze Team diese Winnermentalität. Die ist von oben bis unten durchgezogen. Du kannst nicht anders, als mitziehen. Und auch die Beziehung zum Sportchef und dem Präsidenten ist auf sehr menschlicher Ebene. Du spürst, dass sie dich schätzen, deinen Charakter annehmen und diesen auch nicht ändern, sondern höchsten verbessern wollen. Vielleicht habe ich mich auch deshalb hier so schnell wohlgefühlt.

Sie gelten auch als begnadeter Trash-Talker. Ist da etwas dran?
(lacht) Ich würde jetzt nicht sagen, dass ich das nicht beherrsche. Handkehrum muss ich mir auch sehr viel anhören. Im Gegensatz zu anderen reagiere ich aber einfach nicht darauf.

Was war das Übelste, dass Sie sich haben anhören müssen?
Wo kann man eine Person am meisten verletzen? Wenn es um Leute geht, die einem nahe stehen. Daher ist die Mutter meistens im Spiel.

Stichwort Familie: Sie haben eine ältere Schwester, die auch Fussball spielt.
Nicht mehr. Ganz früher war sie erfolgreicher als ich. Sie spielte bei Aarau, als ich auch noch dort war. Und sie war auch schneller als ich. Aber das hat sich dann schnell mal geändert.

Woher kommt die Schnelligkeit in der Familie?
Meine Schwester hatte den Speed von der Leichtathletik. Aber wir haben es sicher auch in den Genen. Mein Vater spielte auch Fussball, war auch klein und schnell. Und meine Mutter hat auch Leichtathletik gemacht.

Wie wichtig ist Ihnen die Familie?
Sehr wichtig. Bei YB gab es Zeiten, als ich den Kontakt zu meinen Eltern etwas habe schleifen lassen. Ich ging nicht mehr oft nach Hause, habe alles selber versucht zu regeln. Und dann kommst du irgendwann an den Punkt, an dem dir alles zu viel wird.  Dann, nach diesem Gespräch im Winter, ging ich wieder mehr nach Hause. Mittlerweile gehe ich wieder mindestens einmal pro Woche nach Hause. Das schätzen sie sehr und auch mir tut das gut.

Zurück zu Ihrer Karriere. Welche Liga würde Sie reizen?
Die Bundesliga und die Premier League sind die Ligen, die ich verfolge und in denen ich gerne mal spielen würde. Das ist mein Ziel. Wenn ich weiter an mir arbeite, dann kann ich das auch schaffen.  Ich weiss, dass ich dafür noch viel machen muss.

Wäre ein solcher Schritt auch notwendig, um Ihr Standing in der Nati zu verbessern?
Wen man sieht, dass Michi Lang (bis ich nachberufen wurde) der einzige Spieler aus der Super League war, dann muss man vielleicht schon sehen, dass es manchmal weitere Schritte braucht, einen anderen Rhythmus, bei denen man sich auch weiterentwickeln kann. Es ist nicht einfach, wenn man immer so weit voraus ist. Jetzt sind es 17 Punkte, vor einem Jahr waren es zu diesem Zeitpunkt 14. Dann ist es schwierig, immer an die Grenzen zu gehen.

Steffen debütierte am 9. Oktober 2015 in der Nationalmannschaft.

Steffen debütierte am 9. Oktober 2015 in der Nationalmannschaft.

Was würde denn helfen?
Ich würde mir auch wünschen, dass es mal wieder spannender wäre. Wenn ein oder zwei Spiele ein anderes Team an der Spitze wäre und man dann genau weiss, dass man gewinnen muss, weil man sonst überholt wird oder einen Platz nach unten rutscht. Dann bist du auch 100 Prozent fokussiert und kannst deine Leistung abrufen. Spiele, wie es jenes gegen Zürich eines war, sind Spiele, die ich vermisse. Die würden meine Leistungen und mein Verhalten wieder steigern. Denn in diesen Momenten habe ich diese Anspannung und Nervosität, die mich fördert.

Wie schafft ihr es trotzdem, den Fokus zu behalten?
Weil jeder im Team gewinnen will und möglichst viele Punkte sammeln will. Wir wollen zeigen, dass wir die beste Mannschaft sind. Und wenn wir so spielen, ist die Freude auch wieder viel grösser als in der Vorrunde und dann lieben wir den Fussball, den wir spielen. So können wir uns trotz komfortabler Ausgangslage immer wieder motivieren.

Inzwischen ist Steffen auch bei den FCB-Fans akzeptiert.

Inzwischen ist Steffen auch bei den FCB-Fans akzeptiert.

Wie wichtig ist dabei Urs Fischer?
Sehr wichtig! Er stellt uns Woche für Woche ein und betont immer wieder, wie wichtig das ist. Wir haben uns mit gewissen Rekorden auch Ziele gesteckt. Das motiviert auch. Wir spielen komplett anders als in der Vorrunde. Und auch wenn viel über ihn geschrieben worden ist, kann er die Mannschaft noch immer erreichen. Das schafft er und das ist auch ein gutes Zeugnis für ihn.

Steffen und Trainer Fischer gewannen im letzten Jahr die Meisterschaft: Es war der erste Titel für beide.

Steffen und Trainer Fischer gewannen im letzten Jahr die Meisterschaft: Es war der erste Titel für beide.