«Was für eine Nacht, was für eine Show!»: Das war die Boss Art Championship im Theater Casino Zug

«Was für eine Nacht, was für eine Show!»: Das war die Boss Art Championship im Theater Casino Zug

Bild: Philipp Schmidli (Zug, 15. Februar 2020)

Die vierte Austragung der Boss Art Championship wird zum stimmungsvollen Karrierehöhepunkt von zwei Zuger Kickboxern.

Stephan Santschi und Raphael Biermayr
Drucken
Teilen

00.15 Uhr, Sonntagmorgen. Die Stimmung im Theater Casino in Zug erfährt einen letzten, dafür sehr emotionalen Höhepunkt. Philipp Stöckli bezwingt seinen armenischen Kontrahenten Tigran Gevorgyan nach Punkten und gewinnt in der Thaibox-Klasse bis 76 Kilo den Weltmeistertitel des Verbands AFSO.

Bild: Philipp Schmidli (Zug, 15. Februar 2020)

«Was für eine Nacht, was für eine Show! Es ist eine riesige Freude, vor diesem coolen Publikum fast in meinem Zuhause zu kämpfen», sagt Stöckli kurz darauf am Mikrofon, erschöpft von den Strapazen im Ring.

Später, in der Garderobe und nach unzähligen Gratulationen und Fotowünschen, lässt er das Geschehene ein erstes Mal in Ruhe Revue passieren. «Dieser Erfolg hat einen hohen Stellenwert für mich, er ist nach zwei EM- und einem Interkontinental-Titel mein bisher wertvollster. Zehn Wochen habe ich mich intensiv darauf vorbereitet», erzählt der Krienser, der in Emmenbrücke aufgewachsen ist und als Kampfsport- und Fitnesstrainer im Talos-Gym in Baar arbeitet. Speziell: Fast wäre der Höhepunkt seiner Karriere mit dem Geburtstag zusammengefallen – am Samstag wurde Stöckli 30 Jahre alt.

Diego Baldelli

Diego Baldelli

Bild: Philipp Schmidli (Zug, 15. Februar 2020)

Das Talos-Gym war dabei der Veranstalter der vierten Boss Art Championship. Genauer gesagt war es eine One-Man-Show, den das Organisatorische lief fast ausschliesslich über Geschäftsleiter Diego Baldelli. Nach drei Austragungen in der Zuger Bossard-Arena wechselte der Kampfsportevent ins Theater Casino. «Mir wuchs die ganze Sache mit dem Drumherum etwas über den Kopf. Hier ist alles im kleineren Rahmen, dafür mit Fokus ganz auf dem Kampfsport», erklärt der 37-Jährige aus Neuheim.

Gewinn geht an die Kinderkrebshilfe

Die Palette der Kämpfe ist dabei breit gefächert. Dort, wo sonst Theaterstücke oder Konzerte aufgeführt werden, sehen die Zuschauer auf bequemen, roten Sesseln Duelle im Boxen, K1, Thaiboxen und Mixed Martial Arts – während über sieben Stunden stehen 19 Duelle auf dem Programm. Der Saal ist mit über 600 Eintritten sehr gut gefüllt, trotzdem wünscht sich Baldelli noch etwas mehr Interesse von Leuten, die nicht kampfsportaffin sind. «In unserer Szene haben wir einen Namen, in der Schweiz ist dies eine der professionellsten Veranstaltungen. Noch tun wir uns aber schwer damit, jenes Publikum zu erreichen, das sich einfach unterhalten lassen will.» Bemerkenswert: Da die Veranstaltung am internationalen Kinderkrebstag stattfindet, geht der Gewinn, rund 4500 Franken, vollumfänglich an die Kinderkrebshilfe Schweiz.

Für Unterhaltung ist am letzten Samstag jedenfalls mehr als gesorgt. Sie beginnt schon beim Einlaufen der Athleten, die vor ihren Kämpfen jeweils im Scheinwerferlicht und zu fetten Bässen die Treppe hinunter zum Kampfring tänzeln – der Selbstinszenierung sind kaum Grenzen gesetzt. Am Ort des Schauplatzes angekommen, lassen sie sich vom Schiedsrichter fast liebevoll inspizieren. Die Beine werden mit Tüchern getrocknet, der Körper auf Piercings untersucht, die Boxhandschuhe betastet und beschnuppert. Dann legen sie los, die Gladiatoren, decken sich mit Faustschlägen und Tritten ein. Die Köpfe bluten, die Körper sind von Prellungen gezeichnet. Künstlicher Nebel über der Bühne macht die geladene Atmosphäre noch martialischer. Die Coaches stehen ihren Schützlingen mit Ratschlägen zur Seite, manch einer wirkt wie ein Sportreporter, der jede Szene kommentiert. Der deutsche Junior Umut Yumuk ist nahe am Knock-out, torkelt durch den Ring. Der Arzt checkt mit der Taschenlampe seines Handys die Pupille und ordnet die Aufgabe an.

Bild: Philipp Schmidli (Zug, 15. Februar 2020)

Viele Zuschauer feuern ihre Lieblinge an, johlen bei harten Treffern, jubeln bei Siegen und buhen bei Unentschieden. Andere beobachten die Szenerie zurückhaltend.

Blerta Quni aus Steinhausen sorgt für Hexenkessel

Nicht jeder Kampf hält allerdings das, was er verspricht. Der als eines der Highlights angepriesene Fight im Mixed Martial Arts wird sogar zur Lachnummer. «Ist das hier eine Kuschelstunde oder was?», ruft ein Zuschauer auf den vorderen Plätzen und der Mann im feinen Zwirn im VIP-Bereich schüttelt dezent den Kopf– derart vorsichtig gehen der optisch einschüchternde Serbe Danijel Arandjelovic und der Schweizer Rahim Tyson miteinander um. Dabei ist diese Art des Kampfsports wegen ihrer Brutalität eigentlich umstritten, da man auch am Boden liegend attackiert werden kann. Der Serbe gewinnt schliesslich, weil sich der Schweizer trotz Tiefschutz nicht von einem Tritt ins Gemächt erholt.

Zum Hexenkessel wird der Theatersaal beim Auftritt von Blerta Quni. Die 23-jährige Steinhauserin mit kosovarischen Wurzeln kämpft erstmals in ihrer Karriere um einen Schweizer-Meister-Titel. Und gewinnt nach fünf Runden in der Kategorie bis 55 Kilo gegen die Baslerin Dominique van Dooren.

Blerta Quni (rechts) gegen Dominique van Dooren

Blerta Quni (rechts) gegen Dominique van Dooren

Bild: Philipp Schmidli (Zug, 15. Februar 2020)

«Das war eine Megastimmung», schwärmt sie später. Ihre Stimme ist heiser, weil sie eigentlich an einer Grippe leidet. Ein Bluterguss an der Schläfe und ein geschwollenes Schienbein zeugen von der Knochenarbeit. «Morgen werde ich mich fühlen, als ob mich ein Lastwagen überfahren hätte», sagt sie und lacht. Bis in vier Jahren möchte die Athletin des Talos-Gym in Baar auch Europa- und Weltmeisterin sein.

Blerta Quni posiert nach ihrem siegreichen Kampf anlässlich der Boss-Art Championship 2020 im Theater Casino Zug am Samstag, 15. Februar 2020.

Blerta Quni posiert nach ihrem siegreichen Kampf anlässlich der Boss-Art Championship 2020 im Theater Casino Zug am Samstag, 15. Februar 2020.

Philipp Schmidli / PHILIPP SCHMIDLI | Fotografie

Quni gewinnt den Schweizer-Meister-Titel

Bei fünf von 19 Kämpfen an den Boss Art Championship in Zug wurden Titel vergeben. Neben dem WM-Titel von Philipp Stöckli konnte sich das organisierende Talos-Gym über einen zweiten grossen Erfolg freuen: Die Zugerin Blerta Quni gewann den Schweizer-Meister-Titel im K1 dank eines Punktsiegs gegen Dominique van Dooren (Universal Gym Basel). Es war ihr erster Titelkampf über fünf Runden und die gelungene Hauptprobe für den ersten Profikampf der 23-Jährigen im April.

Auch die Gesamtbilanz der Talos-Kampfsportschule in Baar kann sich sehen lassen. Von insgesamt sieben Kämpfen gewannen ihre Athleten deren fünf. Neben den Erwähnten setzten sich die Boxer Subi Parameswaran und Ali Karimi sowie der K1-Kämpfer Lukas Lochmann durch. Niederlagen kassierten hingegen Michelle Steiner (K1) und Ronny Ghonda (Boxen).

Die weiteren Titelgürtel gingen fast alle ins Ausland. Der Serbe Danijel Arandjelovic ist der Weltmeister im Mixed Martial Arts. Und der Juniorenweltmeister im K1 heisst Paolo Cannito (Pro Fighting Santeramo Italien). Den Europatitel im K1 sicherte sich hingegen mit dem Berner Carlo Meichtry ein Schweizer. Er bezwang den Kongolesen Chris Obiango (Team de Sousa Deutschland) nach Punkten.

Aktuelle Nachrichten